Die Tribüne mit Blick auf Nichts ist Kunst

21. Mai 2010, 20:27
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Im sechsten Wiener Gemeindebezirk steht bis Ende Oktober eine klobige Holztribüne

Wien - Eines der Dilemmata, mit denen sich Künstler, die den gern im (kultur)politischen Mund geführten "öffentlichen Raum" bespielen, herumschlagen müssen, ist die Kunst-Ignoranz der Benutzer ebenjener öffentlicher Räume: Kaum sind alle getragenen, wohlgesetzten und von der Analyse etlicher Meta- und sonstiger Ebenen durchdrungenen Eröffnungsworte von Kuratoren, Juroren und ob ihrer eigenen Kunstsinnigkeit begeisterter Politiker verhallt, ist den Städtern wurscht, was da an Werk (samt Kontext) im Stadtbild klotzt.

Dass etwa jene klobige Holztribüne, die in Mariahilf seit Mitte April bei der Treppe zum Esterhazypark steht, weder einen Triumphzug der Bezirksvorsteherin noch den Zieleinlauf eines Tretautorennens flankieren soll, weiß kaum jemand. Den meisten Passanten ist das Gebilde egal - und auch die Junkies und Alkis, die (wenn es nicht regnet) auf den Stufen gern trinken, grölen oder schlafen, interessiert nicht, dass hier bis Oktober Kunst steht: Wendelin Pressl sagt über seine "Revue" nämlich: "Von der Tribüne lässt sich schön das Treiben beobachten." Das könnte stimmen, tut es aber nicht. Denn das einzige „Treiben", das im Esterházypark Passanten, Bus- und Autonutzer tatsächlich staunen macht und verharren lässt, sind die Kletterer am Flakturm - aber die sind von der Tribüne aus nicht zu sehen. (rott/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23./24. Mai 2010)

  • Kunst im öffentlichen Raum ist oft wie des Kaisers neue Kleider: Zu 
sagen, dass da nichts ist, gilt als unschicklich
    foto: der standard/matthias cremer

    Kunst im öffentlichen Raum ist oft wie des Kaisers neue Kleider: Zu sagen, dass da nichts ist, gilt als unschicklich

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