"Was keine Leser findet, verbrenne ich"

18. Mai 2010, 18:26
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Der Brünner Autor Jiri Kratochvil baut Erzähllabyrinthe ohne Aussicht auf Entrinnen - ein Gespräch über die Erfahrungen im Umgang mit der kommunistischen Diktatur

Wien - Ein exzentrischer Baukünstler spielt in Jiri Kratochvils neuem Roman Das Versprechen des Architekten die Hauptrolle: Man schreibt die finsteren Jahre des tschechischen Gottwald-Sozialismus. Im angeblichen Wissen, dass seine Schwester von den Schergen der Brünner Staatssicherheit zu Tode gefoltert wurde, sperrt der Architekt Modracek, ein ehemaliger Nazi-Kollaborateur, Systemerhalter und kommunistische Büttel in ein unterirdisches Verlies.

Kratochvil, dessen famose, an Jorge Luis Borges geschulte Erzählkunst nunmehr im Wiener Braumüller-Verlag auf Deutsch vorliegt (mustergültig übersetzt u. a. von Christa Rothmeier), hebt in seiner Prosa die Gesetze der Kausalität ebenso verschmitzt wie brutal aus den Angeln. In Kratochvils absurder Heimatdichtung fungiert die mährische Stadt Brünn als Anknüpfungspunkt für die absurdesten Mutmaßungen: War Stalin bloß ein Mäuschen, das einer Brünner Stenotypistin seine Memoiren diktierte? Der Standard sprach mit dem Autor aus Anlass eines Wienbesuches.

Standard: Man könnte Brünn baulich für eine kleine Schwester von Wien halten. Spielt diese Ähnlichkeit für Sie eine Rolle?

Kratochvil: Vor allem zu Wien hat Brünn eine Beziehung: Im 19. Jahrhundert haben Wiener Architekten in Brünn gearbeitet - oder mährische Architekten im Wiener Atelier von Otto Wagner. Ludwig Förster, der für die Ringstraßenarchitektur verantwortlich zeichnet, hat auch den Brünner Ring gebaut. Das erste Wohnhaus von Leopold Bauer war die Reißig-Villa 1903, das erste moderne Wohnhaus in der Monarchie. Das Brünner Theater wiederum, von Hermann Helmer errichtet, war das welterste Theater mit elektrischer Beleuchtung. Im 19. Jahrhundert war Brünn geradezu ein Klon von Wien. Erst nach dem Krieg hat sich in Brünn der Funktionalismus verbreiten können. Brünn ist übrigens auch die Geburtsstadt von Adolf Loos.

Standard: In Ihrem neuen Roman spielen nicht nur Bauwerke eine Rolle: "Das Versprechen des Architekten" erzählt von unterirdischen Gewölben, in denen ein merkwürdiger Brünner Baukünstler in den Jahren des Kommunismus ein Straflager für CSSR-Bürger errichtet. Ist Brünn für Sie eine Art von römischer Ruinenlandschaft, in der sich Platz findet für alle Zeitebenen und Epochen?

Kratochvil: In jeder meiner Geschichten ist das anders. Meine Architektenfigur Modracek würde gerne funktionalistische Bauten errichten; nur ist das in den stalinistischen 1950er-Jahren bereits verboten. Ihnen ist die Utopie aufgefallen, die ich in dem Kellergewölbe realisiere?

Standard: Ein Gegenentwurf zum damals "real existierenden Sozialismus"?

Kratochvil: Eine "Kommune der Verzweiflung", wie ein Rezensent geschrieben hat. Tragisch ist doch, dass die historische Avantgarde sich nach der Utopie ausgerichtet hat. Wenn die unterirdische Stadt von meinem Architekten gebaut wird, so realisiert dieser doch nur einen Entwurf in Anlehnung an Le Corbusier. Eine grausame Travestie auf eine schöne Idee: Es sollten ja Bauten errichtet werden, in denen sich der "neue Mensch" ungehindert entfalten kann. Er kämpft mit seiner Utopie gegen die andere, die von oben verordnete - mit seinen untauglichen Mitteln.

Standard: Wenn der Sozialismus eine Zeit "voller Falschheit" war, voller "Lug und Trug", wie es in einer Ihrer Erzählungen heißt: Ist dann tatsächlich die Literatur die Stimme der Wahrheit? Weil sie allein es vermag, die Welt aus den Angeln zu heben?

Kratochvil: Jede Utopie endet in der Unfreiheit. Was meinen Sie mit "Lug und Trug"?

Standard: Dass die Literatur die verordnete Sicht auf die Welt aufzuheben vermag.

Kratochvil: Das ist eine naive Vorstellung.

Standard: Warum?

Kratochvil: Weil die Fantasie sich nur in der Literatur oder in der Kunst manifestiert. So lange ein Totalitarismus herrscht, kann er sie eliminieren. Sie wissen, wie viele Künstler in Gulags endeten.

Standard: Sie haben im Sozialismus manuelle Brotberufe ausgeübt. Wie haben Sie Ihr Schreiben vor dem Zugriff von oben bewahren können?

Kratochvil: Das ging aus Besessenheit. Ich kam abends nach Hause, habe mir einen starken Kaffee gebraut und dann geschrieben. Ich habe meine Texte sogar vernichtet, weil ich keinen Zugang zur "Samisdat"-Literatur fand. Ich habe sie also verbrannt, weil ich keine Leser hatte. Ich bin ein geborener Erzähler - ich habe schon als Kind erzählt. Wenn ich aber keine Zuhörer für meine Geschichten finde, dann vernichte ich Letztere.

Standard: Mit dem Epochenbruch von 1989/90 hat sich die Situation für die Literatur gravierend verändert: Sie ist frei, zugleich aber den Mechanismen des Marktes unterworfen. Glaubt man aber Ihrer Erzählkunst, so sind die emotionalen Verstrickungen aus der Zeit der Diktatur nicht einfach überwunden.

Kratochvil: Ja, die Komplexe nehmen neue Formen an. Die Menschen ändern sich im Prinzip nicht: Sie haben dieselben Bedürfnisse nach Aggression und zugleich danach, sich gegen Aggressionen zu wehren. Es ist ungefähr wie bei Freud: Todestrieb und Lustprinzip wiegen einander auf. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 19. 5. 2010)

  • Zur Person
Jiri Kratochvil (70) wurde als Sohn russischer Emigranten in Brünn 
geboren. Der Autor verdiente sich als Kranführer, Heizer und 
Bibliothekar den Unterhalt in der CSSR.
    foto: cremer

    Zur Person
    Jiri Kratochvil (70) wurde als Sohn russischer Emigranten in Brünn geboren. Der Autor verdiente sich als Kranführer, Heizer und Bibliothekar den Unterhalt in der CSSR.

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