Das Handy als magische Lupe

21. Mai 2010, 11:09
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Österreich wird zu einem Forschungsstandort für Augmented Reality - Know-how lockte ein US-Unternehmen nach Wien

"Stellen Sie sich vor, Sie können mit dem Handy auf jeden Gegenstand in der Welt zeigen, und das Gerät sagt Ihnen, was der Gegenstand kann, und hilft so in jeder Lebenslage, die Welt ein bisschen besser verstehen", versucht Michael Gervautz den Begriff der Augmented Reality (AR) auf Laienniveau herunterzubrechen. "Zum Beispiel, wenn Sie vor einem Einkaufsregal stehen, informiert sie das Handy über den Inhalt einer Packung. Oder Sie halten es, wie eine Art magische Lupe, auf Möbel, die sie zusammenbauen wollen, und kriegen eine Montageanleitung geliefert. Oder sie lassen sich damit alle Knöpfe im neuen Auto erklären."

Übernahme

Schon als Professor am Institut für Computergrafik der TU Wien und dann in dem von ihm 1998 als Spin-off gegründeten Unternehmen Imagination hat Gervaut die Möglichkeit, Informationen visuell darzustellen, fasziniert. Jetzt hat sich die Beschäftigung damit auch für ihn und sein Unternehmen ausgezahlt. Von Imagination entwickelte Softwarewerkzeuge für die AR-Anwendungsentwicklung weckten das Interesse von Firmen in Taiwan, China und den USA. Darunter Qualcomm, ein Chiphersteller mit Sitz in San Diego. Vor kurzem kaufte das US-Unternehmen das österreichische AR-Know-how.

Ein Punkt, der das Pendel zugunsten der Kalifornier ausschlagen ließ: "Qualcomm ließ erkennen, dass es Österreich als einen guten Standort erachtete, hier ein weiteres Forschungslabor zu eta-blieren", berichtet Gervautz. "Und angesichts der Tatsache, dass unsere Forschung vor 15 Jahren in Wien den Ausgang nahm, war ich da Patriot genug."

Was Qualcomm zudem interessant machte: "Während wir uns auf die Software konzentrieren, hat Qualcomm auch das Hardware-Know-how, um Augmented Reality technisch auf einer breiten Basis umzusetzen. Eine schöne Lösung, um unser aller Baby zum Siegeszug zu verhelfen." Ganz kurz allerdings war die Entscheidung für Qualcomm ins Wanken geraten. Als der Internetkonzern Google ebenfalls sein Interesse bekundete. "Doch da war der Vorvertrag schon unterschrieben."

Finanzielle Details zum Deal will er nicht verraten. Nur so viel: Imagination (der Unternehmensschwerpunkt liegt auf interaktiven Showrooms zur Wissensvermittlung in Kunst und Wissenschaft, Visualisierung für Industrie und Bau) erhalte dadurch ein finanzielles Back-up, um auch einmal das eine oder andere Risiko eingehen zu können.

Virtuelles mit realer Botschaft

Wie sich das Gebiet der Augmented Reality weiterentwickelt, will Gervautz hautnah miterleben. Er gibt deshalb die operative Führung bei Imagination ab und wechselt in das Qualcomm-Forschungscenter in der Wiener Operngasse.

AR-Entwicklungen wie etwa für den WWF in China seien da erst der Anfang. Mithilfe des Imganation-Softwaretools wurde für die internationale Tierschutzorganisation eine Anwendung gebaut, bei der, gleich wohin man die Handykamera in der Umgebung richtete, ein kleiner Bär erscheint. Mit der WWW-Botschaft dahinter: In fremden Umgebungen sind Tiere verloren - helft also mit Spenden, ihnen adäquate Lebensregionen zur Verfügung zu stellen. (Karin Tzschentke/ DER STANDARD Printausgabe, 21. Mai 2010)

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