"Es war ein ständiges Ringen um Vertrauen"

17. Mai 2010, 18:12
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Peter Noever anlässlich der Ausstellungseröffnung über gesellschaftliche Reife, kritische Kommentare und den Stellenwert nordkoreanischer Kunst - Im Interview

Standard: Sie wurden in den letzten Wochen für Ihre Ausstellung nordkoreanischer Kunst ziemlich geprügelt. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Noever: Nein. Ich stehe zu dem, was ich tue. Wenn man sich auf so etwas einlässt, ist es im Grunde wie mit jedem anderen Museum: Wenn ich vom Guggenheim eine Ausstellung übernehmen will, diktiert es, unter welchen Prämissen. Dann wird verhandelt. Aber wir müssen achten, dass wir nicht selber zu dem werden, was wir kritisieren; dass wir selber Bestimmtes ausgrenzen und ablehnen. Es würde einer geistigen Zensur nahe kommen, sich damit nicth auseinandersetzen zu dürfen. Das halte ich für das Schlimmste. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich durch das Andere, das Fremde erst selbst erkennt.

Standard: Kann man dabei, wie man Ihnen vorwirft, das Terrorregime ausblenden?

Noever: Nein, im Gegenteil. Man muss es einblenden. Diese Ausstellung provoziert doch erst, sich wieder eingehend mit Nordkorea zu beschäftigen. Man hätte, wenn man gewollt hätte, in den vergangenen Jahren viele Maßnahmen setzen können, von denen man jetzt sagt, die Ausstellung müsse sie erfüllen. Ich glaube, unsere Gesellschaft ist reif genug dafür. Sonst gäbe es keine auch noch so marginale Bewegung, und man würde auch in den nächsten vierzig Jahren auf beiden Seiten immer alles wiederholen.

Standard: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee zu dieser Ausstellung gekommen?

Noever: Ich war zu einem Vortrag in Japan eingeladen und habe mich spontan zu einer Reise nach Nordkorea entschieden - was gar nicht leicht war, weil in erster Linie Delegationen empfangen werden. Also bin ich letztlich als Einmanndelegation eingereist. Ich habe die Nationalgalerie besucht und die Dolmetscherin gebeten, mich mit dem Direktor bekanntzumachen, der mir Dinge gezeigt hat, die man sonst nicht sehen konnte. Das war das Schlüsselerlebnis: Etwas, das so verborgen vor der Welt ist, muss dringendst gezeigt und zur Diskussion gestellt werden.

Standard: Wie schwierig war die Realisation?

Noever: Ich habe ab der ersten Sekunde an diese Ausstellung geglaubt, aber es gab in der vierjährigen Vorbereitungszeit extreme Rückschläge. Es war ein ständiges Ringen um Inhalt, um Werke, um Auftritt - und um gegenseitiges Vertrauen. Immerhin stellt Nordkorea erstmals seine Kunst, seine Kultur, sein Selbstverständnis zur Diskussion. Man muss schon konzedieren, dass es ein riesiger Schritt war, die Bilder außer Landes zu lassen, vor allem jene 16 von Kim Il-sung und Kim Jong-il, von denen selbst in Pjöngjang nur vier ausgestellt werden. Aber es gab keine einzige Phase, in der wirklich sicher war, dass die Ausstellung stattfindet.

Standard: Und: Wird Sie heute Abend eröffnet?

Noever: Sicher ist nichts, aber ich denke: ja. Als ich mit einer nordkoreanischen Delegation rund um den Direktor der Nationalgalerie durch unsere Ausstellung gegangen bin, habe ich bemerkt; sie haben eine völlig andere Sicht der Dinge. Der Direktor wollte Bilder herein- oder hinausreklamieren. Einige Texte empfindet er als beleidigend für sein Volk.

Standard: Apropos Texte: Hier vermisst man kritische Kommentare im Katalog.

Noever: Das finde ich vermessen. Das macht man doch auch nicht bei einem westlichen Künstler. Und es geht schließlich um Künstler. Wir haben uns darauf konzentriert, einigermaßen anständig die Kunst auszustellen. Anhand dessen gibt es nun viele Möglichkeiten der Reflexion. Wir veranstalten auch ein Symposium mit internationalen Experten.

