"Blumen für Kim Il Sung"

"Es war ein ständiges Ringen um Vertrauen"

17. Mai 2010, 18:12
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    foto: korean art gallery, pjöngjang

    "Abstrakte Kunst gibt es nicht": Ri Tong Gons Bild "Frühmorgens" (2010), das ab Dienstag in der Ausstellung "Blumen für Kim Il Sung" im Mak zu sehen ist.

  • "In Nordkorea weiß man nie, ob etwas stimmt": Alfred Pfabigan im Gespräch über Nordkorea und die Mak-Ausstellung

     

    Im Sommer 1982 lud die Vereinigung nordkoreanischer Sozialwissenschafter vier österreichische Philosophen - unter ihnen der Wiener Professor Alfred Pfabigan - für einen Monat nach Nordkorea ein.

    Grund und Ziel der Reise war es, den Europäern das Studium von Dschutsche, der Philosophie des "geliebten und verehrten Führers Kim Il-sung" , zu ermöglichen. Schlaflos in Pjöngjang (Brandstätter-Verlag) heißt das nur mehr antiquarisch erhältliche Buch, das Pfabigan über seine Erfahrungen in diesen vier Wochen schrieb.

    Der Band ist alles andere als die Verarbeitung einer "Bildungsreise" , vielmehr schildert Pfabigan, wie ein lückenloses Leitungssystem nicht nur die Wahrnehmung der Gäste, sondern auch der Bevölkerung steuert - dies vor allem über Dschutsche, das gern als auf Autarkie des Landes angelegtes Staatsdogma gesehen wird, allerdings ein gigantisches, auf den "geliebten Führer" zentriertes selbstreferenzielles System ist, in dem ein Außen nicht existiert, nicht existieren darf.

    Entsprechend groß ist der Affirmationsdruck. Zehntausende Nordkoreaner sind in "Umerziehungs" - und anderen Lagern interniert, es gilt Sippenhaft, oft werden ganze Familien samt den Kindern eingesperrt.

    Alfred Pfabigan, der beide Teile Koreas kennt und bereiste, sagt: "Der Satz, dass das Private politisch ist, wird in keinem Land so ernst genommen wie in Nordkorea. Es handelt sich um eine ungeheure Überwachungsgesellschaft. In Nordkorea weiß man nie, ob etwas stimmt."

    Und die Kunst, der er im Buch zahlreiche Passagen widmete? "Früher war die ganze Kunst Tendenzkunst, von Belehrung nicht zu trennen." Bei der Ausstellung im Mak, Teile davon hat Pfabigan vorab gesehen, zeige sich, dass es mittlerweile eine Art eigenständige "Kunst-Kunst" gebe.

    Die Frage, ob man einem totalitären Regime mit einer Ausstellung eine Plattform geben darf, scheint Pfabigan uninteressant. "Natürlich wird ein Selbstbild vermittelt" , doch auch die Biennale vermittle kein Bild von Österreich "as it is" . Es ginge immer um Selbst- und Wunschbilder.

    Und: "Wissen Sie, ich wüsste gern, wer den Titel Blumen für Kim Il Sung ausgewählt hat, denn dieser hat, wie beispielsweise Mel Brooks Frühling für Hitler, ein hohes ironisches Potenzial" , das, so Pfabigan, sollte man mitbedenken. (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 18.05.2010)

Peter Noever anlässlich der Ausstellungseröffnung über gesellschaftliche Reife, kritische Kommentare und den Stellenwert nordkoreanischer Kunst - Im Interview

Standard: Sie wurden in den letzten Wochen für Ihre Ausstellung nordkoreanischer Kunst ziemlich geprügelt. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Noever: Nein. Ich stehe zu dem, was ich tue. Wenn man sich auf so etwas einlässt, ist es im Grunde wie mit jedem anderen Museum: Wenn ich vom Guggenheim eine Ausstellung übernehmen will, diktiert es, unter welchen Prämissen. Dann wird verhandelt. Aber wir müssen achten, dass wir nicht selber zu dem werden, was wir kritisieren; dass wir selber Bestimmtes ausgrenzen und ablehnen. Es würde einer geistigen Zensur nahe kommen, sich damit nicth auseinandersetzen zu dürfen. Das halte ich für das Schlimmste. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich durch das Andere, das Fremde erst selbst erkennt.

