Vorgriff auf den Palästinenserstaat

21. Mai 2010, 18:04
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Nördlich von Ramallah wird eine moderne palästinensische Stadt aus dem Boden gestampft

Rawabi gilt als Symbol für die Bemühungen, die Grundlagen für einen Palästinenserstaat zu schaffen

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"Ich habe mich schon für eine Wohnung angemeldet, bevor ich selbst bei dem Projekt mitgearbeitet habe", versichert Tariq Nasal mit durchaus glaubwürdiger Begeisterung, "ich würde liebend gern hier leben, die Bedingungen werden einfach ideal sein." Der junge palästinensische Zivilingenieur mit sieben Jahren Erfahrung bei großen Baufirmen in Dubai gehört jetzt zu jenem Team, das die Infrastruktur für Rawabi vorbereitet - "die erste geplante palästinensische Stadt".

Gemeinsam mit der Urbanistin Schirin Nasser beugt er sich über einen großen Plan: "Wir stehen hier im Stadtzentrum mit allen kommerziellen Einrichtungen und einem großen Einkaufszentrum", erklären die beiden durcheinander, "das wird eine autofreie Zone sein, gut zugänglich auch für Mütter und kleine Kinder - darum herum sind die Wohnbezirke eins bis sechs von insgesamt 23."

Vorläufig sieht man nur gewaltige sandbedeckte Terrassen, hineingeschnitten in die kargen, steinigen Hügel des nördlichen Westjordanlands. Ein paar Planierraupen und Lastwagen tuckern vorbei, viele Fahnen mit dem Rawabi-Logo und den palästinensischen Nationalfarben verbreiten Optimismus. Aus der Ferne reicht eine Reihe von Strommasten bis an den Rand der unübersehbaren Baustelle, aber die Leitung hängt noch nicht am Netz.

Das starke Gefälle von 760 auf 400 Meter Seehöhe erschwert die Arbeiten, wird aber einen Reiz von Rawabi (das arabische Wort bedeutet "die Hügel") ausmachen. "Jede Wohnung wird eine schöne Aussicht haben", schwärmt Baschar Masri. Der 49-jährige Immobilienunternehmer ist Initiator des Projekts, für das er die Regierung von Katar als Großinvestor gewonnen hat. In der ersten Phase sollen 5000 Wohnungen mit hundert bis 220 m² entstehen, am Ende sollen 40.000 Palästinenser in Rawabi leben. Die geografische Position wurde mit Bedacht gewählt: so ziemlich in der Mitte zwischen Jerusalem und Nablus, Tel Aviv und Amman, "eine schöne zentrale Lage mit freiem Blick aufs Mittelmeer", so Masri. Außerdem sollte das ganze Areal in der Zone A liegen, jenem Gebiet, wo die Oslo-Verträge den Palästinensern volle Autonomie geben, denn "wir wollten minimale Berührung mit der israelischen Politik".

Ein Hauptproblem ist noch ungelöst: das Gebiet ist nur über eine schmale, holprige Straße zu erreichen, die sich durch das Dorf Atara quält, wo Schwerfahrzeuge kaum durchkommen. Doch die israelische Regierung will jetzt anscheinend den Bau einer adäquaten Zufahrtsstraße von Ramallah her ermöglichen.

Masri betont, er sei ein profitorientierter Unternehmer, lässt aber auch etwas von einer nationalen und gesellschaftlichen Mission anklingen. Nur wenige Palästinenser hätten ein Eigenheim, sagt er, viele junge Paare müssten bei ihren Eltern einziehen. Rawabi soll durch erschwingliche Wohnungen der chronischen Wohnungsnot abhelfen.

"Es soll aber nicht nur eine Schlafstadt werden" - durch Entwicklung und Bau werden bis zu 10.000 Menschen beschäftigt, am Ende soll es in Rawabi 5000 permanente Arbeitsplätze geben, etwa in einem Technologiepark. Die Einrichtungen - Schulen, Grünflächen, Cafés, Krankenhaus, Moscheen, Busbahnhof, Tankstellen, Feuerwehrzentrale - sind so verteilt, dass die Distanzen minimal sind. In den Gewerbezonen sind Kinderhorte geplant, damit junge Frauen im Beruf bleiben können. Man strebt ein modernes, für jüngere Leute attraktives Flair mit Öko-Bewusstsein an. "Wir pflanzen zum Beispiel Zierbäume - das ist nicht Teil der palästinensischen Kultur, denn traditionell haben wir hier nur Nutzbäume". Für die Gebäude wird der in der Region typische Sandstein verwendet, einen bestimmten Architekturstil gibt es aber nicht.

Schon jetzt haben sich per Internet 7000 Bewerber für die Wohnungen eingetragen. "Wenn alles gutgeht, können die ersten in zweieinhalb Jahren einziehen", schätzt Masri. Rawabi wird also wahrscheinlich früher fertig sein als der palästinensische Staat. (DER STANDARD, Printausgabe 22./23./24.5.2010)

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    Rawabi im Modell: 40.000 Einwohner in der Endausbaustufe.

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