Was soziale Unternehmen leisten

21. Mai 2010, 17:54
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Es geht um Gabe und Gegengabe, um Großzügigkeit und Gemeinwohl - Reine Marktlogik greift zu kurz

Social Businesses und Social Entrepreneurs sind in - es werden Awards vergeben, Stiftungen ins Leben gerufen, "Hubs" und "Labs" bieten kreativen Raum für soziale Innovationen an - gut so!

Aber: So neu ist das Phänomen in Europa und auch in Österreich nicht. Seit mehr als zwanzig Jahren agieren in Österreich rund 200 soziale Integrationsunternehmen (quer durch alle Branchen). Sie erfüllen einen sozialen und arbeitsmarktpolitischen Integrationsauftrag durch die in ihren Unternehmen angebotene Beschäftigung, Beratung und Qualifizierung von langzeiterwerbslosen Frauen und Männern.

Gleichzeitig sollten wir nicht verschweigen, dass sie diesen Integrationsauftrag erfüllen, weil wir uns in einem System bewegen, das scheinbar "automatisch" Verlierer produziert. Menschen sollen also wieder "fit gemacht werden" für ein System, aus dem sie herausgefallen sind oder in das sie nicht (mehr) hineinpassen.

Soziale Unternehmen leisten aber viel mehr: Sie tragen durch ihren Anspruch, wirtschaftlich kompetent zu sein und gleichzeitig soziale Zielsetzungen zu erfüllen, dazu bei, dass Vielfalt und soziale Innovation nicht nur Schlagwörter bleiben. Zugespitzt formuliert: Es geht um Corporate Social Responsibility (CSR) - nicht nahe am Kerngeschäft, sondern um CSR als das Kerngeschäft.

Und das ist zu tun:

  • Soziale Unternehmen brauchen passende gesetzliche (!) Rahmenbedingungen, damit sich vielfältige und innovative Unternehmen neu und dauerhaft entwickeln können (z. B. sozialwirtschaftlich spezialisierte Banken, ein passendes Genossenschaftsgesetz, adäquate Vergabepolitik, Social Venture Capital, Kooperationen und Investment von privaten Unternehmen).
  • Der Arbeitsmarkt, den das System jetzt produziert, bietet für viele Menschen keinen adäquaten Platz: Es braucht einen integrativen Arbeitsmarkt für alle - mit den Prinzipien Existenzsicherung, Respekt, Freiwilligkeit und Nachhaltigkeit.
  • Gesellschaftlich notwendige Arbeit findet täglich statt - es braucht eine Neuverteilung und Neubewertung von Erwerbsarbeit, Sorgearbeit, Gemeinwesenarbeit und persönlichen Entwicklungschancen. Keiner von uns ist untätig: Existenzsicherung für uns alle ist notwendig.

Soziale Integrationsunternehmen agieren gemeinnützig: Die erzielten Gewinne, der Social Profit, werden reinvestiert in soziale Qualität und Innovation und das Streben nach - ja, sozialer Gerechtigkeit. Die Ökonomie des Marktes ist immer eingebettet in eine größere, umfassendere Ökonomie. Eine symbolische Ökonomie (Marcel Mauss), in der es um Gabe und Gegengabe, um Großzügigkeit und Gemeinwohl geht.

Weiter - nicht enger

Das alles berührt Fragen, die mit reiner Marktlogik nicht beantwortbar sind, und berührt Themen, die mit dem Menschenbild des berechnenden und rücksichtslosen Individuums nicht zusammengehen. Soziale Unternehmen bewegen sich auf Märkten, befolgen deren Regeln und setzen sich gleichzeitig über diese hinweg. Guter Kapitalismus? Danke für das Fragezeichen. (Judith Pühringer*, DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.24.5.2010)

 

Zur Autorin

*Judith Pühringer ist Geschäftsführerin des Bundesdachverband für Soziale Unternehmen und Arbeitsmarktexpertin der Österreichischen Armutskonferenz

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