Nach dem Staatsbankrott

17. Mai 2010 17:56

Das Leben geht auch nach nationalen Katastrophen weiter, aber wie? Erfahrungen aus Argentinien 2001-2010.

Nichts war lehrreicher, als März/April 2010 bei einer Familie in Argentinien zu leben, einst eines der reichsten Länder weltweit. Nach dem Staatsbankrott 2001 hat sich die Welt für Normalbürger radikal verändert: Anfang 2002 bis 12 Prozent Rezession, 21 Prozent weniger BIP, 41 Prozent Inflation, 23 Prozent Kaufkraftverlust, 23 Prozent Arbeitslosigkeit, bis 57 Prozent Armut, Elendsrate 28 Prozent. Unterernährte Kinder. Plünderungen von Supermärkten. Zig Tote bei gewaltsamen Unruhen. Fünf Präsidenten in 13 Tagen.

Vor dem großen Krach waren die Zinsen auf Staatsanleihen bei 19,1 Prozent (18,6 Prozent zuletzt in Griechenland), die Staatsschuldenquote bei nur 55 Prozent.

Seit diesem Trauma, trotz Wiederaufschwungs, ein anderer Alltag: Protestbewegungen Arbeitsloser (Piqueteros) beeinflussen die Politik. Taglöhner (Changueros) und neue, teils mafiös organisierte Elendsberufe wie die Cartoneros (Müllstierler nach recycelbarem Papier und Karton) entstanden.

Alle, insbesondere die Mittelschichten misstrauen dem Staat - und den Banken. Bare Pesos und Dollars werden im Kuvert im Schreibtisch gehortet: wer weiß, ob man sie jederzeit abheben könnte - oder jemals wieder sieht. Wut, Hass und vor allem Panik führten zu Dollarkäufen und Geldverlagerung auch kleiner und mittlerer Sparer ins Ausland. Der berüchtigte Corralón hat den Pauschalverdacht jederzeitiger Enteigenbarkeit von Geldvermögen bestätigt: die zwangsweise Umwandlung von Konten über einem bestimmtem Betrag in festverzinsliche Sparbücher oder Wertpapiere mit Rückgabefristen bis 2010. Dollarkonten wurden durch den Umtauschkurs 1:1,4 bei realem Wechselkurs von 1:4 de facto teilenteignet, privaten Gläubigern drastische Umschuldungsangebote (Canje) aufgenötigt, während Weltbank- und IWF-Schulden verspätet aber voll bezahlt wurden. Die Kapitalschnitte für Staatsanleihen an Staatsbürger waren 30 bis 70 Prozent.

"Cash is King" und Cash Businesses (Schattenwirtschaft, Geschäfte im Geschäft) blühen - bis auch das Bargeld ausgeht. Bis heute kriegt man dann von Zuckerln bis nutzlosen Gutscheinen alles für fehlende Münzen oder Scheine. Viele Preise werden nach tarjeta vs. effetivos differenziert: Barzahlung kostet oft um zig Prozent weniger als mit Kreditkarte - was Finanzinspektoren als Hinweis auf das Ausmaß der Schwarzgeldgeschäfte im jeweiligen Laden lesen könnten, soweit sie nicht dumm oder korrupt sind.

Auch die einst auf 250 Pesos (50 Euro) beschränkten Geldabhebmöglichkeiten (Corralito) gegen Kapitalflucht und Kollaps der Giro- und Sparkonten wirken bis heute durch Abgaben auf Kleinsttransaktionen. Ersatzwährungen wie der Crédito haben sich, qua Dachverband oft aus Tauschringen in Städten und Stadtteilen, herausgebildet.

