Exotische Austellungsstücke in High Heels

19. Mai 2010, 19:24
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Brett Bailey stellt bei den Festwochen Asylwerber aus

Wien - Eine bis auf ihre Lendenbekleidung nackte Frau dreht sich als Tableau vivant in der Zentralhalle des Wiener Museums für Völkerkunde. Eine Wiederkehr eines Exotismus wie man ihn aus dem 19. Jahrhundert kennt - die lebende Statue einer afrikanischen "Eingeborenen" in einer großen, auf ein Podest gestellten Vitrine. Der Unterschied steckt im Detail: Die Füße des "Ausstellungsstücks" stecken in sehr heutigen High Heels.

So beginnt der performative Parcours "Exhibit A: Deutsch-Südwestafrika" des weißen Südafrikaners Brett Bailey bei den Wiener Festwochen. Das Publikum sitzt auf nummerierten Sesseln rund um die Vitrine, aus deren Sockel das "Ave Maria" erklingt. Einzeln werden Zuseher von Kindern schwarzafrikanischer Abstammung abgeholt, an der Hand genommen und eine Marmortreppe hinaufgeführt.

Die von den Kindern geführten Erwachsenen gehören zum Typus progressives Kunstpublikum. Gebildet, aufgeklärt und problembewusst. Ohne Wenn und Aber xenophil, "fremdenliebend" also. Und die Kinder sind besondere Kinder. Sie tragen an einer Hypothek, die auch die Hypothek aller Besucher ist. Denn der Letzteren Bildung beruht auf einer Geschichte, die diese Kinder belastet, einer Historie, die ihnen auch diese fremdenliebenden Besucher zu bedrohlichen Fremden macht.


Fremd im eigenen Museum

Fremde sind sie also, die gebildeten Zuschauer in ihrem Völkerkundemuseum. Und schaurig ist dieses Kapitel des Kolonialismus vom Massenmord in den Ländern des ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. Die Kinder führen die Besucher in Räume mit weiteren Tableaux vivants. Dort finden sich Szenen vom Eklat des Exotismus von einst bis zur Deportationspolitik gegenüber Asylwerbern in der Gegenwart.

Brett Bailey zielt mit seiner Performance primär auf "die politisch korrekten Europäer", wie er im Programm schreibt. Wenn Bailey richtige Asylwerber ausstellt und nicht Schauspieler, die so tun, als ob, dann geht es an eine der letzten Bastionen des Rassismus: die Bevormundung von Migranten durch jene wohlmeinenden Europäer, die die Anderen in ihr Weltbild pressen wollen. Heikles Terrain also.

Unterstützung erhält Bailey darin durch ein Projekt der Wiener Künstler Michikazu Matsune und David Subal, die vor knapp einem halben Jahr im Brut Konzerthaus unter dem Titel Daneben Asylwerber ähnlich ausgestellt haben.

Bailey ebenso wie Matsune und Subal machen mit ihrer Kritik auf jene Projektionen aufmerksam, die dazu beitragen, das Recht der neuen Europäer auf ihre Herkunftsidentität zu vernebeln. Schon wieder umdenken? Ja. Das ist nötig, weil Europa noch viel zu lernen hat. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2010)

 

Zum Weiterlesen:

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    foto: nurith wagner-strauss

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