Musikdokumentation

Verrockt und unbelehrbar bis ins hohe Alter

21. Mai 2010, 18:46
  • Artikelbild
    foto: craig

    Speed und Trash und ein wahrhaft gesegnetes Durchhaltevermögen: Robb Reiner (li.) und Steve "Lips" Kudlow von Anvil.

"Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft" erzählt vom Durchhaltevermögen auf der langen Straße ins Rock-'n'-Roll-Glück - Eine komische Geschichte

Mit beinahe tragischem Hintergrund.

***

Wien - Wenn Philosophie davon handelt, sterben zu lernen, dann geht es beim Heavy-Metallen darum, mit gesundem Appetit die nötigen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Wein, Weib, gute Sitten. Gesellschaftliche Umgangsformen, Geschmack, Angst, Fürsorge. Vorsicht und Anteilnahme, sämtliche Scham und lästige zivilisatorische Errungenschaften mit Ausnahme von Elektrizität und Stromruder: weg damit!

Lass alles hinter dir, und spuck "ihnen" ins Gesicht. Dazu dem Teufel einen wohlwollend gestreckten Mittelfinger und kreisch und jaul und hin und weg.

Wie fisteln die heute vor 80.000 Leuten auf einem Feld für seltenes Vögeln in Wels geigenden AC/DC: "It's a long way to the top if you wanna rock 'n' roll." Der Versuch, so lange zu rocken, bis der Arzt kommt, ist grundsätzlich löblich, wenn auch ein wenig dämlich und verzweifelt. Und manchmal geht er schief. Musik kann tragische Formen annehmen.

Immer auf dem Sprung

Die kanadische Metal-Band Anvil berockt uns von diesem Versuch, das wahre Leben mit den falschen Mitteln zu suchen, mittlerweile 13 Alben lang. Irgendwann Mitte der 1980er-Jahre standen sie vor dem Sprung zur Weltkarriere. Anvil beinflussten mit ihrem Dresch-Metal zahlreiche nachkommende Bands wie Slayer oder Metallica. Irgendwann aber ist etwas gewaltig schiefgegangen. Falsche Mittel, falsche Zeit, falscher Ort. Manche Leute aber gehen mit einem Messer im Rücken noch lange nicht nach Hause.

20 Jahre später trifft Filmemacher Sacha Gervasi auf die beiden Köpfe der Band, Sänger und Gitarrist Steve "Lips" Kudlow und Drummer Robb Reiner. Mit beiden hat es das Leben nicht gut gemeint. Dennoch wollen es die Freunde nach wie vor wissen.

Bitte nicht lachen!

Als ihre in lokalen Pubs immer noch aktive Band die Chance bekommt, auf Europatournee zu gehen, greifen sie zu - und eine der härtesten und berührendsten Dokumentationen der Filmgeschichte nimmt ihren Lauf.

Wer sich eine ähnliche Entblößung wie jene Metallicas in der gruppentherapeutischen Dokumentation Some Kind Of Monster von 2004 erwartet oder gar eine Genreparodie wie This Is Spinal Tap von 1984, dem wird das Lachen bald im Halse steckenbleiben.

Man wird in Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft zwar Zeuge real existierender Rock-'n'-Roll-Klischees und zum Fremdschämen einladender Dialoge über "Einsatz" und "Hingabe" und den einen großen, bereits 30 Jahre währenden "Traum" Anvils, mit ihrer Musik endlich als 50-jährige Liebe mit Tausendschaften von Fans unten vor der Bühne machen zu können.

Selbst für die Verhältnisse Anvils aber verläuft die Tournee katastrophal. Gagen werden verweigert. Die Band spielt vor leeren Sälen. Züge werden verpasst. Die Band löst sich mindestens einmal pro Tag auf. Anvil kommen nach sechs demütigenden Wochen zurück nach Hause, ohne einen Groschen verdient zu haben.

Dennoch erweist sich Steve "Lips" Kudlow als Mann mit Steherqualitäten. Er nimmt bei seiner Schwester einen Kredit auf, um Anvil-Album Nummer 13 aufzunehmen (Titel: This is Thirteen). Ob das gutgeht? Der Film endet in Japan auf einem Metal-Festival. Um zwölf Uhr mittags. "It's a long way to the top if you wanna rock 'n' roll." (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 22./23./24.05.2010)

Hinweis:
Derzeit im Wiener Schikaneder-Kino zu sehen, aber auch als DVD erhältlich.

