derStandard.at-Interview

Initiative gegen Gebrauch der Begriffe "Links- und Rechtsextremismus"

Teresa Eder, 21. Mai 2010 10:35
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    Foto: APA/Oczeret

    Die "Initiative gegen jeden Extremismusbegriff" sieht die stärkerwerdende Tendenz, dass Demos gegen Faschismus mit dem Begriff des "Linksextremismus" denunziert und entlegitimiert werden.

Gesellschaftskritik würde diskreditiert und Nazi-Aktivitäten verharmlost werden

Die deutsche "Initiative gegen jeden Extremismusbegriff" (INEX) bemüht sich seit zwei Jahren auf die problematische Verwendung der Begriffe "Links- und Rechtsextremismus" hinzuweisen. "Jemanden, der nazistische Ideologien und Politik vertritt, muss man Nazi nennen. Da hilft der Verweis auf Rechtsextremismus nichts, weil das vom Problem ablenkt", sagt Tilman Sommer, Mitglied der Intiative. Im Interview mit derStandard.at spricht er über das "Aufbauschen" von linksextremen Delikten und Politiker, die Kritik an staatlichen Missständen immer mehr verhindern würden.

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derStandard.at: Die österreichische Innenministerin Maria Fekter sprach bei der Veröffentlichung des Verfassungsschutzberichts Ende April davon, dass es hierzulande im Jahr 2009 eine "gewaltige Zunahme an linksextremistischen Delikten" gegeben habe (Anm.: 90 linksextreme vs. 791 rechtsextremistische Delikte). Außerdem spricht sie davon, dass es "bedenklich" ist, dass "fast jede rechte Veranstaltung mit einer linken Gegenbewegung einhergeht". Wie bewerten Sie diese Aussagen?

Sommer: Es werden hier einerseits Proteste und Widerstand gegen nazistische Aktivitäten als "undemokratisch" denunziert und andererseits Positionen der radikalen Rechten verharmlost, indem "linke" Aktivitäten aufgebauscht werden. Wenn die österreichische Innenministerin solche Aussagen tätigt, geht es ihr natürlich um die Konstruktion einer vermeintlichen "Mitte" und darum festzuschreiben, wer jetzt zu den DemokratInnen gehört und legitime Politik macht. 

In Deutschland wurde vor einem halben Jahr auch von einem "erschreckenden Anstieg" des Linksextremismus gesprochen, mittlerweile stellt sich aber heraus, dass das durch verschiedenste statistische Tricks erreicht wurde. Wir hatten letztes Jahr in Deutschland eine Art "Superwahljahr", es wurde jedes übermalte oder beschädigte Wahlplakat von Nazi-Parteien als Delikt mitgezählt. Außerdem wurde die Definition von linksextremistischen Gewalttaten massiv ausgeweitet: jeder Polizist, der sich im Rahmen von Demonstrationen des linken Spektrums verletzt hat - auch durch Selbstverschulden oder Kollegen - wird mitgezählt. So ist man zu diesen Zahlen gekommen und deswegen verweigert es die Bundesregierung auch seit einem halben Jahr die Daten, die dahinterstehen, offenzulegen. 

derStandard.at: Welche Bedenken haben Sie und ihre Initiative gegen die Verwendung des Begriffes "Linksextremismus"? 

Sommer: Ein Teil unserer Kritik betrifft die Verwendung beider Begriffe: sowohl des Links- als auch Rechtsextremismus. Es ist ungemein schwierig zu definieren, was damit logisch gemeint ist und wie man beides voneinander abgrenzt, selbst Extremismustheoretikerinnen und Extremismustheoretiker tun sich schwer. 

Ein weiterer Hauptkritikpunkt ist auch, dass "Extremismus" ein politischer Kampfbegriff ist, der von staatlichen Organen und dem Verfassungsschutz verbreitet wird. Im Fall von Linksextremismus soll dadurch linke Gesellschaftskritik diskreditiert werden und aus dem Raum des „Sagbaren" entfernt werden. Dadurch soll natürlich die gegenwärtige Ordnung mit all ihren kritikwürdigen Details als gegeben und "Norm" definiert werden, die nicht verändert werden darf.

derStandard.at: Der Begriff des "Rechtsextremismus" ist demnach auch zu kritisieren?

