Weil leicht sein kann, was nicht sein darf

18. Mai 2010, 19:54
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Dem Giro d'Italia droht in Alexander Winokurow ein imageschädigender Triumphator

Mailand/Wien - Nicht einmal die Hälfte des Giro d'Italia ist einer Erledigung zugeführt, da geht bei der zweitwichtigsten Radrundfahrt nach der Tour de France schon die Angst vor dem falschen Sieger um. Alexander Winokurow steckt im Maglia rosa und wirkt so, als wolle er das Führungstrikot erst nach dem Finale am 30. Mai in Verona wieder ausziehen.

Ausgerechnet der 36-jährige Kasache, der bei der Tour 2007 des Blutdopings überführt und danach für zwei Jahre gesperrt wurde. Wenn schon ein Ex-Doper, dann der Italiener Ivan Basso, mag sich Giro-Direktor Angelo Zomegnan denken, der sich, angesprochen auf Winokurow, maximal ein mattes Lächeln abringt.

Schließlich sollte nach Zomegnans Dafürhalten das Thema Doping beim Giro überhaupt keines sein. Der 55-jährige Lombarde, seit 2004 von der veranstaltenden Gazzetta dello Sport mit der Leitung des Giro betraut, hatte vor der 93. Auflage zwar die "härtesten Dopingkontrollen aller Zeiten" angekündigt, im Übrigen aber den Fahrern und Offiziellen diesbezügliches Stillschweigen nahegelegt. Schon bei der Antrittspressekonferenz entsprachen Winokurow und Kollegen diesem Ansinnen sehr gerne.

Zomegnan hat das Binkerl zu tragen, dass von den 15 Profis, die seit seinem Wirken das Giro-Podest zierten, nur sechs nicht zumindest einmal des Dopings überführt wurden. Erst kürzlich wurde der Vorjahresdritte Franco Pellizotti wegen auffälliger Blutwerte aus dem Verkehr gezogen. Im vergangenen Jahr war der Zweite, Danilo Di Luca, wegen Cera-Dopings disqualifiziert worden.

Entsprechend gering ist daher das Interesse der Medienmeute an den guten Nachrichten, die Zomegnan bereithält. Etwa, dass der Giro nach dem durch das Antreten von Lance Armstrong ausgelösten Boom des Vorjahres auch heuer wieder die Massen an die Straßen lockt. Oder dass der Giro 2012 in Washington anhebt.

Winokurows Stärke wirkt da wie ein Klotz am Bein, kommt aber nicht überraschend. Im April gewann der in Monaco wohnhafte kasachische Volksheld nach dem Giro del Trentino auch den Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich und verkaufte die Erfolge als Beweis dafür, dass es auch ohne Doping geht. Fragen nach seiner Vergangenheit machen ihn mürrisch, ganz zu schweigen von selbst vorsichtig artikulierten Zweifeln an seiner sauberen Gegenwart.

Zomegnan bleibt die Hoffnung, dass die ausstehenden vier Bergankünfte, darunter am Pfingstsonntag die äußerst knackige am Monte Zoncolan, das Klassement in seinem Sinne verändern. Blöd nur, dass Winokurow anlässlich der ersten Bergankunft am Sonntag seine Herrschaft über den Giro ganz locker verteidigt hat.

Farrar zum Zweiten

Die zehnte Etappe am Dienstag gewann der Amerikaner Tyler Farrar überlegen im Massensprint. Er verteidigte mit diesem seinem zweiten Tagessieg auch das Rote Trikot des Punktbesten. Das Rosa Trikot von Winokurow geriet auf den 230 Kilometern von Avellino in die südöstliche Ecke des Parcours nicht in Gefahr. Der Kasache liegt weiterhin 1:12 Minuten vor dem australischen Weltmeister Cadel Evans in Front.

Bei wesentlich besseren Bedingungen als am verregneten Vortag bestimmte bei Sonne und angenehmer Wärme ein Ausreißertrio lange das Geschehen. Der Brite Charles Wegelius, der Franzose Hubert Dupont und der Italiener Dario Cataldo setzten sich auf der nicht allzu schweren West-Ost-Etappe zur Adria früh ab. Das Feld ließ den Rückstand auf fast acht Minuten anwachsen, begann aber früh mit der Verfolgung. Von den drei Österreichern kam diesmal keiner in den Top-25 ins Ziel, am Vortag war Markus Eibegger Zehnter im Zielsprint geworden. Am Mittwoch werden die Fahrer mehr gefordert, dann stehen in Richtung L'Aquila drei Bergwertungen auf dem Programm. (Sigi Lützow/red - DER STANDARD PRINTAUSGABE 19.5. 2010)

ERGEBNISSE 10. Etappe 8Avellino - Bitonto/230 KM): 1. Tyler Farrar (USA) Garmin 5:49:14 Std - 2. Fabio Sabatini (ITA) Liquigas - 3. Julian Dean (NZL) Garmin - 4. Robbie McEwen (AUS) Katusha - 5. Robert Förster (GER) Milram - 6. Sebastien Hinault (FRA) AG2R - 7. Andre Greipel (GER) HTC-Columbia - 8. Danilo Hondo (GER) Lampre alle gleiche Zeit. Weiter: 63. Markus Eibegger (AUT) Footon-Servetto +3 Sek. - 65. Thomas Rohregger (AUT) Milram - 94. Matthias Brändle (AUT) Footon-Servette alle gleiche Zeit

Gesamtwertung: 1. Alexander Winokurow (KAZ) Astana 38:59:00 Std. - 2. Cadel Evans (AUS) BMC +1:12 Min. - 3. Vincenzo Nibali (ITA) Liquigas-Doimo +1:33 - 4. Ivan Basso (ITA) Liquigas-Doimo +1:51 - 5. Marco Pinotti (ITA) HTC-Columbia +2:17 - 6. Richie Porte (AUS) Saxo Bank +2:26 - 7. Wladimir Karpez (RUS) Katusha +2:34 - 8. Stefano Garzelli (ITA) Acqua e Sapone +2:47. Weiter: 17. Eibegger +7:46 Min. - 20. Rohregger 8:14 - 119. Brändle 59:14

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    Selbst dem mürrischen Alexander Winokurow kommt bei solcher Zuwendung ein breites Lächeln aus.

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