Die Rothemden sind weg, der Zorn bleibt

20. Mai 2010, 20:38
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Nach den Unruhen in Bangkok herrscht in Thailand eine brüchige Ruhe

In Bangkok bleibt die Atmosphäre angespannt. Noch am Donnerstag kam es neuerlich zu Schusswechseln in jenem Geschäftsbezirk an der Ratchaprasong-Kreuzung, welches die Rothemden wochenlang besetzten, und das Militär am Tag zuvor gewaltsam geräumt hatte. Dort hielten sich am Donnerstag weiterhin einige Protestler verschanzt, und leisteten den Soldaten Widerstand. Indessen drangen Polizisten in den "Wat Pathum Wanaram" ein, einen buddhistischen Tempel unweit des Zentrums.

Dorthin hatten sich schon zu Beginn der Woche Frauen, Kinder und Alte geflüchtet. Die Polizei evakuierte verängstigte und weinende Menschen; anschließend wurden ihre Habseligkeiten durchwühlt. Alles, was als Markenzeichen ihres Widerstands gilt, wurde ihnen genommen: Rote Plastikklatscher in Fuß- oder Herzform, rote Tücher und T-Shirts. Nach der Evakuierung des Tempels wurden neun Leichen entdeckt; die Umstände ihres Todes sind nicht geklärt. Insgesamt wurden in den vergangenen Tagen mindestens vierzehn Menschen getötet.

Krawalle im Norden

Nach der Räumung des Viertels am Mittwoch legten wütende Anhänger der Rothemden an dutzenden Orten in Bangkok Feuer. Die Regierung unter Premier Abhisit Vejjajiva verhängte eine Ausgangssperre, die bis Samstag gelten soll. Diese gilt nicht nur für die Hauptstadt, sondern auch für 23 weitere Provinzen. Betroffen sind vor allem die Regionen des Nordens und Nordostens, die politischen Hochburgen der Roten. Auch von dort wurden Krawalle gemeldet.

Indessen stellten sich mehrere Anführer der "Vereinigten Front für Demokratie gegen Diktatur" (UDD), wie sich die Rothemden offiziell nennen, der Polizei. Zwei von ihnen riefen ihre frustrierten Anhänger dazu auf, sich zurückzuziehen. "Bitte macht euch von der Wut frei" , bat einer der UDD-Führer.

Genau das aber ist vielen Anhängern der "Roten" schwer zu vermitteln. Für sie ist es eine schwere Enttäuschung, nach fast zehn langen Wochen eines zunächst friedlichen Protestes nicht das Geringste erreicht zu haben.

Die Spaltung bleibt

Viele Beobachter sind sich darin einig, dass die jüngsten Unruhen und ihre gewaltsame Niederschlagung die tiefe Spaltung von Thailands Gesellschaft nur noch verschärften.

Dabei hatte es vor kurzem noch so ausgesehen, als würden sich die rivalisierenden Lager einander annähern. Premier Abhisit, der aufgrund der wochenlangen Demonstrationen immer mehr unter Druck stand, hatte sich letztlich zu vorgezogenen Neuwahlen bereit erklärt und einen Plan zur nationalen Versöhnung vorgelegt. Prinzipiell war damit auch die UDDeinverstanden. Aber dann erhoben einige Anführer neue Forderungen. Die fast schon sicher geglaubte Vereinbarung platzte. Nun scheint die Macht der Rothemden gebrochen. (Nicola Glass aus Bangkok/DER STANDARD, Printausgabe, 21.5.2010)

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    Rauch, der aus einem brennenden Einkaufszentrum aufsteigt, zieht über ein Armeedenkmal in Bangkok.

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