Kommentar posten
21 Postings
Der Superkämpfer
00
25.5.2010, 13:57
Herausragende Doku.

Wer da am Ende keine Gänsehaut bekommt, hat wohl einfach gar keine Haut.

selmasupersad
 
00
24.5.2010, 22:50

und ich hab sogar ein bisschen geweint!

fritz_phantom
00
23.5.2010, 20:43
empfehlenswert

sehr gute doku, leicht theatralisch aber sehr gelungen

Gemueseknolle
00
23.5.2010, 10:43
Schönes Review gibts auch hier:

http://www.filmtipps.at/films/anvil.php

minna van minning
03
22.5.2010, 18:12

ich mags auch nicht bei dokus, wenn das ende gespoilert wird. danke dafür, herr schachinger.

Seuchenprinz
00
22.5.2010, 16:29
EuroTour

Huhu, nach 4 Japan Gigs, einigen TV-Auftritten gibs wieder eine EuroTour mit einigen Festivalauftritten: Zwar nicht in Transsilvanien dafür aber am 29. Juni in München. THUMB-HANG!!!!!

FranzKK
 
00
22.5.2010, 15:42

Pflichtprogramm, täte ich meinen.

sick boy
104
22.5.2010, 00:19
WOW

ich bin begeistert! 2 jahre (ZWEI JAHRE!!!!!) nach erscheinen eines filmes stolpert die standard-musik-abteilung über selbigen (facebook, hm? komm, gebt's zu!) und tipseln ein bischen darüber....tststs nichts ist so alt wie die zeitung von gestern, oder bekomme ich morgen einen artikel über die rapid meisterfeier der saison 2007/2008!? erbärmlich. echt.

christian schachinger
410
22.5.2010, 07:02

der film ist, nach diversen erfolgen auf europäischen filmfestivals 2009, erst jetzt bei uns im kino angelaufen,
weil er vorher in österreich keinen verleih gefunden hat. dass es ihn längst auf DVD gibt, könnte man im text lesen. wenn man wollte.

Kendall Von Tharn
30
23.5.2010, 16:40

"Derzeit im Wiener Schikaneder-Kino zu sehen, aber auch als DVD erhältlich." -> sorry, aber dem läßt sich kein konkreter erscheinungstermin entnehmen. das hätte halt wieder mal recherche im vorfeld erfordert, naja, egal, alles wie gehabt ;-)

baal der asoziale
00
25.5.2010, 16:55

Boah, solche Motztüten wie ihr, bäh...

c6icb
00
21.5.2010, 20:18
schauts im abspann

wie die produktionsfirma heißt :)

sick boy
00
22.5.2010, 00:24
metal on metal??

und??

c6icb
00
22.5.2010, 22:00

genau, wer steckt wohl hinter dem namen :)


Nigel Bakerbutcher
00
22.5.2010, 13:38
2)

anderes (negativ)beispiel: metallica, die mit st. anger auch versucht haben mal was anderes zu machen.

lange rede kurzer sinn: bevor bands beginnen ihre hoffnung auf erfolg zu setzen, sollten sie sich mal kritisch mit ihrer eigenen musik beschäftigen und so die nötige motivation lukrieren.

Nigel Bakerbutcher
00
22.5.2010, 13:36
1)

mtv, vh1? whatever

@Hamad Leomic
ich glaub das vermarktung nicht alles ist, grad bei der band kommts mir so vor als hätten sie musikalische entwicklungen verschlafen und daraus resultierend auch wenig publikum für sich begeistern können.

"this is thirteen" klingt wie alle zwölf alben davor,
nicht dass sich slayer in den letzten dekaden massiv verändert hätten, aber eine gewisse reflexion bzw. einsicht gegenüber stereotypen ist durch ihre humoristische betrachtung ihres schaffens schon gegeben.



Nigel Bakerbutcher
00
21.5.2010, 20:46

EMI?

c6icb
10
21.5.2010, 21:45

aber geh, ganz am schluss der allerletzte textblock
copyright by....

Nigel Bakerbutcher
04
21.5.2010, 22:34

na muss ich mir den film jetzt noch einmal anschaun? oder verratest es einfach mich würds nämlich interessieren.

With Fear I Kiss The Burning Darkness
00
21.5.2010, 19:58
toller Film, nicht nur für Fans der Band

sehr empfehlenswert

Hamad Leomic
01
21.5.2010, 19:02
Die Vermarktung machts

aber manchmal hat man auch einfach nur "Pech"...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.