"Gymnasium für alle" kein Thema mehr

20. Mai 2010, 15:17
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Pröll rudert zurück: "Persönliche Meinung" Karls - ÖAAB will nicht zurück zur "Einheitsschule"

Nach der Präsentation des ÖAAB-Bildungskonzepts Anfang der Woche (derStandard.at berichtete) kommt nun Bewegung in die Debatte um neue Schulmodelle. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) forderte am Donnerstag im Ö1-Morgenjournal eine gemeinsame Schule für Zehn- bis 14-Jährige. Karl will ein "Gymnasium für alle". Entscheidend sei, dass die Bildungsentscheidung erst mit 14 getroffen werde und nicht mit zehn. Alle Kinder sollten die gleichen Chancen haben, so Karl.

Die ÖVP reagierte nicht erfreut. Innerhalb weniger Stunden kamen zahlreiche Dementi, wonach es sich bei Karls Vorstoß um die neue ÖVP-Linie handle. Schon bisher hatte die ÖVP die Forderung der SPÖ nach einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen immer abgelehnt.

Karl: Breites Meinungsspektrum in der ÖVP

Mit einer so heftigen Diskussion habe sie nicht gerechnet, so Karl (V). Innerhalb der ÖVP gebe es ein "breites Meinungsspektrum und das ist gut so". Die unterschiedlichen Ansichten würden nun für die Erstellung eines ÖVP-Bildungspapiers diskutiert: "Wie können wir darüber diskutieren, wenn wir die Meinungen nicht austauschen? Dass es Gegenmeinungen gibt, ist natürlich auch legitim."

Pröll rudert zurück

ÖVP-Chef Josef Pröll bezeichnete Karls Eintreten für eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen als "persönliche Meinung". Karls Meinung werde "eingebaut in die Diskussion in der ÖVP über ein neues Bildungskonzept, die nicht zu Ende ist, die läuft", so Pröll am Donnerstag am Rande einer Pressekonferenz in Oberpullendorf.

"Grundlage für mich ist die wertvolle Arbeit des ÖAAB unter Michael Spindelegger, der neue Themen angesprochen hat", betonte Pröll unter Verweis auf das Anfang der Woche vorgestellte ÖAAB-Papier. Als Beispiele nannte er etwa die Sprachförderung oder die Umwandlung der Hauptschulen in "Aufstiegsschulen". "Wir nehmen gerne jede auch persönliche Meinung auf in den Diskussionsprozess, aber wir werden zur gegebenen Zeit ein Gesamtpaket der Öffentlichkeit präsentieren. Der Zeitpunkt dazu ist jetzt noch nicht gekommen", so Pröll. Er nannte "die Schule der Vielfalt, der Leistungsförderung, der Sprachförderung und auch der fairen Aufstiegschancen für die Kinder" als zentrale Eckpunkte. "Und innerhalb derer diskutieren wir. Es gibt genug Vorschläge - vom ÖAAB, jetzt von der Wissenschaftsministerin, aber das ist nicht das abgeschlossene Bildungskonzept der ÖVP."

"Kein Schwenk in Richtung Gesamtschule"

In der Pressekonferenz selbst meinte Pröll, dass die ÖVP "noch Wochen und Monate braucht, um ein Gesamtkonzept zu entwickeln". Karls Aussagen seien "kein Schwenk in Richtung Gesamtschule, definitiv nicht". Er sehe dies "als Diskussionsbeitrag, aber nicht als neue Positionierung der ÖVP".

ÖAAB: "Slowmotion-Taste"

Eine "krasse und isolierte Einzelmeinung" stellt für ÖAAB-Generalsekretär Lukas Mandl der Vorstoß seiner Vorgängerin Wissenschaftsministerin Beatrix Karl für eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen dar. Mit seinem Anfang der Woche präsentierten Bildungskonzept sei der ÖAAB "auf der Fast-Forward-Taste und lässt sich auch von niemandem auf die Slowmotion-Taste drücken", so Mandl.

"Nicht jemand, der zurück zur Einheitsschule will, geht weit, sondern wir gehen weit", meinte der ÖAAB-Generalsekretär. Der ÖAAB habe das einzige in Österreich vorhandene zukunftsfähige Bildungskonzept präsentiert und werde dies nun mit den Betroffenen diskutieren. Die verpflichtende Sprachförderung für Kinder mit Sprachdefiziten, der Ausbau der Nachmittagsbetreuungsangebote in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und die Eröffnung von Chancen für alle Kinder bis mindestens zum 14. Lebensjahr zeige die Öffnung in der Bildungspolitik. "Das sind die zukunftsfähigen Konzepte", so Mandl. Er habe auch gute Signale aus der Wirtschaft und gehe nun auf eine Dialogtour durch alle Bundesländer, um mit den Betroffenen vor Ort zu diskutieren.

Seniorenbund gegen "Einheitsbrei"

Kritik an Karls Alleingang kommt außerdem vom VP-nahen Österreichischen Seniorenbund: Diese habe sich mit ihren Aussagen "eindeutig als Leiterin der Verhandlungen zur Neugestaltung des Bildungssystems disqualifiziert" und noch dazu dabei nicht an den Entscheidungen und Gremien der Partei orientiert. Wie in allen anderen Bereichen halten wir grundsätzlich nichts von Einheitsbrei."

Ins Gericht ging auch JVP-Obmann Sebastian Kurz mit Karl. Wieder einmal sei eine "ewiggestrige Taferldiskussion" losgetreten worden, über Namen habe man lange genug diskutiert.

Leitl unterstützt Karl

Unterstützung bekommt die Wissenschaftsministerin hingegen von Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl. Dieser betonte die Notwendigkeit, "mutig ganzheitliche Reformschritte im Schulbereich umzusetzen" und begrüßte, dass das Konzept des ÖAAB sowie Karls Bekenntnis zur gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen weitere Bewegung in Bildungsdiskussion bringe. (APA, red, derStandard.at, 20.5.2010)

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    Karl will jetzt eine "gemeinsame Schule für 10- bis 14-Jährige".

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