Geister ohne Scheu vor Gegenwart

24. Mai 2010, 18:38
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Apichatpong Weerasethakuls Film "Uncle Boonmee" überragte den Wettbewerb des 63. Festivals von Cannes - Die Jury unter Tim Burton stellte mit ihren Entscheidungen Kinoliebe unter Beweis

Ich möchte mich bei den Geistern und Gespenstern in Thailand bedanken", sagte Apichatpong Weerasethakul bei seiner Dankesrede Sonntagabend im Palais des Festivals. Der 39-jährige Gewinner der Goldenen Palme empfand seine Ehrung als surreal - kein Wunder, konnte er doch erst in letzter Sekunde aus seiner von Unruhen gebeutelten Heimat nach Cannes kommen. Dort stieß sein Film Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives nicht nur bei Publikum und Filmkritik auf Begeisterung, sondern auch bei der von Tim Burton angeführten Jury.

Geister und Wiedergänger sind in Uncle Boonmee, dem fünften Langfilm von Weerasethakul (Tropical Malady), ein selbstverständlicher Teil irdischen Lebens. Im Mittelpunkt des Films stehen die letzten Tage eines Bienenzüchters in einer nahe am Dschungel liegenden Region im Nordosten Thailands. Ein Mann, der sich an frühere Leben erinnern kann und mit seinen verblichenen Liebsten im Austausch steht: Als freundlicher Geist materialisiert sich seine Frau beim abendlichen Zusammensein, dann tritt auch noch ein affenähnliches Wesen mit roten Augen hinzu, das sich als verschollener Sohn zu erkennen gibt.

Uncle Boonmee war die mit Abstand umwerfendste Erfahrung im Wettbewerb dieses Jahres. Ein Film, der innerhalb bestehender Bild- und Filmtraditionen eine neue Sprache erschafft - Spiritualität, populäre Mythen, Geschichte und modernistische Formen führt der Regisseur, der auch in Kunstkontexten reüssiert, auf bezwingende Weise zusammen. Im Mittelteil begegnet man zum Beispiel einer Prinzessin aus der Vergangenheit, die sich nach ihrem verführerischeren Ebenbild in einem Teich verzehrt und sich schließlich mit einem sprechenden Katzenwels vereint.

Bei aller Sinnlichkeit, die sich auch über intensives Dschungelgezirpe auf der Tonebene einstellt, bleibt Uncle Boonmee offen für politische Verwerfungen - die Region im Film war Schauplatz von Massakern an kommunistischen Bauern, was die daran beteiligte Hauptfigur nun um das Karma für ihr nächstes Leben bangen lässt. Die aktuellen Ereignisse in Thailand mögen Weerasethakuls Triumph in diesem Sinne mitermöglicht haben - das ist diesfalls allerdings nur gerecht.
Selbstsicher, hohes Niveau

Auch mit den übrigen Entscheidungen bewies die Jury eine ungewohnt sichere Hand: Xavier Beauvois' favorisiertes Drama Des hommes et des dieux, das eine aus politischer Bedrängheit aufkeimende Glaubenskrise unter Mönchen in Algerien konzentriert nachstellt, gewann den Großen Preis der Jury. Als bester Regisseur wurde ein wenig überraschend der Franzose Mathieu Amalric für seinen energetischen Film Tournée um einen Produzenten und seine lebensgierige New-Burlesque-Truppe prämiert.

Man kann den Wettbewerb 2010 als einen stilistisch selbstsicherer Autoren resümieren, die vielleicht nicht über sich hinauswuchsen, aber auf hohem Niveau erfreuten: Mit Lee Chang-dongs kunstvollem Film Poetry (bestes Drehbuch) über die Suche einer älteren Frau nach Inspiration sowie dem aufrichtig humanistischen Kriegsdrama Un homme qui crie von Mahamat Saleh Haroun (Preis der Jury) gingen zwei Filme dieser Art nicht leer aus.

Zu Recht kritisiert wurde das völlige Fehlen von Regisseurinnen im Wettbewerb, zumal mit verwässertem Arthouse-Befindlichkeitskitsch wie Chongqing Blues von Wang Xiaoshuai oder Biutiful von Alejandro González Iñárritu (der Javier Bardem einen Schauspielerpreis einbrachte) sowie dem müden US-Politthriller Fair Game auch manch Entbehrliches zu sehen war.

Und schließlich war es das Festival der Langfilme, die von der Seite ins Zentrum strahlten: Drei Stunden bei Ceauºescu in Andrei Ujicas gespenstischer Archiv-Doku, drei Stunden Amoklauf in Slow Motion bei Cristi Puius Aurora, schließlich fünfeinhalb Stunden in Olivier Assayas' für das Fernsehen konzipiertem Bio-Pic Carlos. Dieses interpretiert den Terroristen (großartig: Édgar Ramírez) mit Pop-Gestus als Selbstdarsteller und Frauenhelden, dessen Fanatismus auch als Produkt eines wahnhaften Männlichkeitsbilds erscheint: "My name is Carlos. You may have heard of me." (Dominik Kamalzadeh aus Cannes, DER STANDARD/Printausgabe 25.5.2010)

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