Flexibilität, Autonomie und Zitronenlimo

  • Flexibilität erleichtert das Leben in Brasilien - auch das dieses Baumes der Liebe (Árvore do amor) in Touros, der sich an die Gegebenheiten des Windes angepasst hat.
    foto: mirjam harmtodt

    Flexibilität erleichtert das Leben in Brasilien - auch das dieses Baumes der Liebe (Árvore do amor) in Touros, der sich an die Gegebenheiten des Windes angepasst hat.

  • Toleranz und Flexibilität machen vieles einfacher.
    foto: mirjam harmtodt

    Toleranz und Flexibilität machen vieles einfacher.

Nach drei Monaten haben wir einige Erfahrungen gemacht - Fabio mit Österreicherinnen, die keine "Marionetten" sein wollen, ich mit Zitronenlimonade

Unsere Zeit in Brasilien ist beinahe vorbei. Nach drei Monaten fliegen wir am kommenden Wochenende wieder nach Wien. Ein guter Moment, um ein wenig über die Reise nachzudenken. Mirjam und Fabio erzählen von ihren Eindrücken.

Fabio: Gratisticket zu neuen Erfahungen

Wenn wir uns dazu entscheiden, eine Reise zu machen, unabhängig wohin, müssen wir uns dazu bereit erklären, dem Unbekannten zu begegnen. Die Tatsache, Kontakt mit dem Fremden zu haben, und das in einem Gebiet, wo wir die sozialen Codes nicht kennen, macht uns oft in unserem Handeln unsicher und daher anfällig für Fehler. Auf der anderen Seite können wir in der Fremde Neues, manchmal Exotisches, andere Male auch Aggressives entdecken, das aber immer reich an neuen Erfahrungen sein wird.

Ich hatte die Gelegenheit, mehr als 6000 Kilometer während drei Monaten mit Mirjam durch Teile Brasiliens zu reisen. In dieser Zeit besuchte uns auch eine Freundin aus Wien. Ich bin sicher, meine Erfahrung des Reisens mit Österreichern in Brasilien sind gering und vielleicht sollte ich sie nicht einmal kommentieren, aber zwei Eigenheiten dieser Frauen haben mich besonders beschäftigt. Ich war sehr überrascht, dass beide über absolut alles, was um sie herum geschah, Bescheid wissen wollten. Natürlich suchen wir, wenn wir reisen, grundlegende Informationen über Ernährung, soziale Codes und örtliche Besonderheiten. Aber wenn man alle Details kennt, verliert man auch die Möglichkeit der Begegnung mit dem Unbekannten. Wo ist der Raum für Überraschung, der Schock des Neuen? Kann es sein, dass es eine Charaktereigenschaft der ÖsterreicherInnen ist, alles wissen zu wollen, egal ob sie in Österreich oder auf Reisen sind?

Ein weiteres Merkmal, das mir bei den beiden Reisenden auffiel, war zu viel Autonomie in ihren Entscheidungen und Aktionen. Ich denke, obwohl wir unsere persönlichen Reise- und Lebenserfahrungen haben, sollten wir doch auch auf die Ratschläge anderer hören und den Anweisungen der Menschen um uns herum "gehorchen". Manchmal muss man eine "Marionette" sein. Das bedeutet nicht, dass eine Person ihre Autonomie verliert, sondern dass sie auf diese Weise die bestmögliche Entscheidung zum gegebenen Zeitpunkt treffen kann. Bedeutet Autonomie, dass eine Person Entscheidungen selbständig treffen kann, oder bedeutet Autonomie dass eine Person, nur weil sie erwachsen und unabhängig ist, Entscheidungen treffen muss? Kann es sein, dass die ÖsterreichInnen dann autonom sind, wenn sie "Ratschläge" von anderen ablehnen?

Nach den drei Monaten des Reisens kann ich sagen, dass meine Begegnung mit dem Fremden unvergesslich war. Trotz einiger schwieriger Momente unseres Zusammenlebens, bedingt duch die kulturellen Differenzen zwischen einem brasilianischen Mann und einer Frau aus Österreich, kann ich sagen, dass ich mich für eine weitere Reise mit ihr entscheiden würde. Mirjam hat sich vom Unbekannten mitreißen lassen und es nicht zurückgewiesen. Im Gegenteil. Sie wollte das Neue kennen lernen, obwohl sie sich auch häufig über Dinge beklagt hat, von denen sie, noch in Österreich, nie gedacht hätte, dass sie geschehen würden. Ich bin sicher, Mirjam hat nach dieser Reise eine klarere Sicht der Dinge und weniger Vorurteile, die uns oft die Möglichkeit nehmen, unvoreingenommen das Neue und Fremde kennen zu lernen. 

Um Neues zu entdecken, muss man Österreich nicht verlassen. Die Reise besteht darin, sich dem Unbekannten zu öffnen und es zuzulassen. Das Ticket zu neuen Erfahrungen ist gratis. (Fabio Fonseca Figueiredo)

Mirjam: Die Leidenschaft fürs Nicht-Tun

Bis vor drei Monaten dachte ich, ich sei eine weltoffene, tolerante, vorurteilsfreie und entspannte Reisende. Inzwischen bin ich mir dessen nicht mehr so sicher. Brasilien hat mich auf den Boden meiner eigenen Unzulänglichkeiten zurückgeholt, mich mit einer Realität konfrontiert, die sich nicht um Herkunft, kulturellen Hintergrund und Erziehung kümmert.

