Viel Geld für eine Hand voll Pillen

30. Mai 2010, 15:10
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Wie viel Aids-Medikamente kosten, wer dafür bezahlt und warum die Generika-Produktion gefährdet ist

Die meisten HIV-Infizierten müssen sich nicht sofort einer antiretroviralen Behandlung unterziehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt vor, dass mit einer Therapie begonnen werden muss, wenn die CD4-positiven Zellen auf 350 pro Kubikmillimeter Blut abfallen. Bei einem gesunden Menschen sind zwischen 500 und 1.500 solcher Zellen pro Kubikmillimeter Blut vorhanden. "Wenn jemand mit dem Virus infiziert ist, dauert es eine gewisse Zeit bis das Immunsystem so geschwächt ist, dass man für Infektionen anfällig wird", erklärt Florian Breitenecker, Arzt an der Universitäts-Hautklinik in Wien und Aktivist von "Ärzte ohne Grenzen". In der Regel wird heute rund fünf Jahre nach Erkennen des Virus mit einer Behandlung begonnen, wobei die individuelle Schwankungsbreite sehr hoch ist. "Wenn zusätzliche Erkrankungen wie Hepatitis C vorliegen, der Betroffene älter als 50 Jahre ist oder eine hohe Viruslast hat, sollte man aber früher damit anfangen."

Teure Medikamente

Die Behandlung von Aids ist teuer. "Die Kosten hängen von der Kombination der Medikamente ab und betragen in Österreich 1.500 bis 3.000 Euro pro Monat", sagt Breitenecker. In Österreich ist die Behandlung abgesichert. "Alle Barrieren sind aus dem Weg geräumt, damit jeder Zugang zur Therapie hat." Die Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Therapie, die Medikamente sind von der Rezeptgebühr befreit. Schwierig werde es für nicht versicherte Menschen, aber auch da ließen sich Lösungen finden.

Bedarf ist höher

Anders ist das in Entwicklungs- und Schwellenländern: Laut WHO bekamen im Jahr 2008 in Afrika 2,9 Millionen HIV-Infizierte die benötigten Medikamente - rund 6,7 Millionen hätten die Hilfe benötigt. Ähnlich, wenn auch mit geringeren Zahlen, ist die Situation in Nord- und Südamerika, in Süd- und Ostasien und im Westpazifik. In Europa fehlt es vor allem in Osteuropa und Russland an Medikamenten, im östlichen Mittelmeerraum wurden im Jahr 2008 rund 10.000 Menschen therapiert - für zehnmal so viele wäre Bedarf gewesen.

11 Millionen warten auf Behandlung

Insgesamt soll es weltweit rund 11 Millionen Menschen an einer Therapie fehlen. Die Gründe dafür: Einerseits wissen viele Menschen nicht, dass sie infiziert sind und eine Behandlung benötigen würden. Andererseits sind die bereits bestehenden Programme am Limit. "Sie sind überfordert, es ist zu wenig Personal vorhanden, es gibt bereits Wartelisten mit bis zu drei Monaten Wartezeit", sagt Breitenecker. Auch das Geld spielt eine Rolle: Die aktuellen Projekte können oft keine neuen Patienten aufnehmen, weil es an der Finanzierung hapert.

Die Finanzierung von Aids-Therapien

Wie finanzieren Schwellen- und Entwicklungsländer ohne funktionierenden Gesundheitssystemen, in denen die Aids-Rate oft besonders hoch ist, die Behandlung? "Eine kostenlose Therapie ist in den meisten dieser Länder gegeben", weiß Breitenecker. Es gibt zwei Haupttöpfe, in die Geld fließt und wiederum für Medikamente ausgegeben wird: Der "Global Fund to fight Aids, Tuberculosis and Malaria" ist eine internationale Einrichtung, die im Jahr 2009 mehr als zehn Milliarden US-Dollar für Maßnahmen gegen Aids in 140 Ländern ausgegeben hat. Die zweite Einrichtung nennt sich "The United States President's Emergency Plan for Aids Relief" (PEPFAR) und wurde im Jahr 2003 vom damaligen US-Präsidenten George Bush initiiert.

