"War noch nie so bereit"

19. Mai 2010, 15:03
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Basejumper Baumgartner wild entschlossen, die Schallmauer mittels Sprung aus 36 Kilometern Höhe zu durchbrechen - ein Interview

Wien - Der österreichische Basejumper und Extremsportler Felix Baumgartner (41) aus Salzburg will heuer als erster Mensch im freien Fall aus 36 Kilometern Höhe die Schallmauer durchbrechen. Das Projekt birgt verschiedene Gefahren in sich: Durch spezielles Training wie z. B. beim Absprung aus dem Ballon will Baumgartner diese so weit wie möglich reduzieren.

Herr Baumgartner, gibt es denn schon einen ungefähren Zeitplan für den großen Sprung oder schweigt man sich darüber aus?
Baumgartner: Man schweigt sich nicht aus, aber es wäre unklug und unprofessionell, wenn man einen Zeitpunkt bekannt geben würde. Der amerikanische Präsident Kennedy sagte damals auch "Noch in diesem Jahrzehnt werden wir zum Mond fliegen..." und hat kein bestimmtes Datum genannt. Wir haben noch viele Hürden zu nehmen. Wir sind zuversichtlich, dass es heuer stattfindet.

Wie läuft es denn mit dem Absprungtraining?
Baumgartner: Es besteht ja die Gefahr, aufgrund der geringeren Dichte in dieser Höhe ins Trudeln zu geraten. In 36 Kilometern Höhe beginnt das Problem bereits beim Absprung. Ein gerader symmetrischer Absprung ist das Wichtigste. Beim Fallschirmspringen ist das erste, das man lernt, mit der Umgebungsluft zu arbeiten. Wenn du als Fallschirmspringer ins Rotieren gerätst, kannst du diese Drehung aufgrund von Körperbewegungen stoppen oder beschleunigen. Nachdem dort oben aber nur noch 0,5 Prozent Atmosphäre vorhanden sind, gibt es auch keine Luft, die du nützen kannst. Das heißt, wenn du asymmetrisch wegspringst oder ins Trudeln gerätst, kannst du deine Fallschirmspringer-Fähigkeiten nicht nützen. Zwischen 27 Kilometern und 30 Kilometern Höhe wird die Luft wieder dichter. Theoretisch könnte man als Fallschirmspringer diese Luft nützen, um eventuell auftretende Drehungen zu stoppen. In der Praxis sieht es jedoch so aus, dass du aufgrund deiner Überschallgeschwindigkeit derart schnell in diese dichteren Luftmassen eintauchst und deine Umgebungsluft dadurch sehr aggressiv reagiert. Jede falsche Bewegung in dieser Situation würde sich fatal auswirken. Um nicht in eine derartige Situation zu kommen, muss der "kontrollierte Absprung" trainiert werden. Dies geschieht mit Bungee Sprüngen, weil wir hier eine ähnliche Ausgangssituation (keine Anströmung der Luft beim Wegspringen) vorfinden. Hinzu kommt noch das immense Gewicht meines Equipments. Beim Wegspringen habe ich fast 130 Kilogramm und das meiste davon am Oberkörper (Fallschirm, Helm, Sauerstoffflaschen, chest pack). Dadurch ändert sich mein Rotationsverhalten beim Absprung aufgrund des nach oben verlagerten Körperschwerpunkts.

Wie ist das denn, wenn man sich so lange auf etwas vorbereitet?
Baumgartner: Wenn du so lange an einem Projekt arbeitest, dann verlierst du manches Mal den Glauben daran, dass es einmal Wirklichkeit wird. Man hat auch viele Rückschläge, geht in eine Besprechung mit drei Problemen rein und kommt mit fünf wieder raus. Dann gibt es wieder Momente, in denen man innerhalb kürzester Zeit drei, vier Probleme erledigt. Das sind die Momente, in denen man neue Energie schöpft. Ich glaube, je mehr Probleme es gibt auf dem Weg zu einem Ziel, desto wertiger und interessanter ist es. Wenn man nach fünf Jahren Vorbereitung wieder am Boden steht, ist das sicher ein sehr erhebender Moment. Aber gleichzeitig - das habe ich bei meinen vergangenen Projekten erlebt - ist es wie eine große Leere, die man auf einmal verspürt und man überlegt gleich, was mach ich als nächstes. Man glaubt immer, das ist sein letztes Projekt und ab da bin ich der zufriedenste Mensch der Welt, aber das Gefühl hält meist nicht sehr lang an. Man ist eigentlich ein ewig Getriebener.

