"Die Eintrittskarte für einen gigantischen Markt"

21. Mai 2010, 18:17
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Mit der Schanghai-Expo zeigen die Chinesen, dass es sich kein Land der Welt erlauben kann, sich ihrer Zuneigung zu entziehen

Die Schau soll ihre neue Macht demonstrieren, nach innen und außen. Freitag war Österreich-Tag.

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Es ist diesig an diesem Freitagmorgen in Schanghai. Beinahe trotzig recken die Tiroler Schützen ihre Spielhahnfedern in den niederdrückenden Himmel. Die Musikkapelle Schwaz schmettert Fanfaren. Später werden die Mander vor dem Österreich-Pavillon Tirolerland du bist so schön, sooo schön singen, chinesische Touristinnen sich für ein Foto an Tiroler Fastnachtsfiguren schmiegen. Werner Schlager, der Tischtennisweltmeister, wird ein paar Bälle übers Netz in ein Kameradickicht schlagen. Und Werner Faymann wird lächeln, lächeln und noch einmal lächeln.

Es ist Österreich-Tag auf der Weltausstellung in Schanghai. Wie der deutsche Bundespräsident tags zuvor macht der Bundeskanzler den chinesischen Gastgebern eine hochrangige Aufwartung. Um nichts weniger wird erwartet. Nach den Olympischen Spielen 2008 und den Feiern zur Gründung der Volksrepublik im Oktober ist die Expo das dritte Großprojekt, das den chinesischen Bürgern und nebenher der ganzen Welt die Leistungsfähigkeit des kommunistischen Systems vorführen soll. "Better City, Better Life" ist das harmlose urbanistische Motto der insgesamt 43 Milliarden Euro teuren Veranstaltung in der Boomtown am Huangpu. Dahinter steht ein riesiger PR-Rummelplatz, in Beton gegossene politische Marktschreierei.

Peking hat großen Wert darauf gelegt, dass sich alle Länder der Welt in Schanghai präsentieren. Den afrikanischen und den karibischen Staaten hat man mit 75 Millionen Euro Zuschuss dazu verholfen. Den USA, denen der Kongress keine Gelder für die von vielen als anachronistischer Gigantismus angesehene Expo bewilligte, wurde mit Bestimmtheit erklärt, sie möchten sich ihren Stand doch von in China tätigen US-Firmen bezahlen lassen. Saudi-Arabien dagegen gab mit 117 Mio. Euro freiwillig doppelt so viel dafür aus wie die Amerikaner.

Selbst Taiwan und mit dem Inselstaat verbündete Staaten, die gar keine diplomatischen Beziehungen zur Volksrepublik unterhalten, sind in Schanghai vertreten. Chris, der am Stand der Salomonen Stempel seines Landes verteilt, meint: "Im Juli kommt unsere Regierung für ein Monat hierher, da werden wir wohl offizielle Beziehungen mit den Chinesen aufnehmen." Niemand, scheint es, kann sich der Anziehungskraft der aufstrebenden asiatischen Weltmacht entziehen.

Auch Österreich hätte es sich nicht leisten können, fernzubleiben, sagt Hannes Androsch, der Regierungskommissar für die Expo. "Unser Pavillon ist Visitenkarte und gleichzeitig Eintrittskarte für diesen gigantischen Markt. Wären wir hier nicht aufgetreten, hätten wir Österreich mit Sicherheit schweren Schaden zugefügt." Immerhin 16 Millionen Euro haben Republik und Wirtschaftskammer für den geschwungenen, aus kleinen Porzellanfliesen gefertigten Bau ausgegeben. Dafür begeistern sich die Besucher - es waren 300.000 in den ersten drei Wochen der sechsmonatigen Schau - bei Schneeballwürfen auf eine interaktive Wand und Darbietungen klassischer Musik.

Einen Schneeballwurf weiter versucht Bundeskanzler Faymann dem Schanghaier Bürgermeister Han Zheng bei einem Arbeitsessen auch österreichisches Umwelttechnik-Know-how für dessen stetig wachsenden 20-Millionen-Einwohner-Moloch schmackhaft zu machen. Und daneben sollen deutlich mehr als 155.000 Chinesen pro Jahr Österreich als Urlaubsland entdecken. Han seinerseits lobt die langen und engen Beziehungen zu Österreich - dann zeigt auch er ein Lächeln, das den Anfang eines guten Geschäfts verspricht. Die Menschenrechtssituation in China spricht der Kanzler indes nicht an. Schanghai sei der falsche Ort dafür, sagt er. Er werde dies, wie der Bundespräsident zuvor, gegenüber seinem Amtskollegen in Peking tun.

Aber das ist, glaubt man dem Propagandafilm im alles überragenden chinesischen Pavillon, ohnehin nicht nötig: Dort wird die schwarz-weiße chinesische Welt um die Jahrtausendwende bunt und nach der Expo grün und glücklich - so sehr, dass ein hochfliegender Vogelschwarm bis ins Firmament aufsteigt. (DER STANDARD, Printausgabe 22./23./24.5.2010)

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    Neben dem Bürgermeister von Shanghai, Han Zheng (li.), nahm Bundeskanzler Faymann auf dem roten Teppich den Salut der mitgereisten Tiroler Schützen entgegen. Ein chinesischer Österreich-Fan assistierte.

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    Fassade aus zehn Millionen Porzellanfliesen: der Österreich-Pavillon auf der Expo 2010.

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