"Verhüllung ist nicht republikanisch"

19. Mai 2010, 18:52
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Eric Besson, Minister für Einwanderung und nationale Identität, will mit Burkaverbot Laizismus verteidigen

Frankreichs Minister für Einwanderung, nationale Identität und solidarische Entwicklung, Eric Besson, will mit dem Burkaverbot den Laizismus verteidigen, sagte er zu Stefan Brändle.

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STANDARD: Ist die Burka in Frankreich wirklich ein so drängendes Problem, dass gleich ein Gesetz erforderlich ist?

Besson: Präsident Sarkozy hat bei der Lancierung des Vorhabens selbst erklärt, der Ganzkörperschleier sei sicherlich nicht die vorrangige Sorge der Franzosen. Andererseits berührt die Frage direkt das Prinzip der französischen und europäischen Identität, und ich denke, dass die Gesichtsverhüllung unseren republikanischen Vorstellungen und Gebräuchen widerspricht.

STANDARD: Es sind aber nur sehr wenig Frauen betroffen.

Besson: In Frankreich verhüllen sich derzeit nur etwa 2000 Frauen auf diese Weise. Aber müssen wir warten, bis es 20.000 sind? Das Phänomen ist überall im Zunehmen begriffen, auch im Maghreb und großen Teilen des arabischen Raumes. Wenn man will, dass Frankreich und Europa diese Entwicklung nicht durchmachen, muss man frühzeitig eingreifen.

STANDARD: Viele französische Muslime fühlen sich stigmatisiert.

Besson: Ich bin mir bewusst, dass die ganze Frage sehr heikel ist, denn wir wollen die laizistischen Werte Frankreichs verteidigen, ohne eine Glaubensgemeinschaft anzuvisieren. Das erfordert ein subtiles Vorgehen; aber einzig, weil wir vorsichtig vorgehen müssen, heißt das noch lange nicht, dass wir tatenlos bleiben sollten. Ich bin überzeugt, dass die Franzosen die Präsenz von tausenden völlig verschleierter Frauen in den Straßen schlicht nicht akzeptieren würden. Um Exzesse zu vermeiden, muss die Regierung aktiv werden; sie muss die Dinge erklären und regeln.

STANDARD: Islamisten haben Frankreich für den Fall eines Burkaverbots bereits gedroht.

Besson: Ich habe in letzter Zeit einige arabische und muslimische Länder besucht und festgestellt, dass ihre Vertreter für unsere Position sogar Verständnis haben. Sie wissen, dass Frankreich ein Land der gesellschaftlichen Vielfalt und der Frauenwürde ist.

STANDARD: Und dieser abstrakte Anspruch wird verstanden?

Besson: Ich erkläre auf meinen Reisen stets, Frankreich sei nicht wie andere Länder durch eine ethnischen oder gar einen religiösen Faktor entstanden, sondern als Willensnation. Sie beruht auf der bloßen Zustimmung der Bürger zu ihren gemeinsamen Werten. Daran zu rütteln - und der Vollschleier tut dies klar -, hieße, das Rückgrat Frankreichs in Mitleidenschaft zu ziehen. Deshalb ist die gegenwärtige Debatte sehr wichtig und prinzipiell. Und dies, selbst wenn es ein Randphänomen ist, das man politisch nicht ausschlachten darf, um den Leuten Angst zu machen oder einzelne Bürger zu stigmatisieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2010)

  • Zur Person
Eric Besson ist als Einwanderungsminister federführend am 
Gesetzesprojekt gegen die Körperverschleierung, das die französische 
Regierung am Mittwoch vorgestellt hat, beteiligt. 1958 in Marokko 
geboren, war der Parlamentsabgeordnete der sozialistischen Partei im 
Präsidentschaftswahlkampf 2007 zum Rechtskandidaten Nicolas Sarkozy 
übergelaufen.
    foto: epa/langsdon

    Zur Person

    Eric Besson ist als Einwanderungsminister federführend am Gesetzesprojekt gegen die Körperverschleierung, das die französische Regierung am Mittwoch vorgestellt hat, beteiligt. 1958 in Marokko geboren, war der Parlamentsabgeordnete der sozialistischen Partei im Präsidentschaftswahlkampf 2007 zum Rechtskandidaten Nicolas Sarkozy übergelaufen.

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