Die grüne Mission im roten Mariahilf

20. Mai 2010, 17:51
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Jerusalem soll für die Grünen Mariahilf erobern - Die neue Bezirksparteichefin sieht sich mit interner Kritik konfrontiert

Wien - 32 zu zwölf: In Zahlen klingt das nach einem eindeutigen Ergebnis für Susanne Jerusalem. Die Mariahilfer Grünen wählten sie am Mittwochabend zur Bezirks-Spitzenkandidatin für die Wahlen am 10. Oktober. Die 60-jährige Gemeinderätin, die im Herbst nicht mehr kandidiert, soll - so das ambitionierte grüne Ziel - die neue Bezirksvorsteherin im roten Sechsten werden. Für die Wiener Grünen-Chefin Maria Vassilakou ist Jerusalem eine "zentrale Figur" für den Kampf um das "Kipferl", wie sie es nennt: Der vierte, fünfte, sechste und neunte Bezirk sollen grün eingefärbt werden, im siebten und achten soll die grüne Mehrheit erhalten bleiben.

Die Wahl Jerusalems geht einher mit erheblichen internen Bröseln: Manfred Rakousky, bisheriger Klubvorsitzender in der Bezirksvertretung, unterlag Jerusalem bei der Wahl und wird in Mariahilf nicht mehr mitmischen.

Der langjährige grüne Bezirksrat Richard Weihs machte seinem Ärger in einer geharnischten E-Mail Luft: Die Landespartei hätte "in einem bemerkenswerten Akt der Selbstverstümmelung" die Bezirksgruppe zerschlagen. Diese sei immer "autark" gewesen - "und das ist der Landesorganisation nicht recht". Eine Reihe von neuen Parteimitgliedern sei im Vorfeld der Abstimmung angemeldet worden, Weihs spricht von "Stimmvieh".

Jerusalem verweist auf den "demokratischen Vorgang" bei der Wahl: "Viele haben Manfred Rakousky diese Aufgabe einfach nicht zugetraut." Vier bisherige Bezirksräte seien ebenso Teil ihres Teams wie der Stellvertreter von Bezirksvorsteherin Renate Kaufmann (SP), Werner Haslauer. Die grüne Bezirksorganisation brauche "ein offenes Team mit gutem Klima, und das hatte sie bisher nicht".

Ihren Hauptwohnsitz wird Jerusalem in nächster Zeit von Penzing nach Mariahilf verlegen; mit dem sechsten Bezirk sei sie aber schon lange "sehr verbunden", als Sozialsprecherin der Grünen, aber auch als Mitbegründerin einer Alternativschule, die ihre Kinder besucht haben.

Knapp 29 Prozent erreichten die Grünen bei den Wahlen 2005 in Mariahilf, sie wurden damit zweitstärkste Kraft hinter der SP mit 35,6 Prozent. Bei den letzten Nationalrats- und Europawahlen waren die Grünen jeweils stärkste Partei. Tatsächlich wird es aber schwer, die beliebte Bezirksvorsteherin Kaufmann aus dem Sessel zu befördern. Seit zehn Jahren hat sie den Posten inne, 2001 färbte sie Mariahilf von schwarz auf rot. Kaufmann, die laut Eigendefinition "ein rotes Herz mit grünen Punkten" hat, freut sich über die "sympathische Mitbewerberin".

Vor inhaltlicher Grün-Nähe scheut Kaufmann daher nicht zurück. Etwa wenn es darum geht, gemeinsam mit dem grünen Bezirksvorsteher von Neubau, Thomas Blimlinger, die Mariahilfer Straße fußgängerfreundlicher zu machen. "Ich freue mich, dass er da nicht mehr bremst." Jerusalem ist da noch zurückhaltender: "Wir werden uns dieses Projekt noch ganz genau anschauen." (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 21.5.2010)

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