Macht schlank und Gestank

18. Mai 2010, 16:05
17 Postings

Harald Fidler hatte es wieder einmal im Urin: Allerhöchste Zeit für bleiche Stängel

"Do you realize that for the next five hours, our urine is going to smell exactly alike?" Das ist doch ein schöner Satz für ein erstes Gespräch mit einem Menschen, der einen nicht nur geschäftlich interessiert. Stammt, wie Sie sicher längst wussten, aus Tom Robbins fröhlichem Buch "Half Asleep In Frog Pajamas". Es passt ganz gut in diese Zeit, weil's da nicht zuletzt um Broker und Börsekrach geht. Besser noch passt es, siehe oben, natürlich in die Spargelzeit.

Die Frau stinkt nicht

Larry Diamonds etwas forsche Kennenlern-Prognose war übrigens ein bisschen gewagt, wenn auch nicht hoch spekulativ, aber so sind sie nun einmal, die Finanzhaie und Börsenzocker. Bei der Vegetarierin an meiner Seite zum Beispiel hätte sich Herr Diamond verspekuliert. Ja, auch da stimmen wir nicht überein.

Denn, so klärt mich (und damit irgendwie auch Herrn Diamond) mein Universalgelehrter Klaus Taschwer auf: "Bei knapp der Hälfte der Menschen tritt nach dem Verzehr von Spargel ein charakteristischer Geruch des Urins auf." Der Geruch, teilt mir Herr Taschwer mit, ist auf  Abbauprodukte wie S-Methyl-thioacrylat sowie auf dessen Methanthiol-Additionsprodukt S-Methyl-3-(methylthio)thiopropionat zurückzuführen. Die Fähigkeit zum Abbau dieser Substanzen wird dominant vererbt. Wenn ich mich doch noch vermehren sollte, kann ich also davon ausgehen, dass ich dereinst nach dem Spargelessen im Familienkreise nicht alleine schuld am strengen Geruch am stillen Orte sein werde. Esse ich hingegen bei den Schwiegereltern Spargel - ach, egal.

Spargel-Diät

Gestank ist natürlich nicht die wesentlichste Eigenschaft des Zusammenspiels von Stängel und Mensch. Spargel macht auch schlank. Jedenfalls ohne Hollandaise. Und jedenfalls den Spargelbauern: Sechs Wochen im Jahr hat Gerhard Malafa, einer der größeren der Branche, Hochsaison. Und zwar genau jetzt. Ein paar Kilo hat er schon abgenommen, ausgeruht und frisch wie der junge Frühling sieht der Mann derzeit auch nicht aus, als wir ihn vergangenes Wochenende beim alljährlichen Spargelfest besuchen. Ein Spargelbauer hat ja gerade sonst nichts zu tun, da geht sich auch noch eine Feier aus. Aber bei der hilft immerhin ein Schippel Freiwilliger aus Goldgeben und Umgebung.

Malafa jongliert in der Zwischenzeit mit vielen Dutzend Tonnen Spargel. Jedenfalls lässt er jonglieren. Seine Saisonarbeiterinnen und -arbeiter. Und ziemlich viel Technik. Man glaubt ja gar nicht, wofür der Mensch Maschinen erfindet. Zum Beispiel eine, die jeden einlangenden Stängel mit 20 Kameraaugen mustert und in 20 Typen vom Obersupersolospargel abwärts sortiert. Man glaubt ja gar nicht, jedenfalls als praktizierender Universaldilettant, wieviele Sorten Spargel der Mensch klassifizieren kann.

Noch ein bisschen weniger für den Hausgebrauch geeignet ist Malafas Maschine, die den Spargel so sortiert, dass ein Bündel möglichst exakt ein halbes Kilo hat. Braucht man eher selten, und ein Anbau empfiehlt sich auch, um das doch recht sperrige Ding unterzubringen. 

Die Häutung für Laser

Malafas vollautomatischen Spargelschäler (wenn ich mich recht erinnere ist da auch Laser im Spiel) fänden bestimmt viele Menschen praktisch, er ist halt nur ungefähr 8000 Mal größer als ein Spar-Schäler und passt deshalb in die allerwenigsten Besteckladen. Ein bisschen teurer dürfte er mir auch sein. Dafür sieht man dann die weiße Stange durch ein Spalier senkrechter Rollen waagrecht schwebend in die Nacktheit flitzen. Ich weiß, das ist jetzt ein bisschen schwer vorzustellen. Aber meine Kamera hat gestreikt. Mag vielleicht keinen Spargel. Also kein Foto von der Spargelmaschine. Und auch keines von Herrn Malafa. Müde dreinschauen können wir selbst auch sehr gut.

Größe entscheidet auch beim Spargelfest, womit wir jetzt endlich beim Essen wären: Eine auch als Kinderbecken verwendbare Pfanne voller Spargel-Farfalle steht da zum Beispiel, die Vegetarierin war begeistert. Ich bin ja nicht der beste Freund der Oberssauce, aber das Nudelgericht waren schon sehr anständig. Spargelsalat, auch fein. Und weil ich schon immer gern ein Gourmet sein wollte, kommt dann noch der gleichnamige Teller obendrauf.

In Goldgeben heißt Gourmetteller: Vier schöne Stangen Spargel (vier aus 20, quasi), Schweinsbraten, Reis, fertig. Unter der ansehnlicheren, aber etwas trockeneren Schweineschnitte liegt noch ein  Mini-Fleischkern im Maxi-Fettmantel. Sehr saftig, das Fleisch, wenn man es im großen Gewabbel identifiziert hat. Und der Spargel, klar, wie er sein soll. Man sitzt ja praktisch an der Quelle. Ihr Wasser riecht halt nicht immer ganz frisch.

 

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Da waltete Malafas Sortiermaschine ihres Amtes.
    foto: fidler

    Da waltete Malafas Sortiermaschine ihres Amtes.

  • Und hier das Ergebnis der Wiege-Präzisionsarbeit.
    foto: fidler

    Und hier das Ergebnis der Wiege-Präzisionsarbeit.

  • Anstehen für's Spargelfest-Buffet bei Malafas.
    foto: fidler

    Anstehen für's Spargelfest-Buffet bei Malafas.

  • Spargelsalat im Sonntagsstaat, quasi.
    foto: fidler

    Spargelsalat im Sonntagsstaat, quasi.

  • Optisch nicht ganz so schick, aber Geschmack sehr ordentlich.
    foto: fidler

    Optisch nicht ganz so schick, aber Geschmack sehr ordentlich.

  • So sieht ein Gourmetteller beim Spargelfest aus.
    foto: fidler

    So sieht ein Gourmetteller beim Spargelfest aus.

    Share if you care.