"Woanders ist das Leben auch nicht süß"

20. Mai 2010, 18:23
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Die ehemalige Bergbaustadt Rewda soll geschlossen werden, doch die Bewohner wehren sich

Loparit ist ein unspektakuläres Mineral: schwarz und matt wie ein Teerklumpen. Dennoch hängt von diesem unscheinbaren Material das Schicksal der 9000 Einwohner der nordrussischen Stadt Rewda ab. Die Siedlung wurde vor 60 Jahren jenseits des Polarkreises mitten in der Tundra von Häftlingen errichtet, weil das lokale Kombinat Loparit-Konzentrat für die sowjetische Rüstungsindustrie produzieren sollte. Mittlerweile braucht dieses Mineral kaum jemand, und die Stadt ist ihrem Untergang geweiht.

Das Jahr 2010 hat für Rewda nicht besonders gut angefangen. Die russische Wirtschaftszeitung Wedomosti veröffentlichte Details aus dem russischen Hilfsprogramm für sogenannte Monostädte - Städte, die von einer Fabrik oder einem Industriezweig abhängen. Demnach haben sich 26 von 27 besonders betroffenen Städten für finanzielle Staatsbeihilfen qualifiziert. Nur für eine Stadt soll es keine Hoffnung mehr geben. Rewda soll geschlossen, ihre Einwohner umgesiedelt werden. Die Bestürzung war groß.

Abenteuertourismus

Der Bürgermeister von Rewda, Alowsat Mamedow, übt sich in Zweckoptimismus: "Ich glaube nicht, dass die Regierung so viel Geld hat, um alle Einwohner umzusiedeln." Die Regierung müsste für eine Zweizimmerwohnung pro Familie mindestens drei Millionen Rubel lockermachen. Mamedow hat eine andere Vision für Rewda.

Es soll, wie schon damals zur Zeit der Sowjetunion, ein Schweinezuchtbetrieb aufgebaut und Rewda als Destination für Öko- und Abenteuertouristen entwickelt werden. Der Entwicklungsplan, der Investitionen von 1,2 Milliarden Rubel (rund 31,5 Millionen Euro) vorsieht, wurde bereits einer staatlichen Kommission präsentiert. Im Mai soll eine Entscheidung gefällt werden, wie es mit Rewda weitergehen soll.

Fast fünf Stunden dauert die Fahrt mit dem Autobus von Murmansk ins 170 Kilometer entfernte Rewda, einmal Umsteigen inbegriffen. Die Bahnlinie wurde vor drei Jahren stillgelegt. In Rewda gibt es kein Café, kein Restaurant, kein Hotel. Zwischen den langsam verfallenden Plattenbauten stehen Ruinen von Häusern, auf denen man die verblassende Aufschrift "Anwalt" oder "Geschäft" entziffern kann. Wer konnte, hat Rewda schon in den Neunzigerjahren verlassen. Zu Zeiten der Sowjetunion lebten noch rund 16.000 Menschen in der Siedlung.

Fast nur Pensionisten

"Die Stadt stirbt mit dem Kombinat. Die ganze Infrastruktur wurde damals rund um das Kombinat aufgebaut" , sagt Sonja Nikolajewna, die Direktorin der städtischen Bibliothek. "Wer braucht denn eine Bibliothek, wenn es keine Leute mehr gibt, die Bücher lesen?" , fragt sich Sonja, deren Mann früher das Bergbaukombinat leitete. Damals wurden monatlich 8000 Tonnen Loparit abgebaut, heute sind es nur noch 600 bis 700 Tonnen im Monat. Von den 4000 Bergleuten werden nur noch 900 beschäftigt. Bei einem durchschnittlichen Gehalt von 12.000 Rubel (rund 312 Euro) arbeiten in der Mine fast nur noch Pensionisten, die sich ihre bescheidene Rente aufbessern wollen.

Obwohl es mit der Siedlung seit dem Zerfall der Sowjetunion nur noch bergab geht, wollen die Einwohner ihre Stadt nicht verlassen. "Hier kann man arbeiten und sich gleichzeitig erholen" , sagt der 37-jährige Heimatforscher Wadim Lichatschew, der sich selbst als "wissenschaftlicher Dissident" bezeichnet und täglich in den nahen Bergen Ski fahren geht. Sonja wiederum schätzt die reichen Fischgründe rund um Rewda. "Bei uns gibt es keine Kriminalität, kein organisiertes Verbrechen und keine Drogenabhängigen. Und Alkoholiker gibt es überall in Russland", lobt Wadims Bruder Igor die Vorzüge von Rewda.

Umsiedlungsprogramme

Einige Einwohner von Rewda haben bereits frühere Umsiedlungsprogramme der Regierung in Anspruch genommen und eine Wohnung in Murmansk oder einer anderen Stadt erhalten, berichtet der Bürgermeister. Viele hätten jedoch die neue Wohnung verkauft und seien nach Rewda zurückgekehrt, um vom Verkaufserlös zu leben. "Woanders ist das Leben auch nicht so süß", sagt der Bürgermeister, den es selbst vor 30 Jahren aus Aserbaidschan nach Rewda verschlagen hatte. (Verena Diethelm aus Rewda/DER STANDARD, Printausgabe, 21.5.2010)

  • In der Bibliothek von Rewda: "Wer braucht denn eine Bibliothek, wenn es keine Leute mehr gibt, die Bücher lesen?"
    foto: standard/diethelm

    In der Bibliothek von Rewda: "Wer braucht denn eine Bibliothek, wenn es keine Leute mehr gibt, die Bücher lesen?"

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