Pröll rudert zurück: "Persönliche Meinung" Karls - ÖAAB will nicht zurück zur "Einheitsschule"
Nach der Präsentation des ÖAAB-Bildungskonzepts Anfang der Woche (derStandard.at berichtete) kommt nun Bewegung in die Debatte um neue Schulmodelle. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl (ÖVP) forderte am Donnerstag im Ö1-Morgenjournal eine gemeinsame Schule für Zehn- bis 14-Jährige. Karl will ein "Gymnasium für alle". Entscheidend sei, dass die Bildungsentscheidung erst mit 14 getroffen werde und nicht mit zehn. Alle Kinder sollten die gleichen Chancen haben, so Karl.
Die ÖVP reagierte nicht erfreut. Innerhalb weniger Stunden kamen zahlreiche Dementi, wonach es sich bei Karls Vorstoß um die neue ÖVP-Linie handle. Schon bisher hatte die ÖVP die Forderung der SPÖ nach einer gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen immer abgelehnt.
Karl: Breites Meinungsspektrum in der ÖVP
Mit einer so heftigen Diskussion habe sie nicht gerechnet, so Karl (V). Innerhalb der ÖVP gebe es ein "breites Meinungsspektrum und das ist gut so". Die unterschiedlichen Ansichten würden nun für die Erstellung eines ÖVP-Bildungspapiers diskutiert: "Wie können wir darüber diskutieren, wenn wir die Meinungen nicht austauschen? Dass es Gegenmeinungen gibt, ist natürlich auch legitim."
Pröll rudert zurück
ÖVP-Chef Josef
Pröll bezeichnete Karls Eintreten für eine gemeinsame Schule der Zehn- bis
14-Jährigen als "persönliche Meinung". Karls Meinung werde "eingebaut in die Diskussion in der
ÖVP über ein neues Bildungskonzept, die nicht zu Ende ist, die
läuft", so Pröll am Donnerstag am Rande einer Pressekonferenz in
Oberpullendorf.
"Grundlage für mich ist die wertvolle Arbeit des ÖAAB unter
Michael Spindelegger, der neue Themen angesprochen hat", betonte
Pröll unter Verweis auf das Anfang der Woche vorgestellte
ÖAAB-Papier. Als Beispiele nannte er etwa die Sprachförderung oder
die Umwandlung der Hauptschulen in "Aufstiegsschulen". "Wir nehmen
gerne jede auch persönliche Meinung auf in den Diskussionsprozess,
aber wir werden zur gegebenen Zeit ein Gesamtpaket der Öffentlichkeit
präsentieren. Der Zeitpunkt dazu ist jetzt noch nicht gekommen", so
Pröll. Er nannte "die Schule der Vielfalt, der Leistungsförderung,
der Sprachförderung und auch der fairen Aufstiegschancen für die
Kinder" als zentrale Eckpunkte. "Und innerhalb derer diskutieren wir.
Es gibt genug Vorschläge - vom ÖAAB, jetzt von der
Wissenschaftsministerin, aber das ist nicht das abgeschlossene
Bildungskonzept der ÖVP."
"Kein Schwenk in Richtung Gesamtschule"
In der Pressekonferenz selbst meinte Pröll, dass die ÖVP "noch
Wochen und Monate braucht, um ein Gesamtkonzept zu entwickeln". Karls
Aussagen seien "kein Schwenk in Richtung Gesamtschule, definitiv
nicht". Er sehe dies "als Diskussionsbeitrag, aber nicht als neue
Positionierung der ÖVP".
ÖAAB:
"Slowmotion-Taste"
Eine "krasse und isolierte Einzelmeinung" stellt für
ÖAAB-Generalsekretär Lukas Mandl der Vorstoß seiner Vorgängerin
Wissenschaftsministerin Beatrix Karl für eine gemeinsame Schule
der Zehn- bis 14-Jährigen dar. Mit seinem Anfang der Woche
präsentierten Bildungskonzept sei der ÖAAB "auf der
Fast-Forward-Taste und lässt sich auch von niemandem auf die
Slowmotion-Taste drücken", so Mandl.
"Nicht jemand, der zurück zur Einheitsschule will, geht weit,
sondern wir gehen weit", meinte der ÖAAB-Generalsekretär. Der ÖAAB
habe das einzige in Österreich vorhandene zukunftsfähige
Bildungskonzept präsentiert und werde dies nun mit den Betroffenen
diskutieren. Die verpflichtende Sprachförderung für Kinder mit
Sprachdefiziten, der Ausbau der Nachmittagsbetreuungsangebote in
Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft und die Eröffnung von
Chancen für alle Kinder bis mindestens zum 14. Lebensjahr zeige die
Öffnung in der Bildungspolitik. "Das sind die zukunftsfähigen
Konzepte", so Mandl. Er habe auch gute Signale aus der Wirtschaft und
gehe nun auf eine Dialogtour durch alle Bundesländer, um mit den
Betroffenen vor Ort zu diskutieren.
Seniorenbund gegen "Einheitsbrei"
Kritik an Karls Alleingang kommt außerdem vom VP-nahen
Österreichischen Seniorenbund: Diese habe sich mit ihren Aussagen
"eindeutig als Leiterin der Verhandlungen zur Neugestaltung des
Bildungssystems disqualifiziert" und noch dazu dabei nicht an den
Entscheidungen und Gremien der Partei orientiert. Wie in allen
anderen Bereichen halten wir grundsätzlich nichts von Einheitsbrei."
Ins Gericht ging auch JVP-Obmann Sebastian Kurz mit Karl.
Wieder
einmal sei eine "ewiggestrige Taferldiskussion" losgetreten worden,
über Namen habe man lange genug diskutiert.
Leitl unterstützt Karl
Unterstützung bekommt die Wissenschaftsministerin hingegen von
Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl. Dieser betonte die
Notwendigkeit, "mutig ganzheitliche Reformschritte im Schulbereich
umzusetzen" und begrüßte, dass das Konzept des ÖAAB sowie Karls
Bekenntnis zur gemeinsamen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen weitere
Bewegung in Bildungsdiskussion bringe. (APA, red, derStandard.at, 20.5.2010)