"Dann übe ich eben nachts ..."

21. Mai 2010, 18:32
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Anne-Sophie Mutter gastiert mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra in Wien - Über Downloads, Dirigenten­erfahrungen und Spielpausen im Interview

Standard: Gibt es viele Downloads von Ihren Aufnahmen?

Mutter: Keine Ahnung, aber ich hoffe es. Das würde dafür sprechen, dass es auch einige Menschen unterhalb meiner Altersgrenze gibt, die sich für Klassik interessieren. Wenn ich auf Reisen bin, verwende ich auch einen MP3-Player, das ist wahnsinnig praktisch. Und iTunes ist eine tolle Sache. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, kofferweise CDs auf Tourneen mitzuschleppen. Für den privaten Gebrauch ziehe ich CDs vor. Subtilitäten, Nuancen sind da besser wahrzunehmen.

Standard: Als Interpretin widmen Sie sich gerne für längere Phasen einzelnen Werkzyklen.

Mutter: Bei Uraufführungen ist das klar. Es geht darum, nach der Erstvorstellung, in den folgenden zwei oder drei Jahren, möglichst viele Erstaufführungen zu erwirken. Ich versuche etwa, wo ich nur kann, das Violinkonzert von Sofia Gubaidulina "reinzuquetschen" . Das Werk ist toll! Es packt einen bei der Gurgel - von den ersten Noten an!

Standard: Uraufführungen sind wichtig für Sie. Schreibt gerade die halbe Welt für Sie Neues?

Mutter: Leider nein, eher nur ein kleiner Teil der Welt, aber doch jener, auf den es mir ankommt. Wolfgang Rihm hat gerade etwas geschrieben, er und Krzysztof Penderecki schreiben auch etwas für Geige und Kontrabass. Auch Andre Previn hat mir eine Violinsonate geschickt, die wir dann 2012 in Essen uraufführen werden. Und: Ich hoffe auch sehr, dass Sofia Gubaidulina irgendwann meinen Auftrag annimmt, für Aquaphone und Geige etwas zu schreiben.

Standard: Aquaphone, warum denn das?

Mutter: Ich habe ihr Stück für Celli und zwei Aquaphone gehört, der flirrende Klang des Instrumentes hat mich quasi umgehauen, und Gubaidulina spielt das Instrument übrigens ja auch selbst.

Standard: Pierre Boulez sollte ja auch etwas für Sie schreiben.

Mutter: Es gab und gibt den Auftrag der Paul-Sacher-Stiftung mit mir als Solistin. Ich weiß nicht, wie es damit steht. Mit Boulez, dem Dirigenten, hatte ich einige Male mit - meinerseits - großem Vergnügen gearbeitet.

Standard: Das war nicht so kompliziert wie bei Sergiu Celibidache?

Mutter: Um Himmels Willen, nein! Bei Celibidache ist es an Tempofragen gescheitert. Vielleicht hat auch seine damalige Begrüßung, ich solle alles, was Herbert von Karajan mir je gesagt hat, vergessen, zusätzlich Widerstand bei mir geweckt. Von da an wurde es jedenfalls sehr schwierig, und zum Konzert kam es nicht. Nach der Generalprobe habe ich das Konzert aus künstlerischen Gründen abgesagt.

Standard: Gab es längere Phasen, während deren Sie die Geige gar nicht angerührt haben?

Mutter: Durchaus. Damals, als mein erstes Kind da war. Dann erinnere ich mich an eine Phase von drei Monaten, in der ich sehr beschäftigt war. Das ist nicht schlimm. Ich habe mit fünfeinhalb Jahren begonnen, Geige zu spielen, und bin jetzt 46. Also, da sind drei Monate nicht relevant. Es gibt dann natürlich immer wieder ganz intensive Arbeitsphasen. Aber ich bin grundsätzlich kein Mensch, der jeden Tag von acht bis zwölf an der Geige arbeiten möchte. Außerdem kann ich mir den Luxus des Türschließens zu bestimmten Zeiten gar nicht leisten. Flexibilität ist auch der Umwelt zuliebe wichtig. Dann übe ich eben nachts, oder zwischendurch oder auch ohne Geige.

Standard: Wieso nahmen Sie die Brahms-Sonaten für Geige und Klavier jetzt auf?

Mutter: Man vergisst manchmal, wo man seine allerliebsten Sachen vergraben hat - im Garten des riesigen Repertoires. Es hat sich jedenfalls gut und richtig schon vor zwei Jahren angefühlt, weshalb wir das vage ins Auge gefasst hatten. Dann musste man auch einen Saal finden, der für die Aufnahmen akustisch passte. Und so ist das dann in die Zeit gelegt worden, als ich nicht zu konzertieren hatte. Ich hatte ja früh bleibenden Eindruck durch David Oistrach als Hörerin erhalten. Mit Alexis Weissenberg habe ich die Sonaten dann auch gespielt.

Standard: Wie sieht ihr Grundkonzept bei Interpretationen aus?

Mutter: Ich gehe vom großen Ganzen aus und, ohne es zu verlieren, verliebe ich mich dann in Details. Dann versuche ich, die Details in dieses große Ganze des Werkes sinnvoll zu integrieren. Man überlegt sich natürlich auch: Wo sind die Höhepunkte des Werkes? Wie spielt man die Reprise, will man das Tempo ändern? Wie legt man das alles klanglich an? Bei den Brahms-Sonaten ist es auch ein hilfreicher Luxus, den man nicht bei jedem Komponisten hat, dass es Briefwechsel gibt, die sich auf die Werke beziehen.

(Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 22./23./24.05.2010)

 

Vorstellung: 27. Mai 2010

  • Immer schon und auch jetzt, in der Krise der Branche, eine stabile 
"Klassikaktie"  - Geigerin Anne-Sophie Mutter.
 
Zur Person:
Die deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter (Jahrgang
 1963) wurde einst von Herbert von Karajan entdeckt und veröffentlicht 
ihre CDs seit jeher bei der Deutschen Grammophon.
    foto: epa

    Immer schon und auch jetzt, in der Krise der Branche, eine stabile "Klassikaktie" - Geigerin Anne-Sophie Mutter.

     

    Zur Person:
    Die deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter (Jahrgang 1963) wurde einst von Herbert von Karajan entdeckt und veröffentlicht ihre CDs seit jeher bei der Deutschen Grammophon.

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