Standard: Welche Rolle spielt die Kunst in Nordkorea?

Noever: Die Künstler sind dort wie Spitzensportler. Und natürlich machen sie Staatskunst, die belehren soll und affirmativ ist. Abstrakte Kunst gibt es nicht. Aber im Grunde ist der Unterschied marginal: Durch die Künstler unserer Gesellschaft erkennt man die Gesellschaft, das gilt in gleichem Maße für die Kunst der Demokratischen Volksrepublik Korea.

(Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe,18.05.2010)

Zur Person:
Peter Noever, geb. 1941 in Tirol, ist der längstdienende Museumsdirektor Österreichs. Seit dem Jahr 1986 leitet er das Mak, nächstes Jahr endet sein Vertrag.

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Auch China geht auf Distanz zu Diktator Kim Jong-il

  • "Abstrakte Kunst gibt es nicht": Ri Tong Gons Bild "Frühmorgens"  
(2010), das ab Dienstag in der Ausstellung "Blumen für Kim Il Sung"  im Mak
 zu sehen ist.
    foto: korean art gallery, pjöngjang

    "Abstrakte Kunst gibt es nicht": Ri Tong Gons Bild "Frühmorgens" (2010), das ab Dienstag in der Ausstellung "Blumen für Kim Il Sung" im Mak zu sehen ist.

  • "In Nordkorea weiß man nie, ob etwas stimmt": Alfred Pfabigan im Gespräch über Nordkorea und die Mak-Ausstellung

     

    Im Sommer 1982 lud die Vereinigung nordkoreanischer Sozialwissenschafter vier österreichische Philosophen - unter ihnen der Wiener Professor Alfred Pfabigan - für einen Monat nach Nordkorea ein.

    Grund und Ziel der Reise war es, den Europäern das Studium von Dschutsche, der Philosophie des "geliebten und verehrten Führers Kim Il-sung" , zu ermöglichen. Schlaflos in Pjöngjang (Brandstätter-Verlag) heißt das nur mehr antiquarisch erhältliche Buch, das Pfabigan über seine Erfahrungen in diesen vier Wochen schrieb.

    Der Band ist alles andere als die Verarbeitung einer "Bildungsreise" , vielmehr schildert Pfabigan, wie ein lückenloses Leitungssystem nicht nur die Wahrnehmung der Gäste, sondern auch der Bevölkerung steuert - dies vor allem über Dschutsche, das gern als auf Autarkie des Landes angelegtes Staatsdogma gesehen wird, allerdings ein gigantisches, auf den "geliebten Führer" zentriertes selbstreferenzielles System ist, in dem ein Außen nicht existiert, nicht existieren darf.

    Entsprechend groß ist der Affirmationsdruck. Zehntausende Nordkoreaner sind in "Umerziehungs" - und anderen Lagern interniert, es gilt Sippenhaft, oft werden ganze Familien samt den Kindern eingesperrt.

    Alfred Pfabigan, der beide Teile Koreas kennt und bereiste, sagt: "Der Satz, dass das Private politisch ist, wird in keinem Land so ernst genommen wie in Nordkorea. Es handelt sich um eine ungeheure Überwachungsgesellschaft. In Nordkorea weiß man nie, ob etwas stimmt."

    Und die Kunst, der er im Buch zahlreiche Passagen widmete? "Früher war die ganze Kunst Tendenzkunst, von Belehrung nicht zu trennen." Bei der Ausstellung im Mak, Teile davon hat Pfabigan vorab gesehen, zeige sich, dass es mittlerweile eine Art eigenständige "Kunst-Kunst" gebe.

    Die Frage, ob man einem totalitären Regime mit einer Ausstellung eine Plattform geben darf, scheint Pfabigan uninteressant. "Natürlich wird ein Selbstbild vermittelt" , doch auch die Biennale vermittle kein Bild von Österreich "as it is" . Es ginge immer um Selbst- und Wunschbilder.

    Und: "Wissen Sie, ich wüsste gern, wer den Titel Blumen für Kim Il Sung ausgewählt hat, denn dieser hat, wie beispielsweise Mel Brooks Frühling für Hitler, ein hohes ironisches Potenzial" , das, so Pfabigan, sollte man mitbedenken. (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 18.05.2010)

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