Einatmen, ausatmen, kommunizieren

18. Mai 2010, 19:26
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Für Menschen mit schweren Behinderungen erleichtert die Computertechnologie die Kommunikation mit der Umwelt

Spezielles Know-how für intelligente Soft- und Hardware stammt aus Österreich.

Als "inkomplett gelähmter Tetraplegiker" ist Martin Hofstädter aus ärztlicher Obhut entlassen worden. "Ich bin zwar ganzkörperlich sensibel, aber vom Kopf abwärts gelähmt", erklärt der 32-jährige Oberösterreicher die Bedeutung dieser medizinischen Diagnose. Vor seinem unverschuldeten Verkehrsunfall im Frühjahr 2003 war er als leitender Angestellter in einem Transportunternehmen für die gesamte EDV und Telekommunikation verantwortlich. Heute, nach dem unfallbedingten Bruch seines dritten Halswirbels, ist Martin Hofstädter noch immer mit EDV und Telekommunikation beschäftigt. Allerdings anders.

"Nicht der Mensch muss sich der Technik anpassen, sondern die Technik dem Menschen", konstatiert der junge Mann, dessen kommunikatives Tor zur Umwelt von einem PC und einem an seinem Elektrorollstuhl angebrachten Telefon aufgestoßen wird. Schlüssel für dieses Tor sind eine intelligente Spracherkennungssoftware und eine spezielle Computermaus – die sogenannte Integra-Mouse, die Hofstädter allein mit seinem Mund bedienen kann.

Zusätzlich mit einer virtuellen Tastatur ausgestattet, ist er in der Lage, die täglichen Büroarbeiten in hoher Geschwindigkeit und recht komfortabel zu erledigen. "Von meinem Telefon am Rollstuhl aus kann ich mittels Sprachsteuerung jede Tür, jedes Fenster und jedes Gerät im Haus aktivieren, öffnen und schließen", erzählt Hofstädter. "Eine spezielle Elektronik im Haus ermöglicht mir eine gewisse Selbstständigkeit.

Für das Bewegen des Mundstückes der speziellen Maus sind nur minimale Bewegungen der Lippen notwendig, die so den Cursor bewegen, und auch für den Mausklick wird nur eine minimale Menge an Atemluft benötigt. Durch ein leichtes Saugen oder Blasen ist es möglich, sowohl den linken als auch den rechten Mausklick auszuführen. Somit ist eine allzu frühe Ermüdung, wie zum Beispiel mit einer Infrarotkopfmaus oder einer visuell-elektronischen Technik, bei der der Lidschlag des Betroffenen registriert wird, ausgeschlossen. Die Maus ist mit einer Bildschirmtastatur gekoppelt, sodass dem Betroffenen alle Bedienelemente des Computers zur Verfügung stehen.

"Für mich ist das eine große Erleichterung", gesteht Martin Hofstädter, "ich brauche nicht ständig eine Betreuungsperson, die zum Beispiel die Buchseiten umblättert. Ein weiteres positives Merkmal ist die Mobilität der Maus: USB-Anschluss und die dazugehörige Befestigung erleichtern Ab- und Aufbau, so dass die Mundmaus ohne Probleme mit dem Notebook mitgenommen werden kann. Die Teile sind robust, leicht zerlegbar und gut zu reinigen.

Werkzeug für das Leben

Diese Spezialmaus ist eine Entwicklung von Life Tool: Die Trägerorganisationen Diakonie Österreich und Austrian Institute of Technology gründeten 1998 die gemeinnützige Arbeitsgemeinschaft mit dem Ziel, Soft- und Hardware für Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen zu entwickeln. Aus der Arge wurde inzwischen die Life Tool gemeinnützige GmbH mit ihrem Tochterunternehmen Life Tool Solutions GmbH. Neben dem Forschungszweig mit Sitz in Linz werden Beratungsstellen für computerunterstützte Kommunikation betrieben.

"Der wirtschaftliche Erfolg der von uns entwickelten Lebenswerkzeuge", erklärt Geschäftsführer David Hofer, "unterstützt unsere Non-Profit-Aktivitäten und treibt uns an, noch mehr Innovationen umzusetzen." Immerhin: Allein die Integra-Mouse wird bereits in mehr als 40 Ländern weltweit von mehr als 1100 Menschen mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen verwendet. Nun steht eine Weiterentwicklung an.

Unterstützt von der Lifescience Initiative Oberösterreich und finanziert vom nationalen Strukturförderprogramm Coin (einer Initiative der Ministerien für Wirtschaft, Familie und Jugend sowie für Verkehr, Innovation und Technologie) will das neugegründete Konsortium Life ACE die Maus nun verbessern. Mit an Bord sind die Unternehmen Life Tool, Institute of Technology, Abatec Electronics, Beneder Werkzeugbau und Ottinger EMV Consulting.

"Das neugeschaffene Konsortium Life ACE bündelt in einem multidisziplinären Team das spezielle Wissen mehrerer Unternehmen, um unter Einbindung von Menschen mit Behinderung hochwertige und zertifizierte Lösungen im Bereich Assistierende Technologien zu entwickeln", freut sich David Hofer.

Erstes Ziel dieses Projektes ist die Entwicklung einer intelligenten kabellosen Computermaus, die ebenso wie die mittels USB zu verkabelnde Integra-Mouse ausschließlich mit dem Mund bedient werden kann und erstmals auch alle klinisch-hygienischen Voraussetzungen für den Einsatz in Intensivstationen sowie Rehabilitationseinrichtungen mitbringt. Die kabellose PC-Anbindung soll die Mobilität der Anwenderinnen und Anwender im Rollstuhl deutlich erhöhen.

Mehrere Etappen stehen an

"Dabei", erklärt Hofer, "sind etliche Lösungen zu erarbeiten." Dazu gehört eine intuitive Anpassungsmöglichkeit der notwendigen Saug-Blas-Stärke der Steuerung für Anwender mit unterschiedlichen Respirationseinschränkungen. Ebenso muss eine Einweglösung für das Mundstück für den Einsatz im klinischen Bereich entwickelt werden. Die kabellose Signalübertragung muss optiert und gleichzeitig das Energiemanagement für die Steuerung verbessert werden. Und schließlich bedarf es der Entwicklung eines spritzgusstechnischen Einwegmundstücks für den klinischen Bereich.

Das Projekt soll während der 12. International Conference on Computers Helping People with Special Needs (ICCHP) von 14. bis 16. Juni in Wien vorgestellt werden. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 19.05.2010)

  • Der nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall gelähmte Martin Hofstädter steuert so ziemlich alles mit einer speziellen Computermaus, die er mit dem Mund bedienen kann.
    fotos: a. schneider

    Der nach einem unverschuldeten Verkehrsunfall gelähmte Martin Hofstädter steuert so ziemlich alles mit einer speziellen Computermaus, die er mit dem Mund bedienen kann.

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