Ein Bazillus der tückischen Art

21. Mai 2010, 17:36
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Das Porzellanfieber befiel Könige, Fürsten und unzählige andere Sammler. Die Chance auf Heilung ist gering

Den Schnupftabak bewahrte der Mann von Welt nicht in einem Stoffbeutel, sondern in einer Tabatière. Gefertigt aus Email oder Schildpatt, waren solche Dosen oftmals mit kunstvollen Intarsien oder im Falle von Porzellan mit feinster Malerei verziert. Im Juni 2009 gelangte eine um 1738 in Meißen gefertigte Tabakdose bei Christie's in London zur Auktion. 1855 war sie für 16 Pfund und 10 Schilling beim gleichen Auktionshaus ersteigert worden und blieb fortan in Familienbesitz.

154 Jahre später bezifferten die Experten ihre Erwartungen auf 25.000 bis 40.000 Pfund. Hartnäckige Sammler dozierten das Vitrinenobjekt allerdings bis auf 140.140 Euro (121.250 Pfund). Vergangene Woche summierten sich dort 200 Besitzerwechsel auf einen Tagesumsatz von drei Millionen Euro. Den höchsten Zuschlag erteilte man bei umgerechnet 425.553 Euro für eine 1754 in der französischen Manufaktur Vincennes ausgeführte Vase. Den Spitzenwert bei Meißen erzielte eine um 1725 datierte Chinoiserie-Vase bei 142.833 Euro.

Solche Preise sind bei Porzellanen des 18. Jahrhunderts üblich, zum Teil klettern sie auch weit darüber und bei figuralen Raritäten sogar in Millionenhöhen. Ihre Gemeinsamkeit ist oft die legendäre blaue Schwertermarke, die synonym für die erste Manufaktur auf europäischem Festland im deutschen Meißen steht, die heuer ihr 300-Jahr-Jubiläum feiert. Exakt so lange laborieren Generationen von Sammlern auch schon an der "maladie de porcelaine" genannten Begeisterung.

Etwa der Manufakturgründer Kurfürst August der Starke, der beim preußischen König einst ein ganzes Regiment sächsischer Soldaten gegen einen Satz chinesischer Vasen eingetauscht haben soll. Oder auch der Clan der Fürsten von und zu Liechtenstein, die ihren Sammlungsschwerpunkt zur Wiener Manufaktur Du Paquier aus der Zeit des Barock und Klassizismus um ausgesuchte frühe Meißener Beispiele ergänzte. 2005 ersteigerte Johann Kräftner bei Sotheby's eine Du Paquier zugeordnete Teekanne. Bei seinen nachträglichen Forschungen stellte sich heraus, dass das 345.000 Euro teure Stück tatsächlich Meißener Provenienz war. Um 1725 von Ignaz Preissler mit chinesischen Motiven in Schwarzlot bemalt, ist das Kännchen in der aktuellen Großausstellung (Der Fürst als Sammler, bis 24. August) zu bewundern.

In der Liste der vom Porzellanfieber Befallenen muss neben den Brüdern Hoffmeister - deren Sammlung seit 2009 sukzessive bei Bonhams in London versteigert wird (Part II am 26. Mai, Part III am 24. November 2010) - vor allem Renate Schober berücksichtigt werden. Seit fast vier Jahrzehnten frönt sie auf Schloss Weyer in Gmunden ihrer Leidenschaft. Für kurze Zeit gastiert ein Teil ihrer 500 Schützlinge in der historischen Bibliothek des Liechtenstein Museums, wo sie in einer Sonderausstellung (300 Jahre Porzellanmanufaktur Meißen. Tradition und Innovation, bis 8. Juni) auf Exponate der fürstlichen Sammlungen treffen. (kron, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 22./23./24.05.2010)

  • Meißen-Teekanne, von I. Preissler bemalt.
    foto: sgl. liechtenstein museum

    Meißen-Teekanne, von I. Preissler bemalt.

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