Wozu man Promis braucht

19. Mai 2010, 17:46
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Wer sagt schon ,Nein', wenn er ohne Gegenleistung Dauergast sein darf?

Es ist schon ein bisserl länger her, dass Oliver Stamm sich zu mir setzte. Um mit mir tacheles zu reden. (Nein, er sagte nicht „tacheles" - aber de facto war es das.)

Stamm war eine Zeit lang für mich quasi das Synonym für jene Prominenten, die in den Klatschseiten regelmäßig aufpoppen. Und zwar ohne Erklärung, wieso just diese Leute als „Promis" gelten: Dass Oliver Stamm Beachvolleyball spielte ist so lange her, dass die jüngeren Societyreporter gar nicht mehr wissen, dass er Olympionike war. Andere Menschen mit aktuell-spannender Vita können aber neben Stamm im Kopfstand jodeln - und haben keine Chance vom Wiener Klatschmedientross wahrgenommen zu werden.

Oliver Stamm, das will ich betonen, ist kein übler Bursche. Ganz im Gegenteil. Er ist auch kein tumber Berufspromi, der alles tut, um vor zu kommen - und deshalb zur Gruppe der „Unbeleidigbaren" gezählt wird. Stamm ist Sport-Incentive-Veranstalter, managt, moderiert - und führt einen umfangreichen Society-Blog auf www.oliverstamm.at. (Als er sich zu mir setzte, gab es den Blog noch nicht.)

Promi without a Cause

Stamm war genervt: Wieso ich ihn immer wieder als „ViP without a Cause" darstelle, fragte er: Er tue niemandem etwas. Störe nicht. Dränge sich nicht auf. Und lasse jeden in Ruhe, der in Ruhe gelassen werden wolle.

Wir kamen vom Knurren ins Reden und vom Reden ins Plaudern. Bald kam Stamm auf den Punkt: Er wisse ja auch nicht wirklich, wieso er auf sämtlichen Einladungslisten sämtlicher Eventagenturen stehe. Auch wieso er in den danach versandten Nachberichten von PR-Agenturen als VIP aufscheine, könne er nicht sagen: Er tue nichts dafür, verspreche niemandem irgendetwas - wehre sich aber auch nicht.

Das Wiener ViP-System, mutmaßte er, basiere eben auf dem Prinzip kollektiver Nachahmung: Einmal bei einer Agentur als Promi punziert und eingeführt, stehe man automatisch in allen Dateien als ViP. Und bleibe darin, weil doch die anderen ... und so weiter.

Medienpartnerschaften

Ich gab - und gebe - Oliver Stamm recht. Heute mehr denn je: Weil die Journalisten zum einen mitunter selbst gar nicht mehr auf die Veranstaltungen kommen (die Veranstalter schicken längst nicht bloß Nachberichte, sondern immer öfter auch gleich druckreife, passende Statements der geladenen ViPs) oder manchmal selbst gern durch Wohlverhalten ( = gute Medienpartnerschaft) den Sprung von der Presse- auf die ViP-Liste schaffen wollen, kommt vor, wer auf Kommando am nettesten lächle. Und das, sagte Stamm damals, tue ihm ja nicht weh: „Warum soll ich ,Nein' sagen, wenn ich zu Filmpremieren, Hotel- und Restauranteröffnungen, Galaempfängen und 1000 anderen Events eingeladen werde? Die einzige Gegenleistung ist, da zu sein. Blöd werde ich sein, das nicht anzunehmen."

Stamm weiß - würde es aber nie sagen - dass er und andere Dauerpromilistengäste Veranstaltern und Medien damit als einen kleinen Gefallen tun: Denn im Zuge der Auf- (und absurden Überbe-)wertung der Gesellschaftsressorts in den vergangenen Jahren schufen sich Print und TV einen Moloch: Ein paar Seiten oder ganze Sendungen täglich aus einem sehr endlichen Fundus an Gesichtern zu füllen, wird irgendwann zum Himmelfahrtskommando.

Köpfeproblem

Nicht zuletzt, weil viele, die es wert wären, gezeigt zu werden, sich angesichts der Omnipräsenz der Familie Baumeister und ihres Umfeldes sukzessive aus dem öffentlichen Eventleben zurückzogen und -ziehen: „Köpfeproblem" heißt dieser Mangel an möglichen Alternativen zur 47. Ex-Miss-Amstetten bei den Fotografen - und wenn die PR-Leute der als „Events" getarnten Werbeveranstaltungen statt auf Bambi & Co auf einen wie Oliver Stamm zurückgreifen können, rettet das oft die „Geschichte".

Oder den Veranstalter. Denn nicht nur einmal baten mich PR-Leute inständig, doch bitte zu verschweigen, dass Bewohner von Lugnerland und Umgebung sich mit der ihnen eigenen Penetranz Zutritt zu einer doch lugnerlos geplanten Veranstaltung verschafft hätten: „Der Kunde flippt mir aus, wenn diese Leute vorkommen - kannst nicht stattdessen ein Foto vom Stamm bringen?"

(derStandard.at, 19.5.2010)

 

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    foto: leisure communication/rudolph
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