Dass in Brasilien die Uhren anders gehen als zu Hause war mir bewusst, dass die Uhren aber manchmal rückwärts laufen, manchmal stehen bleiben oder wie verrückt rotieren und sich das in unvorhersehbarer Plötzlichkeit ändern kann - und wird - war mein ganz persönlicher Kulturschock. Es erfordert einiges an Lernwilligkeit, zu akzeptieren, dass sich ein Brasilianer nicht festmachen lässt. Sagt er, er kommt um drei, dann kommt er auf jeden Fall um einiges später oder auch gar nicht. Sagt ein Brasilianer, er möchte am Nachmittag an den Strand, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er den Nachmittag schnarchend in der Hängematte verstreichen lässt relativ hoch. Ich als Österreicherin, die Pünktlichkeit und absolute Zuverlässigkeit gewohnt ist, musste in Brasilien erkennen, wie niedrig meine Toleranzgrenze in all diesen Dingen liegt.

Es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass viele Tage einfach nur vergehen, ohne dass irgendetwas wesentliches geschieht. Für mich war sehr bald klar, dass ein brasilianisches Jahr 730 Tage umfasst, ein brasilianisches Menschenleben 160 Jahre dauert und ein brasilianischer Tag 48 Stunden haben muss. Anders kann ich mir diese Leidenschaft fürs Nichtstun, Zeit verstreifen lassen und auf später verschieben nicht erklären. Ich kam mit dem Grundsatz "carpe diem" ins Land. Das war das erste, das ich sausen lassen musste, wollte ich nicht einen Herzinfarkt oder eine schwere Depression erleiden. Also habe ich begonnen, mein Denken zu andern, habe aufgehört, darüber nachzudenken, was alles sein könnte, was man alles tun könnte, was man alles erleben könnte und habe begonnen, das anzunehmen, was sich gerade angeboten hat.

Dabei war mir aber im Laufe der Zeit auch mehr und mehr klar, dass selbst Dinge, die gerade passieren, ganz plötzlich vorbei sein können - in Brasilien ist nichts in Zement gegossen, alles fließt, alles ist im ständigen Wandel und Flexibilität ist eine Grundeigenschaft, die man sich ganz schnell aneignen sollte, will man nicht laufend und sehr heftig vor den Kopf gestoßen werden. Erstaunlicherweise funktionieren die wesentlichen Dinge trotzdem und viele Male hat sich am Ende herausgestellt, dass alle Sorge umsonst war und ich mich völlig grundlos unheimlich gestresst habe. Eines meiner Hauptprobleme war der Mangel an Information. Die Dinge weden nicht besprochen sondern einfach gemacht - oder auch nicht. Und als der Sprache nicht mächtige Europäerin stand ich oft ahnungslos daneben und wusste nicht, wie mir geschah.

Fabio hat viele Male versucht, mir zu erklären, wie man in Brasilien trotz all dieser Schwierigkeiten glücklich leben und das Land genießen kann. Ich habe es in den drei Monaten nicht geschafft, über ein Niveau des Akzeptierens hinaus zu kommen. Die Menschen hier sind sehr hilfsbereit - auf ihre Art und Weise. Man muss blind vertrauen, hat wenig Einfluss auf den Lauf der Dinge und auf wundersame Art und Weise, die ich mir nicht erklären kann, gibt es für alle Probleme eine Lösung. Während ich aus Angst, den Flieger zu verpassen, in Panik erzittere, bleiben die Brasilianer auch im Verkehrsstau ganz entspannt, machen ihre Scherze und kommen am Ende immer rechtzeitig zum Flughafen. Bei mir hat das für einige Verwirrung gesorgt, da ich immer wieder feststellen musste, dass Stress und Aufregung völlig unnötig sind, weil die Dinge letztendlich ja doch funktionieren.

Nach drei Monaten in Brasilien, in denen ich gelernt habe, den Dingen weniger Bedeutung beizumessen, bin ich mittlerweile soweit, dass es auch für mich nicht mehr so wichtig ist, ob die Dinge genau so ablaufen, wie ursprünglich geplant oder nicht. Wenn man Pläne macht, sollte man davon ausgehen, dass sie nicht umgesetzt werden, dabei aber trotzdem bis zum letzten Moment den Glauben an eine Realisierung nicht verlieren. Nicht alles, was man sich in den Kopf gesetzt hat, ist immer möglich, aber man kann die Möglichkeiten, die sich einem bieten, nutzen.

Meine Freundin hat mir ein treffendes Zitat von Dale Carnegie dagelassen: "Wenn das Schicksal uns eine Zitrone gibt - machen wir Zitronenlimonade daraus!" Mittlerweile bin ich echt gut darin, Limonade zuzubereiten. (Mirjam Harmtodt/derStandard.at/18.05.2010

Share if you care