Standard: Kann man dabei, wie man Ihnen vorwirft, das Terrorregime ausblenden?

Noever: Nein, im Gegenteil. Man muss es einblenden. Diese Ausstellung provoziert doch erst, sich wieder eingehend mit Nordkorea zu beschäftigen. Man hätte, wenn man gewollt hätte, in den vergangenen Jahren viele Maßnahmen setzen können, von denen man jetzt sagt, die Ausstellung müsse sie erfüllen. Ich glaube, unsere Gesellschaft ist reif genug dafür. Sonst gäbe es keine auch noch so marginale Bewegung, und man würde auch in den nächsten vierzig Jahren auf beiden Seiten immer alles wiederholen.

Standard: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee zu dieser Ausstellung gekommen?

Noever: Ich war zu einem Vortrag in Japan eingeladen und habe mich spontan zu einer Reise nach Nordkorea entschieden - was gar nicht leicht war, weil in erster Linie Delegationen empfangen werden. Also bin ich letztlich als Einmanndelegation eingereist. Ich habe die Nationalgalerie besucht und die Dolmetscherin gebeten, mich mit dem Direktor bekanntzumachen, der mir Dinge gezeigt hat, die man sonst nicht sehen konnte. Das war das Schlüsselerlebnis: Etwas, das so verborgen vor der Welt ist, muss dringendst gezeigt und zur Diskussion gestellt werden.

Standard: Wie schwierig war die Realisation?

Noever: Ich habe ab der ersten Sekunde an diese Ausstellung geglaubt, aber es gab in der vierjährigen Vorbereitungszeit extreme Rückschläge. Es war ein ständiges Ringen um Inhalt, um Werke, um Auftritt - und um gegenseitiges Vertrauen. Immerhin stellt Nordkorea erstmals seine Kunst, seine Kultur, sein Selbstverständnis zur Diskussion. Man muss schon konzedieren, dass es ein riesiger Schritt war, die Bilder außer Landes zu lassen, vor allem jene 16 von Kim Il-sung und Kim Jong-il, von denen selbst in Pjöngjang nur vier ausgestellt werden. Aber es gab keine einzige Phase, in der wirklich sicher war, dass die Ausstellung stattfindet.

Standard: Und: Wird Sie heute Abend eröffnet?

Noever: Sicher ist nichts, aber ich denke: ja. Als ich mit einer nordkoreanischen Delegation rund um den Direktor der Nationalgalerie durch unsere Ausstellung gegangen bin, habe ich bemerkt; sie haben eine völlig andere Sicht der Dinge. Der Direktor wollte Bilder herein- oder hinausreklamieren. Einige Texte empfindet er als beleidigend für sein Volk.

Standard: Apropos Texte: Hier vermisst man kritische Kommentare im Katalog.

Noever: Das finde ich vermessen. Das macht man doch auch nicht bei einem westlichen Künstler. Und es geht schließlich um Künstler. Wir haben uns darauf konzentriert, einigermaßen anständig die Kunst auszustellen. Anhand dessen gibt es nun viele Möglichkeiten der Reflexion. Wir veranstalten auch ein Symposium mit internationalen Experten.

Standard: Welche Rolle spielt die Kunst in Nordkorea?

Noever: Die Künstler sind dort wie Spitzensportler. Und natürlich machen sie Staatskunst, die belehren soll und affirmativ ist. Abstrakte Kunst gibt es nicht. Aber im Grunde ist der Unterschied marginal: Durch die Künstler unserer Gesellschaft erkennt man die Gesellschaft, das gilt in gleichem Maße für die Kunst der Demokratischen Volksrepublik Korea.

(Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe,18.05.2010)

Zur Person:
Peter Noever, geb. 1941 in Tirol, ist der längstdienende Museumsdirektor Österreichs. Seit dem Jahr 1986 leitet er das Mak, nächstes Jahr endet sein Vertrag.

Weiterlesen:
>>> Mit dem Rücken zur Wand

Auch China geht auf Distanz zu Diktator Kim Jong-il

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 146
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Trainer Charlie
00
27.11.2010, 19:33
Warum suchen Sie

das Vertrauen eines Diktators, der die Welt noch an den Rand des 3. Weltkriegs bringen wird, wenn er nicht rechtzeitig stirbt? Um ein paar kitschige Bilder in Österreich aufzuhängen? Weil's der Steuerzahler zahlt?

