"Der Menschenhandel ist tatsächlich ein Problem"

21. Mai 2010, 18:21
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Der Deutsche, als ehemaliger Teamchef Kameruns Kenner des afrikanischen Fußballs im Interview

Standard: Ist die Zeit reif für eine WM in Afrika?

Schäfer: Ja, sie ist reif, und es ist gut für Afrika selbst. Schauen Sie nach England, die besten Fußballer in der Liga sind Afrikaner. Vom Potenzial und der Klasse der Kicker her ist eine WM in Südafrika fast zwingend. Ob sie punkto Strukturen schon bereit sind, habe ich vor sechs oder sieben Jahren infrage gestellt.

Standard: Aber die Stadien sind fertig, es hat bei derartigen Veranstaltungen in Europa oft größere Schwierigkeiten gegeben. Okay, bleiben die Sicherheitbedenken. Bayern-Präsident Uli Hoeneß bezweifelt deshalb die Sinnhaftigkeit dieser WM.

Schäfer: Wer Hoeneß kennt, weiß, dass er halt Anstöße geben möchte. In Wahrheit will er eh hin. Das sind halt die Bayern, dieses Privileg haben sie. Sagt der Trainer von Karlsruhe etwas, hört es keiner, schreibt es keiner. Aber es ist wichtig, dass der Weltverband Fifa sein Know-how zur Verfügung stellt und dem Veranstalter hilft. Sonst hieße es, sollte es nicht klappen: "typisch Afrika". Und das wäre schade.

Standard: Ist also eine Entwicklungshilfe im Fußball notwendig?

Schäfer: Im Fußball selbst nicht. Alles, was auf dem Spielfeld passiert, können sie. Es geht um das Drumherum.

Standard: Sie wurden 2001 Teamchef von Kamerun. Wie kam das zustande?

Schäfer: Ich war damals frei, ein deutscher Journalist hat mir den Tipp gegeben, er hat mich mitten in der Nacht angerufen und gefragt: Hast du Lust, nach Kamerun zu gehen? Dann habe ich mich mit dem Hauptausrüster Puma in Verbindung gesetzt.

Standard: Haben Sie lange überlegt?

Schäfer: Nein. Ich habe mich für den afrikanischen Fußball immer interessiert, wir hatten in Karlsruhe einen Spieler aus Ghana. Ich habe mich intensiv vorbereitet, studierte Kassetten, las Bücher, habe ein Konzept ausgearbeitet. Der Verbandspräsident wollte unbedingt einen deutschen Trainer. Es gab ein Hearing in Köln, er war beeindruckt, ich hatte den Job.

Standard: Wie war die Umstellung von Deutschland auf Kamerun?

Schäfer: Ich wusste, was auf mich zukommt. Berti Vogts hat, als er einst Nigeria übernahm, gejammert, wie schlecht dort die Plätze sind. Ich war darauf eingestellt. Ich wusste, dass die Spieler in der Nacht vor dem Match noch über Prämien verhandeln. Ich wusste, dass Prämien oft nicht ausgezahlt werden. Ich wusste, dass ich nicht im Praterstadion oder in der Allianz-Arena bin. So bin ich an die Sache herangegangen. Vor mir gab es in zwei Jahren fünf Trainer. Das Wichtigste war, die Spieler auf meine Seite zu bringen. Mir war klar, dass Respekt die Voraussetzung ist. Du kannst nicht nach Kamerun gehen und sagen: Hallo, ich bin der Supertrainer aus Deutschland, und jetzt machen wir, was ich will. Ich bin zu den Spielern geflogen, besuchte zum Beispiel Eto'o, der damals bei Mallorca engagiert war. Natürlich war es ein Abenteuer.

Standard: Haben die Topspieler in Afrika mehr Macht?

Schäfer: Nein, Macht haben sie nicht. Die ganz Großen wie Drogba können in ihrem Land einiges bewegen, aber sie müssen Erfolg haben. Das war oft das Problem. Ich bin zu den Spielen in den Dschungel gefahren, ich war in Gegenden, wo ich nie wieder hinfinden würde. Auf einmal bist du in einem Stadion voller Menschen gestanden. Als einziger Weißer. Alle haben dich angestarrt, ich war nicht irritiert. Dadurch habe ich Anerkennung bekommen. Sie haben gemerkt, der will mit uns Erfolg haben.

Standard: Hat sich Ihr Bild von Afrika geändert? Oder hatten Sie das richtige?

