Musikverein: Die Suche nach der Farbexplosion

19. Mai 2010, 19:59
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Christian Thielemann gastierte mit der Dresdner Staatskapelle

Wien - Der Grinser vor dem Konzert: kilometerbreit. Christian Thielemann plus Staatskapelle plus Strauss: geilo. Die Mundwinkel nach Programmende: Angela-Merkel-mäßig erdwärts geneigt. Zarathustra im Musikverein: eine wenig atmosphärische Tonmobilmachung, ein zweidimensionaler Schwarz-Weiß-Nachdruck einer multidimensionalen Farbexplosion.

Wie ein gestrenger Steuerberater auf dem Weg zum nächsten Termin eilte Thielemann durch das überdreht-fiebrige Philosofantasyland von Nietzsche & Strauss, machte die Dresdner mit den immergleichen Kurbelbewegungen über Idyllen, Abgründe, Spannungen und Ekstasen hinwegplanieren.

Was scheut dieser Künstler die emotionale Hingabe jenseits aller kontrollierten Zackigkeit, wie ideen- und gespürlos agiert er in Kompositionswelten, die von Fantastik, Bizarrerie, tänzerischer Trunkenheit und emotionaler Spontaneität geprägt sind!

Wucht und kraftvoller Elan liegen ihm mehr, wenn auch Kraft - wie bei der Coriolan-Ouvertüre - gern ins Kraftmeierische auswuchs und es der Orchesterklang in Folge an Kontur und Spannkraft gebrechen ließ. Beim lyrischen Thema machte Thielemann dann abrupt gar nichts, ließ das Orchester für Sekunden von seiner straffen Führungsleine; doch dieses, die Freiheit nicht gewohnt, ließ verkümmern, was sachte hätte atmen, leben, blühen sollen.

Kantiger Charakter

Ist Christian Thielemann der Louis van Gaal der Orchestertrainer? Ein kantiger Charakter, ein Führungsmensch, der mit seinem rigorosen Ordnungswillen eine ihm anvertraute Mannschaft nach langen Zeiten unbefriedigenden Agierens zu Triumphen führt? Nach der Verlängerung, dem zugegebenen Meistersinger-Vorspiel, hätte man nur zu gern laut und kehlig "Ja" grölen wollen.

Die Dresdner, Thielemanns Orchester ab 2012, jagten mit fulminanter Dynamik, kluger Übersicht und stolzer Brust durch Wagners C-Dur-Themenparcours. Wie erwartet in c-Moll hingegen hatte zuvor Rudolf Buchbinder Beethovens drittes Klavierkonzert beschlossen, Routine rang hierbei meist das Überraschende nieder.
(Stefan Ender / DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2010)

 

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