Graue Eminenz
00
19.5.2010, 23:46
eskalation oder stillhalten?

welche optionen hat noever gehabt? das regime hätte wohl kaum kritische stimmen zugelassen:
http://eminenz.wordpress.com/2010/05/1... m-il-sung/

Hadik1
00
19.5.2010, 16:19
Der nackte Noever

Die nächste und letzte Sonderausstellung von Österreichs "längstdienendem Museumsdirektor" steht schon fest. Sie zeigt nichts als den nackten Noever. Titel "Des MAKs alte und neue Kleider".

Heimwerkerkönig
 
01
19.5.2010, 15:59
Erinnert irgendwie stark an ...

... an die Zeugen Jevovas und deren Bildersprache:
http://www.taubenschlag.de/cms_pics/... gottes.jpg

sixela
04
18.5.2010, 23:18

Ich bin ja durchaus dafür, so eine Ausstellung zu machen und sogar geneigt hinzugehen. Die kommunistische "Kunst" demaskiert sich ohnehin selbst.

Aber die Antwort von Noever auf fehlende Kritik im Katalog ist anmaßend: "Das finde ich vermessen. Das macht man doch auch nicht bei einem westlichen Künstler." eh nicht, aber bei Nazikünstlern oder auch nur deutschnationalen Künstlern macht man es natürlich schon. Zweierlei Maß? Ja, natürlich!

hitchy
00
19.5.2010, 11:35
Ich glaube nicht...

...dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.

Was ist denn z.B. Nazikunst?

Die Kunst von A.H. (er war ja Maler)?
Kunst die entstanden ist während er an der Macht war? Ist es hier egal ob der Künstler von der Ideologie überzeugt war oder nicht?
Oder ist es die Kunst die, auch heute noch, von Menschen mit nationalsozialistischer oder deutschnationaler Einstellung gemacht wird?
Dann frage ich mich von wievielen Kunststücken wir nicht mal wissen dass es "Nazikunst" ist?
Würde H.C.S. naive Bilder malen, dürfte man diese ausstellen?

Mike 23
02
19.5.2010, 11:58
Leni Riefenstahl

als Beispiel.

Wird nie undokumentiert vorgeführt.

Mike 23
03
19.5.2010, 11:01
Genau meine Meinung

Auch ich möchte mir das gerne anschauen.

Und genau wie Sie finde ich ebenfalls, dass mit zweierlei Maß gemessen wird. Eine Ausstellung nationalsozialistischer "Kunst" (ob hier das Wort angebracht ist, mögen andere entscheiden) wird zu Recht niemals ohne kritischen Text auskommen.

Wahrscheinlich hätte aber jegliche Kritik diese Ausstellung sofort unmöglich gemacht, da man von Nordkoreanischer Seite sicher nicht mitgespielt hätte.
Aus diesem Grund muss sich der Direktor auf jeden Fall den Vorwurf gefallen lassen, dass er sich für eine Ausstellung ans Gängelband eines Diktators nehmen hat lassen.
Michael

yourworstnightmare
00
18.5.2010, 22:57

Das dargestellte Bild würde ich nicht "Frühmorgens" nennen, sondern "Patriarchat", 5 Damen von der Putzbrigarde zu Fuß auf der Doppelsperrlinie, der einzige Putz-er motorisiert...

Free Mind
00
21.5.2010, 08:24
putz-erIN

das stimmt so nicht - ich war in der (übrigens überaus interessanten) auusstellung, und der "putz-er" auf diesem bild ist in wirklichkeit ganz eindeutig auch eine frau!

benjohnson1988
11
18.5.2010, 20:02

ich finds geil und werds mir anschauen.

straßenkehrer
00
18.5.2010, 19:49
Wo -

sind unsere Strassenkehrerinnen ?

geilhuber
10
18.5.2010, 19:26

Duerfen eigentlich Suedkoreaner in der Zeit das MAK besuchen????
Wurscht...einfach als Chinese tarnen...

