Der "Gutmütige" vor Gericht: Kein Urteil

21. Mai 2010, 20:06
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Die Geschworenen entschieden mit 5:3 Stimmern für schuldig - Der Richtersenat nahm die Entscheidung der Laienrichter jedoch nicht an

Graz - Immer wieder hatte sich der junge Türke bei Mithäftlingen beklagt: Niemand glaube ihm, er habe das Vertrauen in die Justiz verloren, nachdem er 2004 für einen Mord an einem Pensionisten zu 20 Jahren verurteilt worden war. Nicht er habe den alten Mann mit 80 Messerstichen getötet, sondern "der Lehrer" sei es gewesen, jener Grazer Gymnasialprofessor, der dem jungen Flüchtling ein väterlicher Freund war.

"Der Lehrer" habe mit viel Hass auf den Pensionisten eingestochen, weil dieser die Gemeinschaft des AHS-Lehrers, die Zeugen Jehovas, beschimpft habe. Die Staatsanwaltschaft hielt die Angaben des verurteilten Mörders, der sich in der Haft das Leben nahm, für so glaubhaft, dass sie eine Prozesswiederholung bewirkte, der am Freitag mit den Plädoyers endete.

Der Fall ist so außergewöhnlich wie mysteriös. Es gab nur zwei Erklärungen für diesen Ritualmord: Entweder er war sexuell motiviert, der Täter hat sich vom späteren Opfer bedrängt gefühlt und ihn daraufhin mit großer Hassentladung getötet. Oder ein anderer Täter ("der Lehrer") hat - wie es die Anklage glaubte - um die Seele seines Schützlings, den er zu den Jehovas gebracht hatte, gefürchtet und den alten Mann, ein Alkoholiker, mit einer Art "Satansaustreibung" rituell umgebracht.

Wirkliche Sachbeweise gegen den als "gutmütig" beschriebenen Gymnasiallehrer hatte die Staatsanwaltschaft keine, sondern ein aus vielen Indizien zusammengestelltes Bild eines Pädagogen, dessen ganzes Leben der Religionsgemeinschaft gewidmet ist und der aus dieser tiefen Religiosität getötet habe. Verteidiger Gerald Ruhri hielt dem entgegen, dass die Anklage nur "Mutmaßungen" vorgelegt habe. Es gebe "nicht den geringsten Anhaltspunkt", dass der AHS-Professor den Mord verübt habe. Ruhri zur Frage, warum der Flüchhtling seinen Gönner so schwer belastet habe: "Bei 20 Jahren Karlau ist es nicht die Frage, ob ich ein Motiv habe, eine Geschichte zu erfinden."

Die Geschworenen entschieden mit 5:3 Stimmern für schuldig. Der Richtersenat nahm die Entscheidung der Laienrichter jedoch nicht an. Nun muss neu verhandelt werden. (Walter Müller/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23./24. Mai 2010)

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