"Warum kommt uns die Uno nicht zu Hilfe?"

17. Mai 2010, 19:04
33 Postings

Ein Lokalaugenschein in der "Red Shirt City"

Ein weiteres Ultimatum der Regierung an die Rothemden, den besetzten Teil Bangkoks zu räumen, verstrich am Montag. Der Militärchef der Roten erlag seinen Verletzungen.

*****

An einer Barrikade ist ein schmaler Spalt offen: Die Wachen der Roten winken die Leute durch, signalisieren aber: Seid auf der Hut, hier kann jeden Moment etwas passieren. Hinter dem Wall aus Bambus-Stöcken, Autoreifen und Steinkübeln ist "rotes" Gebiet. Zelte und Matten, mobile Toiletten und kleine Garküchen ziehen sich entlang einer Straße, die ansonsten als eine der schicksten Einkaufs- und Hotelmeilen in Bangkok gilt.

Eingequetscht zwischen zwei Luxuskaufhäusern steht derweil der Tempel Wat Pathum Wanaram. Hier haben etliche Ältere, Frauen und kleine Kinder Zuflucht gesucht, nachdem die Regierung am Sonntag klargemacht hatte, dass die Rothemden bis Montagnachmittag das belagerte Viertel verlassen haben müssen. Sonst werde die Armee die Proteste mit Gewalt auflösen. Die Menschen hoffen, dass die Soldaten wenigstens nicht bis in den Tempel eindringen werden. Ihre roten T-Shirts tragen die meisten mittlerweile nicht mehr - aus Sicherheitsgründen.

Gerade biegt Niramoon Thanagoon um die Ecke des Tempels, eine schmale Frau in grauem T-Shirt. Sie ist mit den Nerven am Ende. "Viele unserer Freunde sind bereits getötet worden, warum kommt uns die Uno nicht zu Hilfe?" , fragt die 64-Jährige. "Wir sind doch keine Terroristen oder Idioten, wie dies die Regierung darzustellen versucht" , sagt sie bitter. "Thailand wurde immer das Land des Lächelns genannt, jetzt ist es das Land der Tränen."

Land der Ungerechtigkeit

Auf der Haupttribüne der Demonstranten sprechen nacheinander führende Köpfe der "Vereinigten Front für Demokratie gegen Diktatur" (UDD), wie sich die Roten offiziell nennen. Einer davon ist Weng Tojirakarn. Hat er keine Angst, dass die Armee anrücken könnte? "Nein" , sagt Weng, "ich bleibe hier bei meinen Leuten." Der Arzt führte 1973 Studentenproteste gegen Thailands Militär an, er weiß, wovon er spricht. "Ich habe auch keine Angst, verhaftet oder getötet zu werden, denn ich will nicht in einem Land leben, in dem Ungleichheit und Ungerechtigkeit herrschen."

Auf der Straße schräg hinter der Bühne hocken zwei Männer. "Wisst ihr, was heute morgen passiert ist?" , fragt einer verbittert. "Seh Daeng ist tot." Er zeigt die SMS-Nachricht, die am Morgen auf seinem Handy eingegangen ist. Seh Daeng, mit bürgerlichem Namen Khatthiya Sawasdipol, ein von der Armee suspendierter General, war vor wenigen Tagen in den Kopf geschossen und schwerst verletzt worden. Vor allem im radikaleren Flügel der Roten hatte er viele Bewunderer.

Außerhalb der "Red-Shirt-City" wird längst gekämpft. Die abgeriegelten Straßenzüge gleichen einer Geisterstadt. Durch die für Bangkok ungewöhnliche Stille dröhnen immer wieder Schüsse und Einschläge von Geschoßen. Die Rothemden schießen selbstgebaute Raketen ab und kämpfen mit Steinschleudern. Die Armee feuert mit Gummigeschoßen, Schrot und scharfer Munition. Der dichte schwarze Rauch aus brennenden Autoreifen vernebelt die Sicht - er ist über weite Teile der Stadt zu sehen. (Nicola Glass aus Bangkok/DER STANDARD, Printausgabe, 18.5.2010)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Konfrontation in Bangkok: Die Armee kündigte an, die "rote Zone", jenes Geschäftsviertel, in dem sich etwa 5000 Demonstranten verschanzen, zu stürmen.

Share if you care.