"Die politisch Korrekten in Erregung versetzen"

21. Mai 2010, 20:33
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Brett Bailey stellt reale Menschen aus Namibia im Völkerkundemuseum aus - und spannt den Bogen bis zu Marcus Omofuma

Dreißig Wiener sitzen im Kreis und starren der schwarzen Frau auf den Busen. Dafür ist sie da. Sie steht, halbnackt, auf dem sich drehenden Podest, entzieht sich nicht, macht ihren ganzen Körper zugänglich für die Blicke der Weißen, die still sitzen müssen. Sie dürfen nichts sagen, dürfen nicht reden, nicht miteinander, nicht mit der Frau. Nur starren dürfen sie, und lauschen. Christa Ludwig singt Schubert-Lieder dazu. Wir befinden uns in der Säulenhalle des Völkerkundemuseums Wien: eine Klassik-Peepshow fürs Kulturpublikum. 

Menschenzoo

Wenn der südafrikanische Künstler Brett Bailey schwarze Menschen im Völkerkundemuseum „ausstellt", dann handelt er traditionsbewusst. „Afrikaner-Schau'n" war in Wien einst beliebtes Freizeitvergnügen. Im Rahmen der Wiener Festwochen verbindet Bailey diese Tradition mit Elementen der Kolonialgeschichte, Bezügen zum Genozid an den Herero und Nama in Namibia durch deutsche KolonialistInnen, und mit der Fortsetzung der Rassismushistorie hin zur österreichischen Gegenwart: Marcus Omofuma auf dem Flugzeugsitz, im Hintergrund durchs Fenster der Blick aufs Parlament. Wen hier nicht fröstelt, hat nicht hingesehen. 

Genau das scheint die typische Reaktion vieler Wiener BesucherInnen gewesen zu sein. Die SchauspielerInnen - großteils in Namibia gecastet, aber auch Wiener Augustin-VerkäuferInnen befinden sich darunter - berichten von gesenkten Blicken, von der Angst vor der Konfrontation. Kein Wunder: Nirgends wird die Wirkweise von Rassismus spürbarer gemacht als hier. Wer sich immun gegenüber Selbstkritik glaubt, weil er/sie ja so aufgeklärt ist, wer Rassismus gegenüber Schwarzen als Ansichtssache abtut, wer Kolonialgeschichte für abgeschlossen erklärt - alle werden hier gebührend erschüttert. 

Damals und heute

„Die politisch korrekten Europäer ordentlich in Erregung versetzen" - Brett Bailey hat es sichtlich Spaß gemacht. Die dramaturgische Dichte und die Österreich-Bezüge sind Wolf Lamsa zu verdanken - nie wirkt es gekünstelt, wenn die Brutalität der Kolonialherren mit dem Gewaltexzess der Festung Europa in Verbindung gebracht wird. 

Die Frauen und Männer, die hier als Gefolterte, Eingesperrte, Unterdrückte ausgestellt und angeglotzt werden, bleiben Subjekte. Zum nackten Objekt gemacht werden die Weißen, die mit ihren Eintrittskarten durchspazieren und ratlos sind, ob sie Mitleid, Betroffenheit, Wut oder Unberührtheit signalisieren sollen. Brett Bailey ist es gelungen, das dunkle Erbe im Keller aller Völkerkundemuseen der reichen Welt ans Tageslicht zu holen, um es mit der gepflegten Tradition des Rassismus im Hier und Jetzt zu verbinden.
Exhibit A: Deutsch Südwestafrika ist noch bis Sonntag im Völkerkundemuseum zu sehen. (mas, derStandard.at, 20.5.2010)

  • Schädel als Faszinosum: Sie wurden studiert, ausgestellt, und zum Fundament irrer "Rassentheorien" gemacht. In "Exhibit A" lässt Brett Bailey sie singen
    foto: wiener festwochen/nurith wagner-strauss

    Schädel als Faszinosum: Sie wurden studiert, ausgestellt, und zum Fundament irrer "Rassentheorien" gemacht. In "Exhibit A" lässt Brett Bailey sie singen

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