Sommer: Wir sprechen uns gegen jeden „Extremismusbegriff" aus. Es wird uns ja immer vorgeworfen, dass wir bloß nicht "linksextrem" genannt werden wollen. Doch eigentlich ist das "Extremismus"-Konzept per se problematisch. 

Auch Leute aus der Wissenschaft, die sich mit nazistischen und faschistischen Phänomenen in der Gegenwart beschäftigen, gebrauchen den Begriff des "Rechtsextremismus". Unsere Kritik daran ist, dass dadurch letztendlich Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus und andere ideologische Versatzstücke verharmlost werden, die in allen Bereichen der Gesellschaft vorkommen. Wenn man sie aber dem Rechtsextremismus zuweist, projiziert man diese Probleme an einen vermeintlichen Rand und aus der Gesellschaft hinaus und verhindert damit deren Bekämpfung. Es wird also eine "Mitte" konstruiert, die per se demokratisch und frei von Phänomenen wie Rassismus zu sein scheint. Alle dürfen sich dazurechnen, die sich von Extremismus abgrenzen. Das ist eine einfache Operation, die aber den Problemen nicht gerecht wird. 

Auch wenn Begriffe wie Neonazi oder Nazi vielleicht nicht alleine gelten können, muss man trotzdem jemanden, der nazistische Ideologien und Politik vertritt, Nazi nennen. Da hilft der Verweis auf Rechtsextremismus nichts, weil es vom Problem ablenkt. 

Unbedacht bleibt dabei ebenfalls, dass empirisch gesehen, die aggressivsten Angriffe auf die Verfassung in Deutschland in den letzten Jahren aus dem Bundesinnenministerium und von den Verfechtern des Sicherheitsstaates selbst gekommen sind. Die kamen nicht von sogenannten "Extremisten" sondern direkt aus der sogenannten "Mitte" der Gesellschaft. Beispiele dafür sind etwa die Diskussion um die potenzielle Rechtmäßigkeit von Folter im Rahmen eines Entführungsfalles, die immer wieder aufs Neue forcierte Annäherung von Polizei und Geheimdiensten, die Aushöhlung von Grundrechten durch Instrumente wie die Vorratsdatenspeicherung oder die Einschränkung der Versammlungsfreiheit in einzelnen Bundesländern.

derStandard.at: Was wären adäquate Begriffe, mit denen diejenigen, die als „linksextrem" tituliert werden, leben könnten?

Sommer: Viele linke Gesellschaftskritiker würden sich in ihrer Selbstbeschreibung als linksradikal bezeichnen. Die wenigsten würden ein ähnliches Problem mit diesem Begriff haben wie mit dem Linksextremismus. Das ist kein Kampfbegriff. Aber ich kann natürlich nicht stellvertretend für alle Linken sprechen und ich persönlich würde selbst die Definition "links" problematisieren und in Frage stelle. Man muss genauer bestimmen, wofür man eintritt. Dafür ist der Begriff links meistens viel zu weit. 

derStandard.at: Sie kritisieren die Einmischung des Staates in die politische Bildungsarbeit. Nichtstaatliche Initiativen und Projekte würden in Deutschland zunehmend die Legitimation verlieren. Ist es nicht ureigenstes Interesse jedes Staates sich selbst zu erhalten und dadurch nur konsequent, Initiativen, die Kritik an staatlicher Herrschaft üben, aus Klassenzimmern zu verbannen? 

Sommer: Das ist sicherlich richtig. Es werden nicht solche Initiativen, die radikale Kritik am Staat üben, aus den Klassenzimmern verbannt, solche gab und gibt es ja nicht. Es werden mittlerweile jene verbannt, die es wagen Kritik an jedweden staatlichen Missständen zu üben. In Thüringen gab es beispielsweise eine Opferberatung (ABAD) für Opfer von rassistischer und nazistischer Gewalt, die auch öffentlich Kritik an der staatlichen Flüchtlingspolitik geäußert hat. Daraufhin wurden die Gelder gestrichen und sie mussten zusperren. Die Verfassungsschutzämter in Deutschland versuchen zunehmend die Deutungshoheit zu erlangen, dadurch können sie sicherstellen, dass es keinerlei Kritik mehr an staatlichen Missständen gibt. 

derStandard.at: Was hat die Initiative in der nächsten Zeit vor?

