Chat-Nachlese Stephan Schulmeister

"Es braucht einen New Deal für Europa"

21. Mai 2010, 11:13

Griechenlands Rettung war unumgänglich. Europa brauche kein "Gesund-Schrumpfen", sondern eine expansive Strategie, glaubt der Wifo-Ökonom

Gerade aus dem Griechenland-Urlaub zurückgekehrt, war Wifo-Ökonom Stephan Schulmeister zu Gast im derStandard.at-Chat. Auf der kleinen Insel Patmos habe er keine miese Stimmung ausmachen können: "Die dortige Bevölkerung scheint davon noch nicht beunruhigt zu sein." Jedenfalls ist Schulmeister sicher, dass Griechenland pleitegehen zu lassen keine Alternative für die Euro-Länder gewesen wäre. "Die Folgen wären viel gravierender gewesen als die Lehman-Pleite, nicht zuletzt, weil die Banken und Pensionsfonds der EU-Gläubigerländer enorme Verluste erlitten hätten", meinte er im derStandard.at-Chat am Freitag. Die Chancen, dass Griechenland aus dem Sumpf heraus kommt, schätzt der Ökonom allerdings eher pessimistisch ein: "Wenn gleichzeitig in der gesamten EU die Staatsausgaben gesenkt werden: nein."



Dass ein rascher Schuldenabbau in allen Euro-Ländern eine Gefahr für den Erhalt der Wirtschaftskraft darstellt, sieht Schulmeister als eine der großen Herausforderungen für die Zukunft: "Es ist einer der größten Fehler zu glauben, dass sich Staaten durch Sparen 'gesund schrumpfen' können. Viel mehr braucht es eine expansive Strategie, also einen New Deal für Europa, durch den wichtige Großprojekte wie die Bekämpfung des Klimawandels, Verbesserungen im Bildungssystem und die Stärkung des sozialen Zusammenhalts durchgezogen werden. Dies müsste durch erhebliche Beiträge der sozial am besten Gestellten 'vorfinanziert' werden", so der Ökonom.

Schulmeister fehlt vor allem eine umfassende systemische Diagnose der Krise. Derzeit konzentriere man sich viel zu sehr auf die Symptome, wie die hohe Staatsverschuldung. Damit verbaue man sich aber den Weg zu nützlicher Einsicht: "Daher wird auch die Symptomkur (gleichzeitiges Sparen in ganz Europa) die 'Krankheit' verschlimmern", so Schulmeister. Am Fortbestand des Euro zweifelt Schulmeister nicht – in den nächsten 20 Jahren werde die Gemeinschaftswährung nicht verschwinden. (rom, derStandard.at, 21.5.2010)
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