Deutsche Regierung prescht mit Verboten

21. Mai 2010, 15:29
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Ein Kommentar aus dem Equity Weekly der Erste Group von Stephan Lingnau

Die Stoxx 600 sackte diese Woche um über 7% auf seine mittelfristige Unterstützungslinie bei 236 Punkten ab. Der breite Ausverkauf betraf alle 19 Sektoren. Der Rohstoffsektor war mit einem Minus von 15% der klare Verlierer. Auf Wochensicht fielen insgesamt über 95% der Aktien im Stoxx 600. Das war der höchste Wert seit Oktober 2008.

Am Interbankenmarkt stiegen der 2-Jahres Euro- Swap- Spread (75 BP) und der TED Spread (33 BP) und markierten damit neue 12 Monatshochs. Von den Rekordständen 2008/09 bei 460 BP ist der TED Spread zwar noch weit entfernt, der Trend ist aber steigend. Der Euro sackte zum US-Dollar auf zeitweise 1,21 ehe Gerüchte über eine Intervention der EZB am Währungsmarkt den Euro wieder auf bis zu 1,26 anstiegen ließ. Auch auf den Rohstoffmärkten war der Verkaufsdruck abermals sehr hoch. Kupfer und Aluminium sanken um je 8%.

Die weiterhin schwache oder nicht vorhandene gemeinsame Linie der EU Regierungen im Umgang mit der derzeitigen Krise verunsicherte die Märkte zusätzlich. So blies die deutsche Bundesregierung im Alleingang zur Attacke gegen „Spekulanten". Ohne Vorlaufszeit wurden von Dienstag auf Mittwoch alle ungedeckten Leerverkäufe von Aktien deutscher Finanzunternehmen und europäischer Anleihen verboten. Außerdem untersagte man den Handel mit CDS auf Staaten der Euro-Zone, die nicht gedeckt sind, obwohl Studien in den letzten Jahren zeigten, dass Leerverkäufe die Liquidität eines Marktes erhöhen und Preisausschläge dämpfen. Internationale Investoren waren zudem verunsichert, ob man nach dem EUR 750 Mrd. Rettungspaket und der Ausweitung der Geldmenge nicht noch weitere „Verzweiflungstaten" begehen müsste. Auch die Pläne mehrerer Regierungen, eine Finanztransaktionssteuer einzuführen, scheint nur von den wirklichen Problemen - sehr geringem Wirtschaftswachstum und hoher Verschuldung - abzulenken. Die Einführung einer Steuer in einem Markt, der schon mit sinkender Liquidität zu kämpfen hat, scheint nicht gerade produktiv. Aber wie wollen die Staaten ihren Bürgern erklären, dass es bei einem möglichen Abflauen des teils künstlichen Wirtschaftswachstums jetzt auf einmal keine Konjunkturprogramme mehr geben kann? Oder dass man sich womöglich selbst mit seinen Staatsausgaben verrechnet hat?

BIP Prognose 2010: +0,7%

Die Prognosen für das BIP in der Eurozone stehen derzeit noch bei +0,7% für 2010 und +1,5% in 2011. Manche Volkswirte haben ihre Konjunkturerwartungen aber schon leicht nach unten revidiert. Es ist zu bedenken, dass BIP Prognosen schwierig sind und sehr volatil sein können. Beispielsweise schätzten die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute noch Mitte Oktober 2008, dass das deutsche BIP in einem „worst case" Szenario im Jahr 2009 um 0.8% schrumpfen könnte. Tatsächlich fiel das BIP 2009 um -5%.

Derzeit zeigen die Frühindikatoren wie der Ifo Index aber noch keine Anzeichen eines Abrutschens in die Rezession. Der Index lag im Mai mit 101,5 Punkten leicht unter den Markterwartungen und blieb gegenüber dem Aprilwert nahezu unverändert. Die aktuelle Situation der Unternehmen wurde etwas optimistischer als zuletzt eingeschätzt wird. Die Erwartungen sanken marginal. Insbesondere das  Geschäftsklima im Bauhauptgewerbe hat sich weiter eingetrübt. Leichte Rückgänge gab es auch im Einzel- und Großhandel. Lediglich die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe hellt sich weiter auf.

