"Lebensqualität ist mehr als Schmerzreduktion"

24. Mai 2010, 20:29
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Für Migräne gibt es keine Standardbehandlung. Schmerztherapeut Thomas Wieser über Spielarten einer Erkrankung, multimodale Therapieansätze und das Ziel, abschalten lernen zu können

Standard: Gibt es eine typische Migränepersönlichkeit?

Wieser: Nein, eine typische Migränepersönlichkeit gibt es nicht. Es gibt viele Formen von Migräne. Wenn wir mit Betroffenen Tests durchführen, fällt aber schon auf, dass viele im Vergleich zu Menschen ohne Migräne über lange Zeit einen sehr hohen Aufmerksamkeitslevel halten können. Sie sind hochkonzentriert, wenn andere längst aussteigen.

Standard: Was folgern Sie?

Wieser: Dass bei einer Reihe von Migränepatienten der natürliche Mechanismus des Abschalten-Könnens weniger stark ausgeprägt ist. Bei manchen ist es so, als ob sie keinen Filter vorschieben könnten. Dadurch ergibt sich eine andere Wahrnehmung, was dann wiederum auch das Verhalten beeinflusst. Wer immer hoch aufmerksam ist, versucht mehr als andere, Kontrolle zu bewahren, entwickelt leichter Neurotizismen. Wir wissen, dass biologische Voraussetzungen Verhalten beeinflussen.

Standard: Was bedeutet das?

Wieser: Eine multidisziplinäre Sichtweise. Die Erkrankung muss zuerst genau diagnostiziert, andere Ursachen ausgeschlossen werden. Dann sollten die Auslöser für Attacken sorgfältig ermittelt werden. Das können Überforderung, aber auch Lebensmittel oder Wetterumschwünge sein. Migräne kommt selten allein. Oft gehen Depression und Migräne einher, auch Angst ist häufig. Das alles gilt es zu berücksichtigen.

Standard: Was ist die optimale Therapie?

Wieser: Es geht immer darum, Lebensqualität wiederherzustellen. Das bedeutet viel mehr als nur Schmerzreduktion. Oft geht es darum, einen Teufelskreis zu durchbrechen, etwa die Angst vor dem nächsten Anfall nach einem gerade überstandenen. Mir ist besonders wichtig, zu erfahren, was der Patient in Bezug auf seine Erkrankung denkt und fühlt, und wie er sich dann verhält. Das Erkennen dieser Reaktionen auf gedanklicher und emotionaler Ebene ist ein erster Schritt. Durch eine Beeinflussung dieser Reaktionen kann dem Einzelnen viel Angst, Unsicherheit und Leid erspart werden. Migräne wird bis heute immer noch häufig in die Psychoecke gestellt. Damit tut man Betroffenen unrecht.

Standard: Welche Alternativen gibt es zu Medikamenten?

Wieser: Medikamente spielen immer noch eine zentrale Rolle, sie sollten aber durch flankierende Maßnahmen ergänzt werden. Es gibt Patienten, denen Sport hilft, andere reduzieren ihre Attacken, indem sie einen ausgeglichenen, regelmäßigen Lebensrhythmus einhalten. Einige wenige haben seltener Anfälle, wenn sie bestimmte Lebensmittel nicht konsumieren. Auch Entspannungstechniken zeigen Erfolge.

Standard: Inwiefern?

Wieser: Sie helfen dabei, abschalten zu können, Stress zu reduzieren - was ja häufig Migräne auslöst. Alle verhaltenstherapeutischen Maßnahmen sind immer nur mögliche Varianten, die nicht unbedingt allen helfen. Viele setzen auch die Konsequenzen von Verhaltensänderungen, etwa der Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel, unter Druck. Und eines kommt noch dazu: Die vielen guten Tipps, die Migränepatienten ständig bekommen, stressen auch. Da gilt es, das Richtige und Machbare für den Einzelnen zu finden. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printaugabe, 25.05.2010)

ZUR PERSON

Thomas Wieser (46) ist Neurologe im Krankenhaus Göttlicher Heiland in Wien, wo er als Schmerztherapeut arbeitet. Er hat eine eigene Ordination in Wien.

 

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