Im Glühbirnenregen

18. Mai 2010, 17:50
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Maxim Billers verbotener Roman "Esra" findet bei Angela Richter in der Garage X seine idealen Stimmen: die von Schauspielern

Wien - Der für seine kratzbürstigen Kolumnen in der FAZ am Sonntag bekannte Schriftsteller Maxim Biller begreift Leben und Schreiben als direkt ineinanderfließend. So hielt er es auch im Fall seines 2003 erschienenen Romans Esra. Ohne große Tarnung erzählt er darin die autobiografisch motivierte, komplizierte Liebesgeschichte zwischen einem jüdischstämmigen Schriftsteller und einer türkischstämmigen Schauspielerin.

Gleich nach dem Erscheinungstermin wurde das Werk indiziert und ist, da es laut Gerichtsurteil Personenrechte verletze, seither verboten. Am Theater aber geht die Auseinandersetzung weiter.

Große Namen haben sich zur Hochblüte der Debatte für den Schriftsteller und damit für die literarische Freiheit eingesetzt, darunter Elfriede Jelinek, Luc Bondy, Peter Zadek, Feridun Zaimoglu oder Günter Grass. Seit dem Vorjahr zählt auch die deutsche Regisseurin Angela Richter dazu, die mit einer Inszenierung am Kampnagel Hamburg (Uraufführung war im April 2009) Stellung bezieht.

Vier Schauspieler und zwei Schauspielerinnen durchdringen dabei, zum Teil lesend, den von Assoziationen und Kommentaren umstellten Text. Eine der versiertesten Bühnenbildnerinnen des deutschen Sprachraums, Katrin Brack (bekannt für großformatige Lösungen), hat dafür Glühbirnen aufgefädelt und lässt sie von der Decke hängen: ein Dickicht des Lichts. Und der Erleuchtung?

Theater will hier keine juristische Auseinandersetzung führen, sich nicht als Ort der Rechtsprechung aufführen. Vielmehr geht es um die "Rettung" eines Werks aus den verschlossenen Lagern des Kiepenheuer & Witsch Verlags.

Im Flüsterton, der auf die Zensur des Textmaterials verweist, geht es los. Allmählich schälen sich die sechs auf der Bühne versammelten Figuren aus den schwarzen Richtertalaren heraus und bringen ihre Standpunkte vor. Das ergibt singende, weinende, brüllende und als Häufchen Elend darniederliegende Männer und Frauen.

Bei den Salzburger Festspielen zeigt Angela Richter (wieder in Zusammenarbeit mit Katrin Brack) ihre Inszenierung von Jon Fosses Tod in Theben. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Printausgabe, 19. 5. 2010)


>> 19. & 22. 5., Garage X - Theater am Petersplatz 1, 1010 Wien, 01/535 32 00-11. Jeweils 20.00

  • Liebesgeschichte im Glamour-Licht: Christoph Theußl, Oana Solomon und 
Sebastian Blomberg (vorne).
    foto: garage x

    Liebesgeschichte im Glamour-Licht: Christoph Theußl, Oana Solomon und Sebastian Blomberg (vorne).

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