Schäfer: Ich hatte kein Bild von Afrika. Ich war vor vielen Jahren in Südafrika. Als Nelson Mandela freikam, spielte Deutschland in Johannesburg. Das ist etwas anderes gewesen. Kamerun oder Mali ist damit nicht zu vergleichen. Da habe ich schon gedacht: "Um Gottes Willen, wo bin ich da gelandet?" Ich befand mich auf einem Flughafen, von dem die Menschen gar nicht wegfliegen wollten. Sie haben dort gelebt.

Standard: Weshalb schafft der afrikanische Fußball nicht den absoluten Durchbruch? Bei Weltmeisterschaften scheitern die diversen Nationalmannschaften frühzeitig.

Schäfer: Nehmen wir die WM 1990, als die Kameruner um Roger Milla aufzeigten. Milla wurde übrigens vom Staatspräsidenten in den Kader reklamiert. Als es drauf ankam, haben sie auf einmal nur getanzt und gegen England verloren. Sie wären weitergekommen, wären sie auf dem Boden geblieben. Oder erinnern wir uns an Nigeria acht Jahre später in Frankreich. Die waren toll, bis sie gegen Dänemark 0:5 verloren haben. Jeder wollte dem Publikum zeigen, was er am Ball kann.

Standard: Sind sie zu verspielt?

Schäfer: Ja. Die in Europa tätigen Spitzenspieler haben mir selbst gesagt: Coach, das Einzige, was wir brauchen, ist Disziplin. Disziplin bedeutet nicht, dass man sich am Abend beim Fortgehen benimmt. Es geht um die Disziplin auf dem Spielfeld. Die habe ich eingeführt. Es entstand ein Teamwork, jeder hat für den anderen gearbeitet. Wir gewannen den Afrikacup.

Standard: Was haben Sie in Afrika gelernt?

Schäfer: Dass man sich über Kleinigkeiten freuen soll. Wenn Sie in Jaunde aus dem Flieger steigen und ein paar Meter in die Stadt reinfahren, sehen sie überall Kinder Fußball spielen. In Sandalen oder bloßfüßig, sie haben Steine als Tore. Das ist die Basis, jedes Kind hat sein Idol, jedes will raus und so werden wie Eto'o oder Drogba. In der Jugend sind sie leicht zu führen.

Standard: Das Problem sind mitunter die Transfers nach Europa.

Schäfer: Es gibt viele unseriöse Vermittler, die Fußballschulen werden oft von Europäern geführt. Da werden dann zehn Jugendliche auf einmal nach Belgien oder in die Türkei verfrachtet. Aber es schafft nur einer. Die anderen neun trauen sich nicht mehr nach Hause, fühlen sich als Versager, weil sie die Familie nicht ernähren können. Sie leben in Brüssel oder in Istanbul auf der Straße. Der Menschenhandel ist tatsächlich ein Problem. Kinder gehören zu den Eltern. Sind die Spieler zwanzig Jahre alt, gibt es wenigstens Ablösen.

Standard: Apropos Geld. Sie sind 2004 gegangen, weil Sie kein Gehalt bekommen haben.

Schäfer: Das ist richtig. Ich hörte immer nur: "morgen, morgen, morgen". Am Schluss habe ich aber alles bekommen.

Standard: Haben Sie manchmal Sehnsucht nach Afrika?

Schäfer: Ja, ich hätte schon wieder Lust, sofern die Voraussetzungen stimmen. Ich habe übrigens auch eine Sehnsucht nach Österreich. Ich wäre gerne Teamchef. Man könnte etwas bewegen, man müsste nur ein wenig unangenehm sein.

Standard: Wer wird Weltmeister?

Schäfer: Es sind immer die gleichen Namen. Spanien, Brasilien, Argentinien, England. Deutschland gehört dazu. Die können immer einen Zahn zulegen. Ich hoffe, dass eine afrikanische Mannschaft ins Halbfinale kommt. (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe 22.05.2010)

ZUR PERSON:

Winfried Schäfer (60) aus Mayen, Rheinland-Pfalz, kickte als Mittelfeldspieler für Mönchengladbach, Offenbach und Karlsruhe in der Deutschen Bundesliga. Als Trainer arbeitete er in Karlsruhe (1986-1998), danach kurz beim VfB Stuttgart und bei Tennis Borussia Berlin. Von 2001 bis 2004 Teamchef in Kamerun, danach bis 2009 Klubtrainer in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

  • Winfried "Winnie" Schäfer gewann mit Kamerun 2002 den Afrikacup.
    foto: epa/stefan puchner

    Winfried "Winnie" Schäfer gewann mit Kamerun 2002 den Afrikacup.

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