Sommer: Wir sind sehr viel unterwegs bei Veranstaltungen und Vorträgen. Außerdem bereiten wir momentan gerade eine Veranstaltungsreihe zum Thema "Kritik am Stalinismus" vor. Ein Thema, das uns selber interessiert, aber auch als Einwand auf unsere Kritik des Extremismusbegriffs immer wieder formuliert worden ist: nämlich dass wir keine Kritik am Stalinismus üben würden bzw. der DDR zu unkritisch gegenüberstehen. Das sind absurde Vorwürfe, wir haben das immer kritisiert in unseren Texten. (Teresa Eder/derStandard.at, 20.05.2010)

Kommentar posten
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Ex-Muslim
29.03.2011 12:39

Kleine Mädchen werden so indoktriniert, bis sie sich ohne Kopftuch nackt und hilflos fühlen müssen. Eine ablehnende Haltung jedem Mann gegenüber wird konstruiert und in die Köpfe gepflanzt. Kleine Neurotikerinnen werden gezüchtet. Die alles männliche und die gesamte Gesellschaft ablehnen müssen. Fehlt nur noch der zündende Funke und uns fliegt das alles um die Ohren, was hier "Toleranz" genannt wird. Toleranz vor dem Hass auf Männer, auf westliche Frauen, auf nicht-verschleierte Frauen?

Wer dies toelriert hat ähnliche Denkweisen. Bei unseren "Feministinnen" und ihrem Männerhass wundert es mich auch nicht, dass sie lieber neben der erzkonservativen Kopftuchträgerin marschieren, als neben der Frau die einfach nur Selbstbestimmung ohne kompl

Frauenzimmer
29.03.2011 19:07
bitte unterliege nicht dem Schematismus

einer kategorisierung: nicht alle feministinnen sind kopftuchbefürworterInnen.

mao zeitung
04.11.2010 08:47
"Eine neue Terrorgeneration ist am Werk

- junge Studenten ohne große ideologische Verankerung, sagen Experten"

" Der "Revolutionäre Kampf" ist älter und geht auf Griechenlands berüchtigste linksextreme Terrorgruppe zurück, die "Organisation 17. November".

http://derstandard.at/128865947... eren-Athen

geht's uns da in Österreich noch gut!

warp.faktor
02.06.2010 20:45
Viel interessanter wäre doch die Frage ...

... warum fast alle InnenministerInnen und Geheimdienstler rechtem Gedankengut nahe stehen?

Vielleicht weil ihre Arbeit einfacher wird, wenn sie die Rechte und Freiheiten der BürgerInnen einschränken?

trollvottel
05.07.2010 18:28

Das mag in Österreich derzeit so sein, da hat die FPÖ Einfluss auf den Verfassungsschutz.

In Deutschland werden die extremistischen Spinnervereine von REP bis NPD vom Verfassungsschutz unterwandert, hier leider umgekehrt.

msm
05.06.2010 20:28
Interessante Frage...

zudem eigentlich die meisten Innenminister der 2. Republik einer sozialen Partei angehörten.
Oder hat es mit dem Begriff Rechtsstaat zu tun?

E. Pagliacci
06.06.2010 09:42

... der sozialistischen resp. der sozialdemokratischen Partei. Sozial und sozialistisch ist nicht dasselbe.

msm
06.06.2010 11:30
Ja, ja

...der Unterschied ist mir wohl bekannt. Anscheinend sind Sie der Meinung, daß sich diese Begriffe vice versa ausschließen, oder doch nicht?

1116er
26.05.2010 12:15
ein extremer

ist ein mensch, der sich weigert, irgendetwas ausserhalb seines weltbildes gelten zu lassen.

