Der Sound der Provinz: "Sea Of Cowards"

20. Mai 2010, 17:00

Jack White bearbeitet mit seiner Drittband The Dead Weather die Geschichte des Bluesrock und ihrer Ausbeutung durch weiße Musiker

Jack White darf man sich ruhigen Gewissens als Sachbearbeiter vorstellen. Der Mann sitzt seit einigen Jahren und dem Umzug von Detroit nach Nashville mit seiner Frau Karen Elson in seinem Büro in Nashville, Tennessee, und nimmt sich "Cold Cases" der Rockgeschichte vor. Dabei stand bei seiner alten Stammband The White Stripes vor allem der in Richtung Punk und The Gun Club gedeutete, elektrifizierte Countryblues eines Howlin' Wolf, Muddy Waters, Robert Johnson oder Son House und Hound Dog Taylor im Vordergrund. Bei seiner zweiten Band, The Raconteurs, wilderte Jack White eher im melodisch-griffigen Fach des Sixties-Rock. Mit seiner dritten Combo, The Dead Weather, für die er von der Gitarre ans Schlagzeug wechselte, lässt White nun schon auf einem zweiten Album die 1960er-Jahre in Richtung Blues- beziehungsweise Hardrock und Led Zeppelin ausklingen.

Gemeinsam mit Sängerin Alison Mosshart (The Kills) sowie Dean Fertita (Queens Of The Stone Age) und Jack Lawrence (The Raconteurs) an Gitarre und Bass wurde nach dem großartig verschlurften und dreckigen Debüt "Horehound" von 2009 nun der Katalog an möglichen Neudeutungen alter Faktenlagen erweitert. Die Basis der Arbeit bilden dabei für die in Jam- Sessions generierten Songs zu Tode gespielte Gitarrenriffs, wie man sie heute immer noch vor allem außerhalb der urbanen Musikmetropolen auch in Österreich noch immer aus den Proberäumen dringen hört. Dies ist der Soundtrack der Provinz und seiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber der Moderne: Bluesrock. Stoisch, statisch, verbockt, nicht allzu schnell, eher behäbig-verbohrt - und enttäuscht von einem Heute, das doch früher viel besser war.

Man muss davon ausgehen, dass sich hier im Vierviertel- und Zwölfertakt Männer (und aktuell eben auch Frauen wie Alison Mosshart) zu recht ruppig-repetitiven Gitarrenmotiven und durchaus aggressiven Blue Notes zu ihrer Befindlichkeit gegenüber der Außenwelt äußern. Das bedingt dann an den Instrumenten aus der eigenen kleinen Not und Ausweglosigkeit destillierte Allmachtfantasien. Diese berufen sich auf das vor fast 50 Jahren von weißen Männern wie Eric Clapton, Jimmy Page oder Jeff Beck und Rory Gallagher angehäufte Diebesgut aus dem US-Süden. Die ganze Arbeitshaltung speist sich aus Trotz. Und der Umgehung sämtlicher Urheberrechte.

Keine einzige Tonfolge, kein einziges Riff, welches nicht schon tausend Mal zuvor erklungen wäre. Auch die Texte basieren auf reinem Bausteinprinzip. Allein die Songtitel sprechen für sich: Blue Blood Blues. I'm Mad. Gasoline. Jawbreaker. Dass dies mitunter dennoch aufregend und so ähnlich wie "authentisch" klingt, verdankt sich der Tatsache, dass sich Jack White mit The Dead Weather nicht einfach auf diesen Stil draufsetzt und ihn akademisch behandelt. Er lebt in dieser von unzähligen Geistern und Leichen im Keller bevölkerten Totenstadt mit derartig großem Ernst (und allen Ernstes), dass selbst die Instrumente und die Kleidung der Musiker wie auch das Studioequipment kein späteres Baujahr als die 1960er-Jahre zulassen. Jack White lebt nicht digital, er lebt analog.

Allerdings schleicht sich mit quietschender Orgel und brutal verzerrten Gitarren wie hysterischem Duettgesang von White und Mosshart dann doch auch noch ein Funken Modernität in dieses klingende Museum. Am Anfang von Früher war White eben doch auch Punk. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 21.5.2010)

 

The Dead Weather - Sea Of Cowards (Third Man Records)

Kommentar posten
13 Postings
Martin in Australien
00
23.5.2010, 11:35

vielleicht hab ich mich auch verlesen, aber ich hab so das gefühl, in diesem bericht vom hr. schachinger schwingt ein hauch von sympathie für das "objekt seiner üblichen zerstörung" mit.
ists möglich? kann es sein? hr. schachinger... ich bin überwältigt. bringt die therapie also tatsächlich fortschritte...

Mike McCready
00
21.5.2010, 18:32
jack white

inflation.

in seinem 18. bandprojekt bläst er sicher den kamm, ist die maultrommel doch schon im 14. von ihm selbst in verwendung.

nur mit der singenden säge scheint er sich schwer zu tun.

ma-cher
 
01
21.5.2010, 11:53
Ausbeutung, Diebesgut?

Herr Schachinger, Musik ist einfach nur Musik. Wie heißt es so schön: wir stehen alle auf den Schultern von Giganten.

Sobald Musik intellektualisiert wird stehen wir aber nur mehr auf den Schultern von Zwergen.

Kendall Von Tharn
00
21.5.2010, 10:56

ich darf wohl annehmen, dass der rezensent die genannten (Howlin' Wolf, Muddy Waters, Robert Johnson oder Son House und Hound Dog Taylor) noch nie gehört hat?
country blues, diese richtung verfolgten leute wie charley patton der blind lemon jefferson, ev. taj mahal
als theoretische einführung in blues eignet sich durchaus das gleichnamige buch des herrn wyman, praktisch das filmprojekt vom hrn. scorsese. und die wikipedia gibt es ja auch.

Der Unbekannte
20
21.5.2010, 15:34
Moment

mal. Blues ist ein Stimmung. Und wer Musik im dem Fach macht, lässt es einfach raussprudeln. Kein Gig gleicht dem Anderen. Blues ist also nicht nur eine Stilrichtung sondern ein Lebensprinzip, welches bei Gott nicht nur das negative herauskratzt. Wer mal genauer hinhört, weiß wovon ich rede. Aber Ohren != Ohren.

hellfast
00
28.5.2010, 13:34

ja, manchmal hab ich auch den blues. vorallem wenn ich solche postings lese.


-.-

Kendall Von Tharn
11
21.5.2010, 17:57

es soll sehr hilfreich sein, sich mit allan lomax oder alten interviews mit waters, son house, dixon, williamson etc... zu beschäftigen.

blues ist kein lebensprinzip, sondern eine musikform

michael grasberger
00
25.5.2010, 10:38

richtig, und vor allem:
"the blues ain't no foolishness" (son house)

wilcox
01
22.5.2010, 09:45

na, dann fragen wir doch den hr. house was der blues ist...
http://www.youtube.com/watch?v=sQ9CS-97KUA

minus maius
00
21.5.2010, 17:29

Nimm sie einfach nicht ernst. Sie weiß nicht, was sie schreibt.

Ludovico Settembrini
01
21.5.2010, 02:49

die neue scheibe ist sowas lessig...

LinksSchreiber
10
20.5.2010, 18:14
Schöner Wetter-Bericht!

Grammelknoedel
00
20.5.2010, 21:27

aber ohne der Wettervorschau wuerde ich die Gruppe gar net kennen - da gibt's ja gar feines zu lauschen bei deineroehrepunktcom (youtube.com)

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