Grün angestrichener Winter

19. Mai 2010, 19:49
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Kein Wunder, dass Goethe und Heine machten, dass sie nach Italien kamen

Man soll keine Glosse über das Wetter schreiben. Und wenn doch, dann soll man sich auf einen Größeren berufen, zum Beispiel auf Heinrich Heine: "'Ach liebe Frau!', sagte ich ihr, 'in unserem Lande ist es sehr frostig und feuchte, unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter.'" ("Reisebilder - von München nach Genua").

Die "Reisebilder" erschienen 1829. Es könnte gut sein, dass der von Heine beklagte "grün angestrichene Winter" in Deutschland die Folge eines Vulkanausbruchs in Island war. 1821 war unser guter alter Eyafalljajökull hochgegangen, 1823 folgte ihm dann (wie fast immer) der viel größere Nachbar Katla. Vorher hatte es im heutigen Indonesien den Ausbruch des Tambora gegeben, der auch in Europa 1816 zum "Jahr ohne Sommer" machte. Und noch vorher, 1783, war es der isländische Laki, der für Kälte und Missernten vor allem in Frankreich verantwortlich war, was die französische Revolution mit ausgelöst haben dürfte.

Im übrigen herrschte in Nord-und Mitteleuropa zwischen 1400 und Mitte des 19. Jahrhunderts eine "kleine Eiszeit". Sie ist nach Meinung der Wissenschaft zu 40 bis 50 Prozent durch Vulkane verursacht gewesen. Kein Wunder, dass Goethe, Heine und jede Menge britischer Lords machten, dass sie nach Italien kamen. Hauptsächlich mittels der unbequemen Pferdekutsche, für die es aber wenigstens kein Flugverbot wegen Aschenwolken gab.
 (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2010)

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    Schon 1821 war unser guter alter Eyafalljajökull hochgegangen.

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