1116er
26.05.2010 12:14
nazis oder stalinisten

die begriffe rechts bzw links zuzuordnen, ist eigentlich ein etikettenschwindel.
beides waren totalitäre regime, die sich mehr ähneln als voneinander unterscheiden.

Thomas Roth
25.09.2010 19:39
quatsch

in der sowjetunion hats nie eine systematische vernichtung von menschen bestimmter herkunft gegeben!

warp.faktor
02.06.2010 20:46
Es waren dieselben Methoden ...

... aber unterschiedliche Ziele!

ThePeanut
26.05.2010 16:37
weshalb

sympathisieren dann rechte mit dem nationalsozialismus bzw. seiner ideologie und seinen praxen, während linke/linksradikale von bisherigen vermeintlich kommunistischen ideologien wie stalinismus, maoismus usw. distanzieren?

msm
07.06.2010 12:19
Sympathisieren oder dazu bekennen...

...sollte man schon unterscheiden. Sympathisieren mit komm. Ideologien werden unsere Linken schon noch, nur anscheinend sind sie nicht so blöd wie die Rechten und distanzieren sich publikumswirksam.
Womit wohl ersichtlich ist, daß auch diese ganze Aktion eine Augenauswischerei ist. Ein Falott bleibt ein Falott, egal ob er sich dazu bekennt oder sich distanziert

warp.faktor
02.06.2010 20:49
Kluger Gedanke, aber ...

... die Innenministerin geht leider auch zuerst zur Holocaust-Gedenkfeier und setzt dann Gesetze um, die jeder Menschenwürde widersprechen.

Einseifer
26.05.2010 06:05
On Menschen von Nazen oder Stalinisten malträtiert werden ist gleich Schmerzhaft!

Dieser Mafiaparagraph dürfte bei allen Parteinen für Überprüfung anwendbar sein.

Fanatiker einer Partei sind als Schwachgeister immer zu "Willensstärke" zu bringen.

re flexion
25.05.2010 11:45
Vereinfacht gesagt:

Linksextreme gibt es nicht, weil die sind lediglich (radikale) linke Gesellschaftskritiker.

Rechtsextreme gibt es nicht, weil die sind Nazis!

So einfach kann die Welt sein!

Herr und Frau Österreicher
 
26.05.2010 14:38

sehr vereinfacht gesagt: JA!

Südmährer
24.05.2010 12:39
Der Herr Sommer ist leider nicht der hellste Kopf

Würde in der Bundesrepublik eine "Nazi-Partei" kandidieren, dann würde diese sofort verboten und von der Teilnahme ausgeschlossen. Aber was kümmert Herrn Sommer das Gesetz. Er glaubt halt, dass er die gesetzliche Instanz ist. So viel zum Demokratieverständnis von diesem Wurschtel...

warp.faktor
02.06.2010 20:52
Woran erkennt der Verfassungsschutz eine Nazi-Partei?

der_kleine_pariser
 
29.05.2010 06:38

nun, die NPD darf leider kandidieren.

ThePeanut
26.05.2010 16:39
sogar der deutsche verfassungschutz

sagt, dass die NPD eine "nazi-partei" ist, sie aber aufgrund der deutschen gesetzeslage nichts machen können, in deutschland existiert kein verbotsgesetz, wie bei uns

agitare
24.05.2010 13:52
die npd hat vorgemacht,

dass es so einfach nicht ist. ist keine solche partei? ach ne, nicht mitgekriegt, dass sich die codes verschoben haben, zB? und nicht mitgekriegt, was da vertreten wird?

dieter van teese
24.05.2010 11:35
ok, ich sag's mal diplomatisch


sämtliche extremisten wurscht welcher richtung sind dodeln und gehören behandelt

warp.faktor
02.06.2010 20:55
Haben Sie es überlesen?

Es geht ja auch um den Extremismus der Mitte!

Alles was der Kleinbürger nicht versteht, wird derzeit leider als extremistisch eingestuft.

Mit ein wenig blinzeln ganz rechts natürlich, versteht sich ;-)

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