"Mach mit" statt "Fang an"

21. Mai 2010, 13:25
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Mündige Bürger fallen nicht vom Himmel, sondern brauchen ein Fundament - Dann wird möglich, selbst die Veränderung zu sein, die man sehen möchte

Sage nicht "Fang an", sondern "Mach mit", wenn du etwas erledigt haben willst. Eine verantwortende Marktwirtschaft braucht selbstbewusste Entrepreneure und mündige Bürger, die ihre eigene Zukunft und die der Gesellschaft offensiv (mit)gestalten. Ohne die Träumereien von Visionären und Menschen, die Ideen aktiv umsetzen, lebten wir heute in einer ganz anderen Realität. Es gäbe keine Kunst und keine Schulen, keine Autos und keine Medikamente, keinen Rechtsstaat und auch keinen Konsumentenschutz, wenn Menschen nicht immer und immer wieder sich für Ideen einsetzen und gesellschaftliche Spielregeln mit Zivilcourage verändern.

"Wirtschaft(en)" muss erlernt werden - und zwar von jeder Generation aufs Neue. Es ist ein Fehler zu glauben, dass Wirtschaft und Demokratie vererbt werden. Jede Generation ist aufs Neue herausgefordert, ihre Kompetenzen, Ideen und Werte zu entwickeln, die für ihr Leben und ihre Gesellschaft wichtig sind. Die aktuelle Wirtschaftskrise ist daher nicht nur eine Krise des Finanzsektors, sondern eine Werte- und Innovationskrise einer Generation.

Als Wirtschaftspädagoge bin ich der festen Überzeugung, dass Erziehung in der Familie und die schulische Ausbildung zentrale Funktionen für eine verantwortungsvolle Marktwirtschaft einnehmen. Alle Arbeitnehmer und Unternehmer der Zukunft sind heute in der Schule, die Art ihrer wirtschaftlichen Ausbildung wird ihr Gesellschafts- und Wirtschaftsverständnis prägen. Mündige Bürger fallen nicht vom Himmel, sondern brauchen ein Fundament an Wissen zur Reflexion und zur Umsetzung ihrer Ideen.

Erziehung ist niemals neutral, entweder ist sie ein Instrument zur Befreiung des Menschen oder sie ist ein Instrument der Anpassung. Gerade im Bereich der wirtschaftlichen Bildung ist dies immer wieder zu hinterfragen.

Daher sollten wir uns einer wirtschaftlichen Bildungsphilosophie wie der Entrepreneurship-Education zuwenden, die ökonomische Kreativität, Eigenverantwortung, Entscheidungsfähigkeit, Wissenserwerb und Selbstständigkeit verknüpft und fördert.

Ich möchte nicht nur schreiben, was man machen soll, damit ein "guter" Kapitalismus Realität wird, sondern was ich bzw. wir machen - ganz konform dem Zitat von Mahatma Gandhi: "Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest".

Eine Marktwirtschaft mit Verantwortung fängt in erster Linie bei uns selbst an, als Konsument, Wähler, Arbeitnehmer, Unternehmer oder auch als Lehrer. Gemeinsam mit Kollegen haben wir ein fachdidaktisches Konzept für einen ideen- und werteorientierten Wirtschaftsunterricht entwickelt und in der Arbeitsbuch-Familie "Wirtschaft verstehen - Zukunft gestalten" für Jugendliche vorgelegt. Wir engagieren uns in der Lehreraus- und -fortbildung. Zwei Seminare (www.ifte.at) sollen den doch etwas anderen Zugang skizzieren, die Kitzbüheler Sommerhochschule für Entrepreneurship versteht sich als Labor der Ideen. Diese Arbeit ist eingebettet in einem Prozess der Schule als Ort der Persönlichkeitsentwicklung. Denn: Wir ernten, was wir säen. (*Johannes Lindner, DER STANDARD, Printausgabe, 8./9.5.2010)

Zum Autor

*Johannes Lindner ist Wirtschaftspädagoge der Schumpeter-HAK und Co-Gründer der Initiative für Teaching Entrepreneurship. www.ifte.at

 

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