Logitech verspricht sich von dem jüngst vorgestellten "Google TV" ein kräftigesUmsatzwachstum. Die Geschäftschance sehen die Schweizer mindestens so groß wie damals bei den PCs. Neben Logitech sind daran auch Intel und Sony beteiligt. Ziel des Projekts ist es, das Fernsehen und das Internet zu kombinieren und auf den TV-Werbemarkt mit seinem Volumen von rund EUR 56 Mrd. zuzugreifen. Logitech will die dafür notwendigen Settop-Boxen liefern. Neu aufflammende Spekulationen über einen Verkauf der Mobilfunkchip-Sparte haben die Aktien von Infineon zum Wochenauftakt beflügelt. Laut einem Zeitungsbericht hat man mit Intel über die Zukunft der Sparte verhandelt.

Die Commerzbank will sich vom Staat als Großaktionär befreien, sobald die Finanzkrise überstanden ist. Der Staat hält weiterhin 25%. Beginnen will die Bank damit spätestens 2012, im besten Fall sogar schon im nächsten Jahr, versprach der Vorstandschef den Aktionären. Der Bankenrettungsfonds SoFFin hatte der Commerzbank mit insgesamt mehr als EUR 18 Mrd. an frischem Kapital unter die Arme gegriffen. Nach aktuellen Vorstellungen soll der Ausstieg in möglichst wenigen Schritten geschehen. Wahrscheinlich wird die stille Einlage des Bundes in Commerzbank-Aktien umgewandelt, die dann postwendend über den Markt verkauft werden könnte.

Der wachstumsträchtige indische Markt bereitet Vodafone zunehmend Sorgen. Milliardenhohe Abschreibungen für die Sparte auf dem Subkontinent überlagerten die eigentlich guten Geschäfte im Gesamtkonzern (Umsatz +7%). Grund für die Abschreibungen von rund EUR 2,7 Mrd. sind der harte Wettbewerb sowie die voraussichtlich hohen Kosten für die Ersteigerung neuer Mobilfunkfrequenzen.

Rosneft mit starken Zahlen

Die Erschließung eines neuen Ölfeldes in der Arktis und drastische Sparmaßnahmen haben Rosneft zu einem Gewinnsprung verholfen. Der Gewinn stieg im ersten Quartal um 19% auf USD 2,45 Mrd. Der Umsatz stieg um 79 %. Dabei profitierte man auch von dem deutlich gestiegenen Ölpreis in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres. Zuletzt hatten auch Ölgiganten wie BP, Royal Dutch Shell und Exxon Mobil starke Quartalszahlen vorgelegt. Mittelfristig ist jedoch mit keinen weiteren Gewinnsprüngen zu rechnen da der Ölpreis im Zuge der Krise weiter unter Druck kommt. Das Barrel Brent sank in den letzten Wochen schon um 18% auf nun USD 69/Barrel.

Der schwache Ölpreis drückt so auch auf die Hersteller von Solar und Windkraftanlagen. Der Kurs mancher Aktien wie zum Beispiel der der deutsche Q-Cells halbierten sich seit Jahresanfang. Eine Trendumkehr ist hier kurzfristig nicht zu erwarten. Das auf EUR 400 Mrd. geschätzte Projekt „Desertec", das mit solarthermischer Kraftwerke in Nordafrika bis 2050 mindestens 15% des europäischen Strombedarfs decken soll, bekommt derweil nun auch französische Unterstützung. Ein eigenes Industrie-Konsortium, dem zum Beispiel EDF, Alstom, Nexans und Saint-Gobain angehören sollen, wollen nun das Stromnetz unter dem Mittelmeer bauen. Das Projekt soll aber nicht mit Desertec konkurrieren. Stattdessen zeichnet sich eine Arbeitsteilung ab: Die Unterseeleitungen der französischen Initiative sollen den Strom, den die Desertec-Partner in Nordafrikas Wüster erzeugen wollen, nach Europa leiten. Die Transportfrage gilt bisher als einer der Knackpunkte bei dem ehrgeizigen
Wüstenstrom-Projekt. Nach Angaben aus Industriekreisen will Siemens, das auch einer der Initiatoren von Desertec ist, in das neue Konsortium eintreten.

Wir erwarten in der kommenden Woche eine Fortsetzung des Abwärtstrends. Jedoch ist der Markt schon stark überverkauft. Ein kurzfristiger Sprung nach oben wird so immer wahrscheinlicher. Es gilt weiterhin die Währungs- und Interbankenmärkte zu beobachten. Erst eine Erholung an diesen Märkten würde unserer Ansicht nach eine Erholung an den Aktienmärkten mit sich bringen.

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