Vom harten Leben der Hasenmütter

18. Mai 2010, 18:54
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Wiener Forscher haben Erstaunliches über die Fortpflanzungsstrategien bei den Kleinsäugern herausgefunden

Unter den Säugetieren sind die Mäuse die beliebtesten Modellorganismen. Doch nicht alles, was sich an ihnen feststellen lässt, gilt notwendigerweise auch für andere Säuger. Feldhasen etwa können durchaus überraschen. Teresa Valencak und Thomas Ruf vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Universität für Veterinärmedizin Wien befassen sich seit Jahren mit dem Energiestoffwechsel sowohl von Mäusen als auch von Hasen und konnten dabei grundlegende Unterschiede feststellen.

Das Hauptaugenmerk der Forscher liegt dabei auf den Weibchen, an die Trächtigkeit und die folgende Milchproduktion enorme körperliche Anforderungen stellen. Und da biologischer Erfolg in der Zahl überlebenstüchtiger Jungtiere gemessen wird, sollten sich Mütter ordentlich ins Zeug legen, um möglichst viele davon zu erzeugen.

Elf gegen drei Jungtiere

Das tun sie prinzipiell auch: Weibliche Labormäuse kommen auf durchschnittlich elf Junge pro Wurf, die gemeinsam rund 65 Prozent des ursprünglichen Körpergewichtes der Mutter ausmachen. Häsinnen dagegen kommen pro Wurf nur auf ein bis drei Junge, die gemeinsam lediglich rund sieben Prozent dessen wiegen, was die nicht-trächtige Häsin auf die Waage bringt.

Unter diesen Umständen sollte man annehmen, dass weibliche Feldhasen während der Trächtigkeit anteilsmäßig weniger Nahrung zu sich nehmen müssen als weibliche Labormäuse. Das ist jedoch nicht der Fall. Die dabei erworbene Energie wird beim Hasen aber nicht nur verwendet, um den unmittelbaren Bedarf bei der Jungenproduktion zu decken. Vermutlich wird sie auch in Fettreserven angelegt.

In den letzten beiden Schwangerschaftswochen nehmen nicht nur werdende Hasenmütter deutlich weniger Nahrung zu sich, sondern auch Mäuse, Meerschweinchen, Ratten und alle klassischen Bauernhoftiere wie Kühe, Schweine und Schafe.

Der mangelnde Appetit könnte ein hormonell "programmierter" Schutzmechanismus sein: Hochschwangere sind einfach nicht so gut im Laufen, und je weniger sie unterwegs sind, um nach Nahrung zu suchen, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, selbst zur Beute zu werden. Nach der Geburt jedoch fordert die Milchproduktion der Mutter viel Energie ab. Und jetzt kommt den Häsinnen das gespeicherte Fett gut zustatten.

Für eine andere Detailfrage hielten Valencak und Ruf eine Gruppe von weiblichen Feldhasen bei unbegrenztem Zugang auf Futter, das allerdings einen niedrigen Fettgehalt aufwies. Wie sich zeigte, können die Low-Fat-Weibchen am Beginn der Laktation gar nicht so viel fressen, wie sie bräuchten: Ihr Darm schafft es nicht, die erforderliche Menge zu verdauen.

Nun sind aber die inneren Organe vieler Säuger an dieses Problem angepasst, d. h. sie wachsen buchstäblich mit der Aufgabe. So auch bei den Häsinnen: Es dauerte ungefähr zwei Wochen, bis ihr Darm groß und leistungsfähig genug war, die nötigen großen Mengen der minderwertigen Nahrung zu verwerten.

Tatsächlich sind gerade Häsinnen unter normalen Umständen sehr gut darin, sich bei der Jungenaufzucht nicht völlig zu verausgaben: Wie Valencak und Ruf im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF unterstützten Projekts herausgefunden haben, gehen sie - mit Ausnahme der vorübergehenden Low-Fat-Situation - nie wirklich an ihr physiologisches Limit, sondern bleiben immer knapp darunter. Die Forscher nehmen an, dass sie auf diese Weise Energie für ihr eigenes Weiterleben und die Chance auf weitere Nachkommen sparen. Mäuse indes zeigen dieses Verhalten nicht.

Je kleiner, desto fruchtbarer

Den Grund für diese Unterschiede sehen Valencak und Ruf in unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien: Sehr kleine Tiere wie Mäuse haben unter natürlichen Bedingungen eine so geringe Lebenserwartung, dass sie darauf selektiert sind, möglichst früh im Leben so viele Junge wie nur irgend möglich aufzuziehen - und zwar unter Einsatz aller Kräfte, denn es ist höchst ungewiss, dass sie die nächste Saison überhaupt erleben. Mittelgroße Arten wie der Feldhase etwa haben dagegen auch in der Wildnis gute Chancen, mehrere Jahre alt zu werden, und sollten mit ihrer Energie dementsprechend haushalten.

An ihr physiologisches Limit gehen aber nicht nur Tiere mit geringer Lebenserwartung. Die Selektion auf mütterliche Aufopferung kann auch künstlich erfolgen. So unterliegen sowohl Labormäuse als auch Milchkühe seit langer Zeit einer Zuchtwahl auf maximale Nachkommenschaft. Und von beiden weiß man, dass ihre Milchleistung sich bis zum physiologischen Limit steigern lässt, wenn man sie in kühler Umgebung hält.

Die Idee dahinter: Beim Säugen entsteht viel zusätzliche Wärme und die Mutter braucht Energie, um ihre Körpertemperatur konstant zu halten. Bei kalter Umgebung kann sie diese Energie stattdessen in Milchproduktion investieren. Valencak und Ruf testeten auch diese Hypothese am Feldhasen, und siehe da: Bei fünf Grad Celsius geben die Häsinnen zwar deutlich mehr Milch - aber auch dann nicht so viel, wie sie bei Aufbietung aller Reserven imstande wären. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 19.05.2010)

  • Um ihren Nachwuchs über die Runden zu bringen, gehen weibliche Feldhasen nie ganz bis an ihr physiologisches Limit. Das spart Kräfte für das eigene Überleben - und weiteren Nachwuchs.
    foto: t. valencak

    Um ihren Nachwuchs über die Runden zu bringen, gehen weibliche Feldhasen nie ganz bis an ihr physiologisches Limit. Das spart Kräfte für das eigene Überleben - und weiteren Nachwuchs.

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