Elfriede Jelinek über salonfähige Rechte

20. Mai 2010, 20:59
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Interview mit Mailänder Zeitung

Rom - In einem Interview mit dem "Corriere della Sera" vom Donnerstag konstatierte Elfriede Jelinek: "Mit Ausnahme Ungarns ist die extreme populistische Rechte in keinem anderen Land so stark wie bei uns (in Österreich, Anm.)", und: "Man kann daher sagen, dass ich in Kontrast zu meinem Land lebe und schreibe."

Interviewauszüge: "Die Tatsache, dass vor zehn Jahren die Vertreter der extremen Rechtspartei in die Regierung eingeschlossen wurden, hat sie in einer gewissen Weise salonfähig gemacht, so dass ihre Stellungnahmen heute nicht mehr für Skandal sorgen. Damals hatte die EU richtig Sanktionen verhängt, die aber in Wahrheit einen entgegengesetzten Effekt zu den Wünschen bewirkt haben".

"Ich persönlich finde die antieuropäische Haltung eines Großteils der Österreicher tragisch, die eigentlich für den EU-Beitritt gestimmt haben. Die Situation in Deutschland sehe ich ziemlich anders. Es ist heute eines der demokratischsten Länder, das ich kenne, mit einer beispielhaft lebendigen kulturellen Debatte. Natürlich wird dies vom Medienpluralismus gefördert, der von den Alliierten in die Wege geleitet und unterstützt wurde. In Österreich liest fast die Hälfte der Bevölkerung, die lesen kann, täglich die Kronenzeitung, dieses Blatt des gesunden Volksgeistes, der jedoch nie gesund war".

"Feindselig sind vor allem die Mitglieder von Zeitungsforen und der Leserrubriken. Es ist, als würde mein Name eine Art automatische Reaktion auslösen. Sobald man meinen Namen hört oder liest, hagelt es Beschimpfungen. Das verbittert mich zutiefst, weil das mir den Eindruck vermittelt, gebrandmarkt zu sein und dass man mir nicht einmal zuhören will. 'Sie sagt ja eh immer das Gleiche, das wissen wir', denken die Leute".

Ihr kritischer Geist sei eine Konstante. "Es ist komisch, wenn ich daran denke, begreife ich, dass ich von Anfang an so war. Ich konnte immer nur gegen etwas schreiben. Es ist mir nie gelungen, positiv über ein Thema zu denken, über das ich schrieb. Das muss etwas mit meinem Charakter zu tun haben, das kommt jedenfalls aus der Tiefe. Diese Haltung hat sich nicht geändert und Österreich, das fast ausschließlich das Thema meiner Literatur ist, bietet nicht viele Gelegenheiten, um dafür zu sein. Es bietet überhaupt keine. Man kann daher sagen, dass ich in Kontrast zu meinem Land lebe und schreibe. Es handelt sich aber nicht um einen grundsätzlichen Kontrast, sondern um einen Kontrast, der als Resultat der Situation entsteht, in der wir uns befinden. Es bleibt mir nichts anderes als dagegen zu sein".

Als ihr Lieblingswerk bezeichnete die Autorin ihren Roman "Die Kinder der Toten": "Ich halte es für mein wichtigstes Werk. Daher gibt es das Werk fast ausschließlich in deutscher Sprache, weil sich die Verleger von einer Übersetzung nicht viel erwarten".

Jelinek arbeitet zurzeit laut eigenen Angaben an einem Theaterstück über einen Faust in weiblicher Version und an einem kurzen Drama über die Bausünden, inspiriert vom Einsturz des historischen Archivs in Köln im vergangenen Jahr. (APA/red)

 

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