Mordanklage nach Attentat auf Ravidass-Gurus in Wien

18. Mai 2010, 12:57
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Sechs Sikhs müssen nach Schießerei in Gebetshaus vor Geschworene

Knapp ein Jahr nach der Schießerei in einem Tempel der Ravidass-Gemeinschaft in Wien-Rudolfsheim, bei der die aus Indien angereisten spirituellen Führer Sant Rama Nand und Sant Niranjan Dass getötet bzw. schwer verletzt wurden, liegt die Anklage der Staatsanwaltschaft Wien vor. Dem mutmaßlichen Haupttäter, einem 35-jährigen Inder, wird Mord und zweifacher Mordversuch vorgeworfen. Er hatte auch den Wiener Prediger Kishan Pal angeschossen, der sich noch schützend vor die Gurus stellen wollte. Fünf Männern im Alter von 29 bis 46 Jahren wird Beitragstäterschaft zum Mordanschlag und versuchte absichtlich schwere Körperverletzung an mehreren Andersgläubigen angelastet.

Für die Anklagebehörde stellt die Bluttat das Ergebnis eines zumindest seit 2008 schwelenden Glaubenskonflikts zwischen der Ravidass-Gemeinde und strenggläubigen Sikh dar. Staatsanwalt Stefan Apostol geht in seiner 60 Seiten umfassenden Anklageschrift davon aus, dass der Anschlag auf die Prediger am Vorabend in einem Tempel der Sikh in der Langobardenstraße in Wien-Donaustadt geplant wurde. Die Fäden dazu dürften von einer radikalen Sikh-Gruppe in Spanien gezogen worden sein. Die Ergebnisse eines Rechtshilfeersuchens an die spanischen Behörden brachten zutage, dass unmittelbar nach dem Anschlag versucht wurde, aus einem Gebetshaus der Sikh in Barcelona an zwei Angeklagte heranzutreten. Einige der sechs Angeklagten waren erst kurze Zeit vor dem Anschlag aus Spanien nach Wien gereist.

Weil die Ravidass-Gemeinschaft neben dem Heiligen Buch, dem "Guru Granth Sahib", auch Führer wie Sant Niranjan Dass und Sant Rama Nand verehrt, soll die Gemeinde in Wien-Rudolfsheim seit September 2008 von streng gläubigen Sikhs davor gewarnt worden sein, die beiden in ihr Gebetshaus einzuladen. "Dieser Besuch stellte für einige Anhänger eines radikal gelebten Sikhismus - wie die Angeklagten - eine Provokation ihres Glaubensverständnisses dar, da es eine Beleidigung und Herabwürdigung des Heiligen Buches und zugleich eine Anmaßung der Sants sei, wenn diese sich dadurch dem nach radikalem Verständnis einzigen in der heutigen Zeit existierenden Guru, nämlich dem Buch, gleichstellen würden", erläutert der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift den religiösen Sprengstoff, den die Visite der Gurus hatte. (APA)

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