"Wir stoppen jetzt unseren Widerstand"

19. Mai 2010, 18:02
16 Postings

Militär räumt im Rahmen der "Operation Ratchaprasong" Bangkoks Geschäftsviertel

Bangkok bei Morgendämmerung: Die "Operation Ratchaprasong" beginnt. Am Eingang des Lumphini-Parks sammeln sich Militärs und Soldaten. Dicht geduckt warten sie hinter einer Mauer auf den Befehl zum Einrücken. Dann quäkt das Walkie-Talkie des Einsatzleiters, er winkt. Erst geht die Polizei rein, die Soldaten folgen.

Der Lumphini-Park grenzt direkt an das von den oppositionellen Rothemden besetzte Geschäftsviertel im Herzen der Hauptstadt. Die Idylle des sonnigen Maimorgens täuscht - plötzlich peitschen Schüsse durch die Stille, dann knallt es etliche Male. Über den Bäumen steigt dichter, schwarzer Rauch auf, er umnebelt das Viertel. Es sind die Barrikaden der Rothemden, die da lichterloh brennen.

Es herrscht Totenstille. Aus dem Parktor geht es rechts ein Stück die Straße runter. Dahinter liegt das, was wochenlang das Camp der Rothemden war. Rauch und Gestank nach Plastik und Abfällen werden immer stärker. Die Szenerie, die sich darbietet, sieht aus wie nach einem Krieg. Zu diesem Zeitpunkt hat es schon mindestens drei Tote gegeben - die Leichen liegen auf dem Bordstein, darüber sind Tücher gelegt. Es herrscht beklemmende Stille.

An einer kleinen Kreuzung wird haltgemacht. Alle verharren, dann gibt es einen Tumult. Mehrere Soldaten laufen auf die andere Straßenseite, umringen eine Gruppe von acht Männern und zwei Frauen - Rothemden -, die sich dort aufhalten. Sie alle werden in ein Gebäude gebracht, das wie eine kleine Lagerhalle aussieht. Sie werden gefesselt und bekommen die Augen verbunden.

In der Entfernung knallen Gewehrsalven, und es ertönt eine Explosion: Eine M79-Granate ist losgegangen, der Boden erzittert förmlich. Bedrückende Meldungen machen an diesem Morgen unter Journalisten die Runde: Ein italienischer Kollege ist getötet, zwei andere verletzt worden.

Irgendwann hört man einen der Lautsprecher, vermutlich ist noch einer an der Hauptbühne der ehemals "roten" Demonstrationsmeile in Betrieb. Später wird man erfahren, was die Anführer gesagt haben. "Ich weiß, dass es für einige von euch inakzeptabel ist" , wurde Nattawut Saikua in den Medien zitiert. "Aber wir stoppen jetzt unseren Widerstand." Ein weiterer Mitstreiter, Jatuporn Prompan, soll unter Tränen versichert haben, dass man keine weiteren Toten mehr wolle. Mindestens vier der roten Anführer stellen sich der Polizei.

Doch die Rufe nach Rückzug verhallen ungehört, wie sich im Laufe des Tages herausstellt. Nach der Niederschlagung an der Ratchaprasong bricht in etlichen Teilen Bangkoks Chaos los. Rothemden randalieren an Straßenkreuzungen und setzen Gebäude in Brand, darunter auch das größte Kaufhaus Bangkoks, die thailändische Börse und einen einheimischen Fernsehsender. Die Regierung verhängte daraufhin Ausgangssperren für Bangkok und weitere 21 Provinzen des Landes. (Nicola Glass aus Bangkok/DER STANDARD, Printausgabe, 20.5.2010)

  • Polizisten und Armeesoldaten verhafteten viele Anhänger der 
oppositionellen Rothemden. Ihre Anführer hatten davor aufgerufen, sich 
aufzulösen. Nicht alle leisteten dem jedoch Folge.
    foto: epa/yongrit

    Polizisten und Armeesoldaten verhafteten viele Anhänger der oppositionellen Rothemden. Ihre Anführer hatten davor aufgerufen, sich aufzulösen. Nicht alle leisteten dem jedoch Folge.

Share if you care.