Barbaren des Marktes

19. Mai 2010, 17:00
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Experten vor einem Jahr: "Hände weg, der Euro wird fallen!" - von Johannes M. Lehner

Vor gut einem Jahr, als der Euro gegenüber dem Dollar ungefähr ähnlich stand wie jetzt, lief ein Video-Interview der Financial Times mit George Roberts und Henry Kravis, zwei der Gründer der berühmt-berüchtigten Private Equity Firma KKR. Am Ende solcher Interviews wird die Frage nach der persönlichen In/Out-Liste gestellt - den Interviewpartnern angepasst heißt dies dort "Long/Short . Auf den Euro angesprochen, zögerte keiner der beiden: Short! - Also: Hände weg, der Euro wird fallen!

Angesichts der damaligen Probleme im Dollar-Raum wirkte diese Aussage ziemlich kühn. Zwar wurde sie zwischenzeitlich widerlegt, jetzt scheinen die beiden aber doch recht zu bekommen. Offenbar erstreckt sich deren Einschätzungsvermögen nicht nur auf Firmen, die sie immer wieder geschickt aufkauften, um sie dann mit unglaublichem Gewinn wieder zu verkaufen, sondern auch auf ganze Volkswirtschaften und deren Währungen.

Tatsächlich repräsentiert KKR wie keine andere Firma ein extrem erfolgreiches wirtschaftliches Modell, das diese auf Firmen und Konzerne angewendet haben und das sich nun auf Volkswirtschaften zu übertragen scheint.

Teile und herrsche

Einem breiteren Publikum bekannt wurde die Firma und ihre Geschäftspraktiken durch das 1990 erschienene und wenig später auch verfilmte Buch Barbarians at the Gate. Es schildert die Übernahme von RJR Nabisco und das dabei angewandte Prinzip der Finanzierung der Deals mit Fremdkapital - sprich Schulden.

Vereinfacht sieht das so aus: Suche dir eine angeschlagene Firma, dessen Wert im Moment relativ niedrig gehandelt wird. Nimm den Kredit, der notwendig ist, um die Firma mehrheitlich zu übernehmen. Danach übernimmt umgekehrt die Firma den Kredit. Im nächsten Schritt kannst du Teile der Firma verkaufen. Den damit realisierten Gewinn nimmst du mit, die Schulden bleiben bei den übriggebliebenen Teilen der Firma, welche irgendwann in Konkurs gehen können.

Das zweite dahinterstehende Prinzip stellt eine Abwandlung des alten "Divide et impera" dar - "Teile und herrsche" : Angeschlagen und damit ein potenzieller Übernahmekandidat ist eine Firma dann, wenn man sie unterteilen kann: in schwache und bessere Teile. Mit den Schulden ist es ähnlich: Es sind nicht einfach nur Schulden, sondern verschiedene Arten von Schulden, die man in Teilen und diversen Formen aufnehmen, verpacken und sogar verkaufen kann. KKR sind stolz darauf, dass sie vor allem eines sind: Spezialisten im Schuldenmachen ("Merchants of Dept").

So "barbarisch" diese Vorgangsweise dargestellt wird, so vehement wurde sie von der Mehrheit der Ökonomen vertreten, weil sie Ineffizienzen (Missmanagement, zu viel unproduktives Personal etc.), die in den Firmen verborgen sind, aufdeckt und dem Markt preisgibt, der sie bereinigt. Insgesamt würde dies die Leistungsfähigkeit der Firmen - zum Vorteil aller - erhöhen. Die schlechten Teile der Firmen müssten zugrunde gehen und die guten würden von anderen Firmen aufgekauft, wo sie vorhandene Kompetenzen verstärken und daher umso erfolgreicher arbeiten könnten.

Normalerweise akzeptieren wir, dass Firmen anders funktionieren als Volkswirtschaften oder Märkte. Mit den einen beschäftigen sich daher Betriebswirtschafter, Letztere erforschen Volkswirte. Umso interessanter ist es, wie hier Argumente hin und her wandern. Zunächst wird ein Marktargument auf Firmen übertragen: Die unsichtbare Hand des Marktes, als dessen Instrument sich Firmen wie KKR verstehen, findet die effizienteste Lösung. Roberts und Kravis haben gesehen, dass sich nun umgekehrt ein Instrument, das sie für Firmen erfunden haben, auf Märkte und Staatswirtschaften übertragen lässt - und daher kam ihre Vorhersage über den Euro: überall dort kann man das "Divide et impera" anwenden, wo es starke und schwache Teile gibt. Das ist nicht der Dollar-Bereich (man könnte sagen, der ist einheitlich schwach, jedenfalls viel stärker verschuldet als die europäischen Staaten), sondern der Euro-Raum: Da haben wir etwa das "starke Deutschland" und das "schwache Griechenland" . Wohlgemerkt: Es spielt dafür keine Rolle, dass das "schwache Griechenland" immer noch wirtschaftlich besser dasteht als etwa Kalifornien. Es geht also nicht um "fundamentale Wirtschaftsdaten" , wie oft behauptet wird. Sondern es kommt nur auf die Unterschiede innerhalb der Euro-Zone an und auf die Möglichkeit, die jeweils schwächsten Glieder zu isolieren.

Mythos "Effizienzsteigerung"

Seine Heterogenität in kultureller, sprachlicher, und wirtschaftlicher Hinsicht ist ja geradezu ein definierendes Merkmal Europas. Was eigentlich ein immenser Vorteil sein sollte, wird aber nun aus ökonomischer Sicht zur Schlinge gedreht, indem gegen einzelne Staaten und in weiterer Folge gegen ganz Europa das gleiche Instrumentarium eingesetzt wird wie gegen zu übernehmende Firmen. Mit Schulden finanziert man Schulden für ein "schwaches Land" , verlangt entsprechend hohe Zinsen und Kreditversicherungen und bürdet diese Schulden samt Zinsendienst dann in den unterschiedlichsten Formen ebendiesem Land und in weiterer Folge dem ganzen Euro-Raum auf.

Bleibt immer noch das Marktargument: So wie in den Firmen mit dieser Vorgangsweise Ineffizienzen aufgedeckt und eliminiert werden, so muss es halt auch bei den Staaten sein ( "Die Krise muss ihre Funktion erfüllen" , so IHS-Chef Felderer in einem Standard- Interview vom 9. Juli 2009). Leider weiß man es zumindest in Bezug auf die Firmen mittlerweile besser: Eine Vielzahl von Studien über die Effizienz der mit dem "Divide et impera" verbundenen Zusammenschlüsse und Übernahmen ("Mergers & Acquisitions" ) zeigt relativ eindeutig ein ernüchterndes Bild. Die auf diese Art neu gebildeten Unternehmen verlieren im Schnitt an Wert, und viele der Deals werden wegen Ineffizienz wieder rückgängig gemacht. Entsprechend kann auch nicht die Wirtschaft insgesamt von diesen Deals profitieren, sondern nur jene, welche diese abwickeln. Es ist eben ein Spiel mit Gewinnern und Verlierern. Und so wird es auch mit den Staaten und deren Bevölkerung sein.

Im Übrigen kenne ich niemanden, der ernsthaft annimmt, ein Bankrott Griechenlands oder auch ein rigoroses Sparprogramm würde die dortige Korruption mindern oder Produktivität und Innovativität erhöhen. Ich bin überzeugt, auch Roberts und Kravis glauben das nicht. (Johannes M. Lehner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.5.2010)

Zur Person

Johannes M. Lehner lehrt und forscht im Bereich Betriebswirtschaftslehre an der Uni Linz.

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