Heimwerkerkönig
 
10
18.5.2010, 19:02
Nicht einmal...

... ignorieren.

peter purzel
03
18.5.2010, 18:24
Mögen wir einfachen Menschen und...

...kulturell stets Herausgeforderten uns allzeit des Schutzes und der Förderung durch große und liebe Kulturführer wie Peter Noever gewiss sein können.

tom cerry
26
18.5.2010, 18:18
vermessen?

der ist doch total alterssenil der noever. nk ist eine diktatur und in dieser staatskunst findet er tolle meisterwerke....
die eitelkeit ist halt stärker als der verstand.

§83SPG
15
18.5.2010, 18:03

Ich würde mir ja die Ausstellung ganz gern anschauen, weil die ungewollte selbstironie könnte mir schon gefallen.
Aber so etwas ohne wirklich sinnerfassenden Kommentar auszustellen ist mir dann doch zu viel Lobhudellei und Kniefall für ein menschenverachtendes Regime. Da könnt ich mir ja gleich eine Nazikunstausstellung von der NPD reinziehen. Die würden dann auch nur Künstler präsentieren und jeden moralischen Kontext ausblenden.
In dieser Form, hätte ich doch ein sehr ungutes Gefühl die Staatskünstler eines kafkaesken Gebildes zu konsumieren - und ich sehe mich eigentlich nicht als "Gutmensch".

numu
 
11
19.5.2010, 03:43

sie haben das interview schon gelesen oder?

wenn sie kritik wollen, dann könnten sie sich die ausstellung hald einfach nicht anschauen,..
durch diese "kritiklosigkeit" war es (wie ich dem interview entnehmen kann) auch nur möglich diese bilder überhaupt auszustellen!
und ich finde, dass kritik auch gar nicht angemessen ist, wieso auch ? für unsere kunstkonsumenten ist es eh sowas wie eine mileu studie!

also kommt alle mal runter vom ross,..
.."wir" haben millionen menschen durch den NS getötet, wir haben aber nichts mit dem NK regime zu tun...
also hinkt dieser vergleich

irgendein/e posterIn
 
100
18.5.2010, 17:52

was führen die amis in der weltgeschichte auf, aber über deren kunst regt sich niemand auf.

Timagoras
 
01
18.5.2010, 22:22
"aber über deren kunst regt sich niemand auf."


wieso niemand?

Sie regen sich doch sicher (generell) über us-amerikanische kunst auf, oder?

dann stimmt "niemand" doch gar nicht.

Ludovico Settembrini
00
18.5.2010, 20:29

in den usa sagen sogar angepasste mainstream kuenstler wie die dixie chicks dem praesidenten ihre meinung...

irgendein/e posterIn
 
00
19.5.2010, 16:44

...ja und leben oft trotzdem den "american way of life", der im endeffekt ressourcenverschleuderung bedeutet.
und viele popkünstler kann man sicher nicht als "unangepasst" bezeichnen. die gehören auch zur kunst und propagieren sogar noch ressourcenverschwendung. wieviele musikvideos gibt es`zb, wo man mit einem dicken schlitten dahinfährt
ich bin kein anhänger des nordkoreanischen regimes, aber diese verlogenheit stört mich.

Chien de Pique
07
18.5.2010, 18:30

Der Unterschied ist, dass die Kunst der "Amis" nicht in Staatsdiensten steht und vielfach vielmehr in ausdrücklicher kritischer Opposition zum Handeln und der Ideologie des Staates. Selbst affirmative "patriotische" Kunst ist in aller Regel keine Auftragskunst der Obrigkeit, sondern Ausdruck von tatsächlicher Überzeugung oder steht schlimmstenfalls im Dienst des Kommerzes.

Fred Wirtschaftsflüchtling
04
18.5.2010, 17:35
Und die Folgeausstellung beleuchtet die Kunst um Adolfs schönste Jahre!?

politisch verfolgt
04
18.5.2010, 17:29
ich sags mal deftig:

diese art kunst ist mist.
ästhetisch sowieso und insbesondere nach geltenden linksliberalen sichtweisen kann eine von einem diktator gutgeheißene arbeit niemals kunst sein, denn kunst muß doch aufrütteln und politische gegenpositionen beziehen. sagen sonst immer typen wie dieser noever.

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