Überraschend aufgeräumt

26. Mai 2010, 15:25
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Drei Monate danach ist auf Madeira-Ost meist nur mancher Traditionsfisch eine Katastrophe. Von der Verwüstung im Februar ist nichts mehr zu sehen

Ein Datum geht den Insulanern nicht aus dem Kopf:20. Februar 2010. Jahrhundertunwetter ließen nach einem ohnehin feuchten Winter binnen Stunden Regen auf die für ihr mildes Klima bekannte Insel schwappen wie sonst in einem Monat. Erde, Kanäle und regulierte Flussläufe konnten die Massen nicht mehr fassen. Dutzende starben, Hunderte verloren ihr Heim, einige blieben vermisst. Geröll füllte die engen Gassen der Altstadt zwei Meter hoch.

Madeira lebt zuallererst vom Tourismus. Der spürte schon vor der Katastrophe die globale Krise, was sich auch am regionalen Geschäft mit Österreich festmachen lässt: 2008 kamen von hier noch 24.000 Gäste auf die bergige Atlantikinsel. 2009 sollen es nur noch 17.000 gewesen sein. 2010 gingen die Werte bis April noch einmal um acht Prozent zurück. Meldungen vom Jahrhundertunwetter sind noch im Ohr.

Drei Monate danach laden Madeiras Tourismusbüro, Reiseveranstalter Blaguss und die portugiesischen JC Tours eine Handvoll österreichische Journalisten auf die Insel. Sie sollen sich selbst überzeugen, ob die Katastrophe noch sichtbar nachwirkt.

"Schlamm und Geröll standen im Februar bis hier": Wüssten wir nicht vom 20. Februar, die Fremdenführerin wirkte ein bisschen unglaubwürdig, als sie in der Rua de Santa Maria hoch über die mit rotem Stein eingefassten Türstöcke deutet.

Kein Zeichen mehr der Verwüstung

Im Zentrum von Funchal, in der Fußgängerzone, im prächtigen Katharinenpark, in der Altstadt, auch in der Hotelzone westlich des alten Zentrums: kein Zeichen mehr der Verwüstung. Auch ein Stück weiter nach Westen, in Camara de Lobos, nichts auszumachen von den Folgen. Im Westen der Insel, hört man, arbeitet man noch an den Unwetterschäden, die dort am heftigsten waren. Wir kurven noch nordwärts, bis Santana, zum imposanten Adlerfelsen, zum Golfplatz hoch über der weit ins Meer ragenden östlichen Spitze von Madeira. Hier jedenfalls keine Spuren vom 20. Februar. Und das ist schon ein gutes Stück.

Es gibt einigen Spielraum auf der Insel für quasi zwingende Traditionen und für die Analyse ebenso klassischer Vorurteile:

  • Fünfuhrtee auf der Terrasse des Reid's, mit Sandwiches, Petits Fours (oder wie der Brite dazu sagen mag) und Scones, selbstredend mit Clotted Cream nebst erfreulich unsüßer Marmelade. Vom Prachtblick über Funchal und Umgebung gar nicht zu reden. 28 Euro für Tee undCo geben einen erschwinglichen Eindruck des ersten Hotels am Platz - Wohnen wird etwas teurer. Überraschend wohlfeil, aber aus Zeitgründen nicht probiert:das samstägliche Champagnerbuffet für 79 Euro. Auch ein Klassiker wie dieser muss in diesen Tagen Kundschaft anreidsen. Das ist aber schon die einzige hier wahrnehmbare Unwetterfolge.
  • Natürlich zählt ein Tee an dieser Stelle nicht gerade zu den jugendlichsten Trendsportarten. Womit wir beim Vorurteil wären: Madeira ist ein Seniorenparadies. Der Altersschnitt im Flieger bestätigt das jedenfalls, auch die Zwischendurchinformation, dass junge Menschen von hier gerne ins Mutterland Portugal abwandern. Doch das - junge - Nachtleben ist hier aber hallo, nur geht es erst so richtig gegen eins, eher zwei Uhr früh los, etwa am Lido von Funchal. Sagt nicht nur ein Hotelmanager von geschätzten Mitte 30, der nach dem Job den Kapuzensweater anlegt und so munter in die Nacht zieht. Untertags leitet der dynamische Mann eine noble, mit allen medizinischen Finessen ausgestattete Seniorenresidenz, die er als Hotel führt.
  • Für Menschen, die es gerne etwas ruhiger haben als das gerüchteweise vorhandene Jungvolk, hat Madeira einen Stufenplan:Konzentrierte Natur aus aller Welt im historischen Botanischen Garten, weiland auch eine Idee der Familie Reid, hoch über Funchal. Stufe zwei: Wanderungen entlang der 2000 Kilometer langen Bewässerungskanäle durch die Berge, zwischen Lorbeerbäumen voll Moos und Flechten. Etwa zu den 25 Quellen, da sollten Sie freilich nicht mit Einsamkeit rechnen. Die indes findet man definitiv auf den Ilhas Desertas vor Madeira, einem Naturschutzgebiet, allerdings nur mit Genehmigung.
  • Fisch sehen und essen. Hinter wunderhübscher Flora und adretten Früchten warten in der Markthalle von Funchal hässliche Tiere: Degenfisch etwa aus dem tiefen Atlantik um die Insel, hier gern serviert mit Ei-Panier und Banane. Einmal probieren, meist eher lasche Katastrophe. Dann besser abbiegen zu Sardinen, Napfschnecken (kleine Muscheln), Papageienfisch, Dorade, (wenn nötig) Thunfisch und Co. (Harald Fidler/DER STANDARD/Printausgabe, 22./23./24.5.2010)

Info: Der Veranstalter Blaguss fliegt mit Flyniki-Chartern nach Madeira: blaguss.at

Ferienhäuser gibt es eher im Norden der Insel. Charming Hotels hat etwas kleinere Hotels, nach den Landhäusern Quinta genannt, zum Beispiel mit Aussicht über Funchal oder auf den Adlerfelsen.

  • Baum mit grünen Bewohnern, getroffen auf der Wanderung zu den 25 
Quellen.
    foto: fidler

    Baum mit grünen Bewohnern, getroffen auf der Wanderung zu den 25 Quellen.

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