Heintje, Lennon und der Mann im Mond

19. Mai 2010, 19:14
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Die niederösterreichische Großausstellung "Die 60er - Beatles, Pille und Revolte" auf der Schallaburg bei Melk will das prägendste Jahrzehnt unseres heutigen Alltags erfassen. Am Ende gibt es Pommes

Schallaburg - Dass die diesjährige Großausstellung auf der niederösterreichischen Schallaburg schon kurz nach ihrer Eröffnung einem neuen Besucherrekord zustrebt, verdankt sich nicht nur dem aktuellen Sauwetter. Für Landpartien mit Beilagen und Gastgarten ist es zu schlecht, für Landpartien mit Kultur geradezu ideal. Mit dem Thema "Die 60er - Beatles, Pille und Revolte" wird zuletzt nach den Indianern (eher für Schulkinder) und Napoleon (eher für ältere Hobbyhistoriker und Freunde nachgestellter Schlachten) heuer endlich auch nostalgisch wertvolles Entertainment für die ganze Familie geboten.

Drogen hatten zwar schon die Indianer, um sich rituell wegzuhacken - und Sex und Napoleon haben sich auch immer gut vertragen. Der Rock 'n' Roll und die Popkultur starteten allerdings erst vor einem halben Jahrhundert ihren globalen Siegeszug. Ideal für sentimentale Projektionsflächen von Überlebenden dieser das späte 20. Jahrhundert prägenden Ära.

Neben tausendfach herbeigekarrten Schulklassen, die sich über eine Beatles-Karaoke-Maschine, Flipperautomaten und heimliche Zigaretten draußen im Turniergarten freuen, wird 2010 also speziell ein Publikum berücksichtigt, das sich im Besitz der Autoschlüssel befindet. In der Familienkutsche bringt es Kinder und Großeltern einfach mit zur Ausstellung. Es ist in den 1960er-Jahren parallel mit dem auf der Schallaburg selbstverständlich auch vertretenen niederländischen Extremsängerknaben Heintje aufgewachsen. Zwischen Peter Alexander, Mick Jagger, John Lennon und Heinz Conrads verwüstete Heintje damals die Radio- und in ihren Anfängen steckende Farbfernsehlandschaft mit Titeln wie "Mama" oder "Ich bau dir ein Schloss". Schon der damaligen Jugend eine Mahnung: Nicht blöd brav, besser böse sein!

Mitgeschleppten Halbwüchsigen kann also von den Erziehungsberechtigten jetzt in den diversen thematisch gebündelten multimedialen Schauräumen gezeigt werden, welch wildes revolutionäres Potenzial damals in den Beatles-Boots, Miniröcken und Vogelnestern auf den Köpfen steckte. Sex, Drogen und Rock 'n' Roll dann auch dank der Anti-Baby-Pille in den Büschen der frisch aufgeschütteten Wiener Donauinsel.

Hotzenplotz als Betthupferl

Im Kofferradio hämmerten dazu die Beatles. Im Hörsaal 1 der Wiener Universität ferkelten die vom damals schon auf der Höhe seiner Kunst dichtenden Michael Jeannee als "Sex-Kommunisten" bezeichneten Aktionisten. Herbert von Karajan inszenierte an der Oper. Maria Callas sang. Es gab Wohnzimmersessel aus Plastik und dem Weltraum-Metall Aluminium. Im Kino konnte man bunte Kinofilme sehen. Die Landstraßen wurden von auf dem Weg nach Indien befindlichen Hippie-Bussen beknattert. Der Kalte Krieg ging in die heiße Phase. Räuber Hotzenplotz und Donald Duck sorgten beim Betthupferl für erhebliche Nervosität. Atomkraft? Ja, bitte.

Der Mann im Mond wurde Wirklichkeit. Ebenso die Haushaltsmaschine und die Nylonstrumpfhosen. In den USA setzte es ein bisserl Rassenunruhen, in Prag rollten die Panzer ein. Ein noch heute in WGs gern benutztes Kaffeeservice von Lilienporzellan trug den Namen "Daisy" ebenso wie das blau-weiße Puch-Moped DS 50 von 1962.

Die ganze Ausstellung ist gut gemeint. Sie ist aufgrund ihrer Beliebigkeit aber auch zu viel des Guten. Die Politik kommt gar zu kurz - mit Ausnahme der sehr wahrscheinlich von der Niederösterreichischen Landesausstellung 2009, "Österreich. Tschechien. geteilt - getrennt - vereint", übernommenen Exponate zum Thema Eiserner Vorhang. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung wird mit einem einzigen Foto von Martin Luther King erwähnt. Dafür erfährt man, dass der ehemalige Außenminister Leopold "Staatsvertrag" Figl 1964 als Landeshauptmann die schwarze Mehrheit im niederösterreichischen Landtag sichern konnte. Da schau her.

Nach einem Modeblock, der Präsentation von PEZ-Automaten, Winnetou-Puzzles, Automodellen und fast vergessenen Sportidolen endet die Schau in einem willkürlich zusammengestellten Culture Clash. Andy Warhol, unter anderem mit einem Plattencover der Rolling Stones von 1977 (!!!) vorgestellt, diverse Beatles-Fanartikel aus der berühmten Sammlung Hannes Rossacher in Pressbaum, das Mariandl aus dem Wachauer-Landl-Landl-Landl und der Scheich von Arabien treffen auf Coop Himmelblau, Woodstock und Rex Gildo - sowie eine handsignierten Gitarre von Jimi Hendrix. Man fühlt sich zwar gut unterhalten. Man fühlt sich aber auch ähnlich ermattet wie früher nach einer Seinerzeit-Sendung von Teddy Podgorski oder Schellacks von Günther "Howdy" Schifter. So ein Besuch im Caritas-Lager mit Schwerpunkt sinnloses Wissen strengt an. Bezugspunkte wollen sich nicht ergeben.

Pommes frites in der Nase

In der Burgtaverne locken schließlich Köstlichkeiten wie "60er-Bratl" (Faschiertes mit Püree) und "60er-Salat", das wohl erst in den 70er-Jahren wirklich umgehende Elend des Griechischen Bauernsalats. Die Clowns aus den Schülergruppen schieben sich Pommes frites in die Nasen. Schabernack hat in jeder Generation Saison. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2010)

"Die 60er - Beatles, Pille und Revolte", täglich bis 1. November

  • Der Jugend auch auf der Schallaburg für alle Zeit eine Mahnung. Heintje stand während der 60er-Jahre im Kulturkampf mit Jimi Hendrix: "Mama, Du wirst doch nicht um deinen Jungen weinen!"
 
 
    foto: schallaburg

    Der Jugend auch auf der Schallaburg für alle Zeit eine Mahnung. Heintje stand während der 60er-Jahre im Kulturkampf mit Jimi Hendrix: "Mama, Du wirst doch nicht um deinen Jungen weinen!"

     

     

  • Die Haushaltsmaschine feierte vor einem halben Jahrhundert offenbar ebenso ihren Siegeszug wie der Drei-Wetter-Taft.
 
 
    foto: schallaburg

    Die Haushaltsmaschine feierte vor einem halben Jahrhundert offenbar ebenso ihren Siegeszug wie der Drei-Wetter-Taft.

     

     

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