Industriellenvereinigung gibt Karl Rückendeckung

21. Mai 2010, 19:09
97 Postings

Industrie-General mahnt tiefergreifende Diskussion ein

Wien - Die Industriellenvereinigung gibt der Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (VP) jenen Rückhalt, den ihr die eigene Partei nach dem Vorstoß für ein "Gymnasium für alle" verweigert: "Dass wir Bewegungsspielraum sehen, haben wir schon vor vier Jahren mit dem Konzept ‚Schule 2020‘ deutlich gemacht. Aber auch unser Papier ist ärgerlicherweise auf die Hülle reduziert worden. Wir dürfen aber nicht nur darüber reden, was auf dem Türschild steht", sagt Industrie-Generalsekretär Markus Beyrer im Gespräch mit dem Standard. Und er verlangt: "Es müssen sich jetzt alle bewegen."

Das betreffe einerseits die ÖVP, die in der Schulpolitik zu wenig Beweglichkeit zeige: Da ginge es nicht nur um mehr Durchlässigkeit, sondern auch um mehr ganztägige Angebote. Umgekehrt erwartet Beyrer von der SPÖ mehr Offenheit bei der Hochschulpolitik.

In der Schulpolitik sieht die Industrie die Schlüssel bei einer höheren Schulautonomie bei gleichzeitiger Einführung einer scharfen externen Leistungskontrolle. Dass die österreichischen Schüler bei Tests wie Pisa relativ schlecht abschneiden, sei auch darauf zurückzuführen, dass sie nicht gewohnt sind, von Fremden geprüft zu werden - in Prüfungssituationen vor Fremden bestehen zu können, sei aber ohnehin eine im späteren Leben wichtige Tugend.

Dass die Wogen in der Bildungspolitik immer an denselben Punkten - Gesamtschule, Studienzugangsbeschränkungen und Studiengebühren - hochgehen, verhindere in Österreich meist eine seriöse Diskussion.

Erst in dieser Woche hat die Industrie bei der Vorstellung ihres Future Monitors festgestellt, dass "Reform und Ausbau unseres Bildungssystems nach finnischem Vorbild die Voraussetzungen dafür (sind), den demografischen Wandel positiv zu bewältigen". Finnische Bildung bedeutet nicht nur Gesamtschule, sondern auch eine hohe Zahl von Hochschulabsolventen. Dies aber bedürfe einer besonderen Steuerung, sagt Beyrer: "Es geht um viele Absolventen und zwar in den richtigen Studienrichtungen, nicht um viele Studienanfänger, die dann irgendein Studium beginnen und wieder abbrechen." Eine gewisse Marktgerechtigkeit sei wohl nicht zu viel verlangt.

Politische Blockade

Vor allem fordert Beyrer aber die Bereitschaft zu ernsthafter Diskussion, nicht nur in der Bildungspolitik: "Aber wir haben das wirtschaftlich schwierigste Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg und das politische Arbeitsjahr beginnt erst nach den Wahlen im Oktober." Da entwickle sich schon eine gewisse Skepsis, wie das demokratische System interpretiert wird - "wobei ich gar nicht glaube, dass das von den Menschen goutiert wird. Ich glaube, man müsste den Menschen die Diskussionen auch zutrauen." (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 22.5.2010)

Share if you care.