Pflegende Angehörige wollen "gesehen" werden

20. Mai 2010, 13:33
1 Posting

350.000 Personen werden in Österreich zu Hause gepflegt - Anerkennung, Information und Hilfsangebote fehlen

Wien - Jene Menschen, die sich bei der Betreuung chronisch kranker oder behinderter Verwandter täglich aufopfern, gehen im gesellschaftlichen Diskurs offenbar unter. "Derzeit gibt es in Österreich rund 420.000 Pflegegeld-Bezieher. 350.000 davon leben zu Hause und werden von den Angehörigen gepflegt. Jede vierte Familie ist betroffen", erklärte Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin einer neuen "Interessensgemeinschaft pflegender Angehöriger" bei einer Pressekonferenz in Wien. Es geht um Information der Betroffenen über Hilfsangebote und um Lobbying für deren Interessen in Gesellschaft und Politik.

Angehörigen fehlt Unterstützung

"Wir wollen, dass pflegende Angehörige gesehen, angehört und verstanden werden", meinte die Präsidentin der mit finanzieller Unterstützung des Österreichischen Roten Kreuzes ins Leben gerufenen Vereinigung. Daran - so die Proponenten - fehlt es derzeit noch massiv. Harald Goldmann, Vize-Chef der IG-Pflege, der von 1996 bis 1999 seinen verunglückten Bruder im Wachkoma betreute: "Pflegende Angehörige sind oft nicht in der Lage, unterstützende Hilfe zu bekommen, weil sie davon nichts wissen."

Dabei könnten weder institutionelles Gesundheits- noch Sozialwesen die Versorgung der mehrere hunderttausend Menschen umfassende Gruppe der ständig Pflegebedürftigen in Österreich übernehmen. Maria Hoppe, Ergotherapeutin und Vorstandsmitglieder der Interessensgemeinschaft: "Wir rechnen, dass die häusliche Pflege eines Dementen pro Jahr 10.000 bis 12.000 Euro kostet. In einem Pflegeheim wären 25.000 bis 43.000 Euro nötig."

Lebensqualität verbessern

Verbesserung der Lebenssituation pflegender Angehöriger, öffentliche Bewusstseinsbildung, mehr Wertschätzung und Anerkennung für die Betroffenen, Identifizierung von Versorgungslücken, Auftreten als relevante politische Gruppe und Lobbying sind die Hauptanliegen der Proponenten. Dramatische Beispiele - so zum Beispiel eine Lehrerin, die jahrelang eine schwerbehinderte Tochter und eine blinde und gelähmte 92-jährige Mutter betreute, sind nur Schlaglichter einer täglichen Routine für Hunderttausende, die oft in Selbstausbeutung und Burn-Out endet.

Maria Hoppe: "Es geht nicht nur um die ältere Generation. In Deutschland pflegen 200.000 Kinder ihre Eltern. Das sind Personen zwischen sechs und 16 Jahren. Diese Kinder 'sieht' niemand." Umgerechnet auf Österreich müssten 20.000 Kinder betroffen sein. Die Initiative wird auch von Uniqa und AUVA unterstützt. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die neu gegründete Interessensgemeinschaft setzt sich eine Verbesserung der Lebenssituation pflegender Angehöriger zum Ziel.

Share if you care.