Unterschätzte Bewegung

18. Mai 2010, 18:32
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Selbst wenn jetzt die Macht im Land durch Neuwahlen umverteilt würde, bliebe vieles beim Alten

Demonstranten verschanzen sich hinter brennenden Reifen. Ein Armeegeneral wird erschossen. Thais schießen auf Thais. Die Welt beobachtet, wie im angeblichen "Land der Freundlichkeit" Hass und Kompromisslosigkeit den Ton bestimmen. Dass die Lage so eskalieren würde, war vor ein paar Monaten kaum abzusehen. Die Regierung und die Macher der Armee unterlagen einer glatten Fehlkalkulation, als sie glaubten, den Aufstand der Rothemden aussitzen zu können. Sie unterschätzten die Gefahr, dass aus diesen Protesten eine soziale Bewegung werden könnte.

Die Bürger haben es satt, von der urbanen Elite in Bangkok negiert zu werden. Oft wurden ihnen bessere Infrastruktur und Ausbildung versprochen; und genauso oft wurden sie enttäuscht und vergessen. Jetzt wollen auch sie Macht, Einfluss und Geld. Der, der ihnen davon schon einmal etwas in bescheidenem Maße zugestanden hatte, ist der ins Ausland geflüchtete Thaksin Shinawatra. Er gilt auch als Finanzier der Rothemden.

Die jetzigen Proteste mit einer Bewegung für echte Demokratie im Land gleichzusetzen ist aber zu weit gegriffen. Das Prinzip "Ein Kopf - eine Stimme" gilt zwar in Thailand, es wird aber regelmäßig durch Stimmenkäufe und Erbpolitik relativiert. Selbst wenn jetzt die Macht im Land durch Neuwahlen umverteilt würde, bliebe vieles beim Alten. Denn die neuen Macher könnten kaum das politische System, in dem sie groß geworden sind, abstreifen wie ein rotes Hemd nach dem Protest. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Printausgabe, 19.5.2010)

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