Vergünstigungen und Generika

Um die Kosten der Aids-Behandlung für Länder mit geringem Brutto-Inlandsprodukt einzudämmen, geben Pharmafirmen Original-Medikamente günstiger ab. "Die Preise werden mit jedem Land einzeln verhandelt - sie sind aber immer noch viel zu hoch", bemängelt Breitenecker. Vor allem preiswerte Generika sollen helfen, immer mehr Menschen versorgen zu können. Die günstigste Medikamentenkombination kostet dann nicht mehr 1.500 bis 3.000 Euro pro Monat, sondern 60 Euro - pro Jahr. "Diese Kombination entspricht allerdings nicht mehr der von der WHO empfohlenen Therapie, weil eines der Medikamente starke Nebenwirkungen verursacht", sagt Breitenecker. In einer Tablette sind üblicherweise drei verschiedene Medikamente enthalten. Ersetzt man dieses eine durch ein neueres, jedoch patentrechtlich geschütztes Original-Medikament, verteuert sich die Behandlung wieder.

Gefahr Freihandelsabkommen

Derzeit produzieren vor allem Länder wie Indien, aber auch Thailand und Brasilien die um ein Vielfach günstigeren Nachahmepräparate. "90 Prozent der Aids-Medikamente, die in Afrika verwendet werden, kommen aus Indien", sagt Breitenecker. Weil Indien aber im Jahr 2005 der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten ist, muss sich das Land nun auch deren Regelwerk unterwerfen. "Dazu gehört auch der Schutz des geistigen Eigentums, Indien muss sich nun also auch an Patentregeln halten und dürfte damit nicht mehr einfach Medikamente nachkonstruieren", erklärt Breitenecker.

Es gibt aber ein Schlupfloch: Bestimmte Klauseln, die es Ländern mit dringendem Bedarf erlauben, trotzdem Generika zu produzieren oder zu importieren. Derzeit verhandelt die EU aber mit Indien über ein Freihandelsabkommen, das diese Ausnahmeregelungen außer Kraft setzen würde. Dann wäre wieder Schluss mit günstigeren Medikamenten. Eine neue Idee könnte es sein, Patente in einen Pool zu bringen und daraus die Finanzierung für die ärmsten Ländern zu bestreiten.

Kritik an Österreich

Waren vor fünf Jahren weltweit erst 400.000 Menschen in Therapie, so sind es derzeit 4,7 Millionen. Laut Michel Sidibé, Exekutivdirektor von UNAIDS, dem Aids-Programm der Vereinten Nationen, stünden heute mehr als 16 Milliarden US-Dollar zur Bekämpfung von Aids zur Verfügung. "Österreichs Regierung unterstützt auf globaler Ebene weder die Forschung noch die Behandlung", kritisiert Breitenecker. Ein Umstand, den Ärzte ohne Grenzen immer wieder anprangere. "Das ist vor allem peinlich, weil Österreich heuer Gastgeber der Internationalen Aids-Konferenz ist." (Maria Kapeller, derStandard.at, 30.5.2010)

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    Die Kosten für eine Aids-Therapie betragen in Österreich zwischen 1.500 und 3.000 Euro pro Monat. Die günstigste Kombination von Generika kostet 60 Euro - pro Jahr.

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    Vor allem Indien, aber auch Thailand und Brasilien produzieren Generika zur Behandlung von Aids.

  • Florian Breitenecker, Arzt und Aktivist von "Ärzte ohne Grenzen" bei einem Einsatz der Organisation in Thailand.
    foto: msf

    Florian Breitenecker, Arzt und Aktivist von "Ärzte ohne Grenzen" bei einem Einsatz der Organisation in Thailand.

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