Ein Sündenbock nimmt seinen Hut

21. Mai 2010, 19:01
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US-Geheimdienstkoordinator Blair muss nach mutmaßlicher Intrige von CIA-Chef Panetta gehen

Zum Abschied gab es die üblichen Trostpflaster. Dennis Blair habe seinen Job als Geheimdienstkoordinator "bewundernswert" und "effizient" erledigt, schrieb Barack Obama am Donnerstag. In Wirklichkeit war es der US-Präsident, der Blair in die Wüste schickte, gegen dessen erklärten Willen, wie Kenner der Washingtoner Machtzentrale zu wissen glauben.

Der Grund: gravierende Ineffizienz. Erst vor 16 Monaten war der Flottenadmiral a. D. zum "Director of National Intelligence" ernannt worden, was bedeutete, dass er die 16 Geheimdienste der USA koordinierte. Als Oberaufpasser sollte er sicherstellen, dass Rivalität und Eitelkeit die Dienste nicht daran hindern, untereinander brisante Informationen auszutauschen.

Es war der dritte Mann auf einem Posten, den George W. Bush geschaffen hatte, um Lehren aus dem 11. September 2001 zu ziehen. Vor dem Terrorschock von 9/11 hatte es zwar hier und da Warnungen gegeben, aber keinen, der die Teile des Puzzles zu einem Gesamtbild zusammenfügte.

Nun muss Blair seinen Hut nehmen, weil sich zu Weihnachten etwas wiederholte, was fatal an die Fehlerkette des Sommers 2001 erinnerte. Hätten Passagiere nicht beherzt eingegriffen, wäre es Omar Faruk Abdulmutallab wohl gelungen, über Detroit ein Flugzeug in die Luft zu sprengen. Warnzeichen wurden ignoriert oder gingen unter, obwohl der besorgte Vater des Nigerianers US-Diplomaten von der Radikalisierung seines Sohnes berichtete. Bei Faisal Shahzad, einem aus Pakistan stammenden US-Bürger, der auf dem New Yorker Times Square eine Bombe zünden wollte, wiederholte sich die Pannenserie.

Blair ist der Sündenbock für solche Blamagen. Der Posten, den er verlässt, entspringe einer Fehlkonstruktion, schreibt die Washington Post: Damit habe man einem ohnehin schon überbürokratischen Apparat noch eine zusätzliche bürokratische Schicht hinzugefügt. Der wahre Grund der Demission war laut Insidern ein Machtkampf im inneren Zirkel der Schattenwelt. Angeblich wollte Blair an Stelle von CIA-Chef Leon Panetta bestimmen, welche Agenten die CIA an die Spitze ihrer Auslandsstationen beruft. Panetta, einst Stabschef Bill Clintons und immer noch hervorragend vernetzt im Weißen Haus, soll bei Obama heftig protestiert und all seine Kontakte ausgespielt haben - letztlich mit Erfolg. (DER STANDARD, Printausgabe 22./23./24.5.2010)

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    Dennis Blair verlor nach einer Pannenserie und Interventionen aus der CIA den Rückhalt bei Präsident Barack Obama.

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