Jetzt heißt es, das wird Ihr letzter Sprung werden. Kann man als ewig Getriebener denn ohne Nervenkitzel weiterleben?
Baumgartner: Es ist ja nicht gesagt, nur weil es mein letzter Sprung ist, dass ich dann keinen Nervenkitzel mehr habe. Ich habe zwei Kinderträume gehabt, der erste war Fallschirmspringen, der zweite Hubschrauberfliegen. Ich hab mit Fallschirmspringen begonnen und vor drei Jahren habe ich dann den Hubschrauberschein gemacht. Ich bin mittlerweile Berufspilot und habe begonnen, mein zweites Standbein aufzustellen. Hubschrauberfliegen hat sehr viele Facetten wie z. B. Feuerbekämpfung oder Arbeitsflüge. Ich habe einen kleinen Hubschrauber, mit dem ich viel unterwegs bin. Wenn das mit meiner aktiven Springerei vorbei ist, dann wird das ein nahtloser Übergang ins Helikopterfliegen. Das wird auch wieder ein spannender Beruf.

Projekte wie "Red Bull Stratos" oder von der Christus-Statue in Brasilien zu springen wird es dann nicht mehr geben?
Baumgartner: Ich glaube, ich habe alles, was Basespringen betrifft, ausgelebt. Ich bin irgendwann an einem Punkt angelangt, an dem ich gemerkt habe, jetzt könnte ich mich nur noch wiederholen. Mich hat ein zweiter Sprung von einem Objekt schon nicht mehr gereizt. Ich hab es gemacht und habe keine Veranlassung gesehen, hier noch einmal hinunterzuspringen. Da kommt "Red Bull Stratos" sehr gelegen, weil es etwas ganz anderes ist, ein wissenschaftliches Projekt. Es reizt mich so, weil es absolutes Neuland für mich ist. Ich bin quasi wieder zurück auf der Schulbank. Ich habe sehr viel lernen müssen, habe versucht, mir in kurzer Zeit sehr viel Wissen anzueignen, um mit Wissenschaftern die gleiche Sprache sprechen zu können. Mein Ziel war es möglichst schnell in dieses Thema hineinzufinden. Ich habe noch nie in meinem Leben für etwas so viel Aufwand betrieben und war noch nie für etwas so bereit wie für dieses Projekt.

Was war denn für Sie Ihr bisher spannendstes Projekt?
Baumgartner: Das ist schwierig. Jeder Basesprung hat eine eigene Herausforderung gehabt. Ich glaube, am meisten in Erinnerung geblieben ist mir der Jesus-Sprung (Basejump 1999 von der Christus-Statue in Brasilien, Anm.), weil er sehr schwierig, sehr gefährlich war und er mich von einem Niemand zu einem Jemand gemacht hat. Dieses Bild ist um die Welt gegangen und ab da ist es karrieretechnisch extrem bergauf gegangen. Ab da war für mich klar, in dem Sport bleibe ich auch. Und mir ist in den nächsten Jahren auch immer wieder etwas eingefallen. Es war nicht wichtig, dass jeder Sprung höher oder gefährlicher ist, sondern ich habe für mich immer wieder etwas Neues gefunden, das eine Herausforderung war und gleichzeitig die Menschen interessiert hat.

Wie kommt man überhaupt auf die Idee, von diesem und jenem Gebäude zu springen?
Baumgartner: Es ist eine Mischung aus selbst eine Idee haben und Anregungen von Freunden. Oder auch Filme: Ich verbringe sehr viel Zeit in Kinos und hole mir da Ideen. Um z. B. auf die Jesus-Statue raufzukommen, habe ich mit einer Armbrust einen Pfeil hinaufgeschossen - das habe ich im Film "The Rock" gesehen. Auch muss man, gerade wenn man illegale Basesprünge macht, ein Psychologe sein: Jedes berühmte Gebäude der Welt wird von vielen Security Leuten bewacht. Man muss sich in diese Personen hineinversetzen können, ihre Psyche genau analysieren um dann einen Weg zu finden sie zu umgehen. Der Sprung ist dann sozusagen nur noch der Showdown. Die Flucht muss auch gut geplant sein. Das hat in den vergangenen Jahren immer funktioniert. Das ist auch der Grundstein meines Erfolges: die gute Vorbereitung, die Disziplin, die Visionen und das Nicht-locker-Lassen, um ein Projekt erfolgreich abzuschließen. (APA)

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    Felix Baumgartner im freien Fall...

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    und auf festem Boden.

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