Weiterhin "schönt" das Nationale Institut für Statistik und Volkszählung INDEC amtlich zum Beispiel die Inflationsstatistiken: im Jahre 2008 wurde die von Experten auf 23 Prozent kalkulierte Teuerung auf offizielle 7,2 Prozent heruntergerechnet. So schamlos wie Argentinien selbst nach dem Bankrott trieben es die griechischen Fälscher mit Hilfe der "Golden Sacks" nicht einmal vor dem vorerst ausgebliebenen Knall. Argentinien nach 2001 könnten wir auch in Europa erleben, bei einem Crash vergleichbarer Größe freilich viel schlimmer. (Bernd Marin, DER STANDARD, Printausgabe, 18.5.2010)

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blackbeauty3
18.05.2010 21:08
Mark Weisbrot

Lest den
grandiosen Artikel von Mark Weisbrot über die seinerzeitige Krise in Argentinien, hervorgerufen durch ein Kaputtsparen. Nach einer radikalen
Abwertung (auch der Schulden) hat sich das Land wieder schnell erholt. Ich habe das seinerzeit mit großem Interesse verfolgt.
Bernd Marin macht daraus einen Staatsbankrott, der das Land ins Elend getrieben hat.
Das ist einmal ein klares Beispiel dafür, wie in den Einheitsmedien die Wahrheit schon mehr als verdreht wird.
Um das plumpe Volk auf einen sogenannten Sparkurs einzustimmen, der eine Umverteilung von unten nach oben ist.

Spinndoktor
18.05.2010 18:39
Crusty?

Du wieder hier?

Michael B
18.05.2010 13:31
WAS will Herr Marin uns damit sagen?

Mario Gonzales
18.05.2010 13:44
z.B.:

daß es nicht geht, daß das durchschnittliche Pensionsantrittsalter bei der ÖBB im Jahr 2009 exakt 52 Jahre betrug?

Michael B
18.05.2010 15:26
DAS ist die Lehre aus dem Staatsbankrott von Argentinien?

Und es ist also folglich das Pensionsantrittsalter bei den ÖBB auch ursächlich für die notwendig gewordenen "Bankenpakete" in der Höhe von bisher gut 150 Milliarden Euro??

Ein Lösungsvorschlag: Wir versprechen JEDEM ÖBBler eine Prämie von 1 Million Euro, damit er erst mit 65 in Pension geht. Das wäre immer noch um 110 Milliarden billiger...

Mario Gonzales
18.05.2010 18:15
der kleine Unterschied

zwischen Haftung und Ausgabe ist nicht außer Acht zu lassen.

Wissen sie, was ich jedem ÖBBler, bis auf ev. 3000 Mitarbeiter da versprechen würde: einen Termin am AMS.

Derzeit kosten uns, wie den heutigen Medien zu entnehmen, 110.000 ÖBB-Mitarbeiter (davon 40.000 Aktive, 70.000 im Ruhestand (das Durchschnittsalter dieser 70.000 wird vermutlich unter 65 liegen!)) € 25.500,- pro Person pro Jahr kosten. Jeder ASVG-Pensionist 2.500 pro Jahr.

Käpt`n Blaubär
18.05.2010 12:02
wolkenberg
18.05.2010 13:56

ja, gut, dass sie's posten - aber kann marin das verstehen?

Werner Lischka
18.05.2010 11:31
tut mir leid - aber äpfel kann man nicht mit birnen...

... vergleichen. argentinien und die eu sind 2 paar schuhe.
wenn einer internationalen bnak der zugang zum argentinischen markt verwehrt wird, tut das nicht weh - wenn die city-group in der eu keine geschäfte mehr machen darf ist das ein anderer schuh.
man kann sich sehr wohl vom internat. geldmarkt abkoppeln - wenn der eigene markt und die industrieleistung gross genug sind (siehe china). das kann die eu auch (und gb sollte eher die mitgliedschaft i.d. nafta oder gleich den usa anstreben). pech f.d. darlehensgeber - aber dafür werden ja auch zinsen verlangt!

crazzta zasta
18.05.2010 10:51
filmtipp

Memoria del saqueo
http://www.imdb.com/title/tt0400647/

Einfach Gonzales
18.05.2010 10:17

Zum Teil wörtlich aus der Wikipedia übernommen, dann aber wesentliches ausgeklammert (Verschleuderung von Staatsvermöge, feste Wechselkurse etc.).

suboptimal
 
18.05.2010 11:03
Einfach Gonzales
18.05.2010 18:40

Ich auch.

the comedian
 
18.05.2010 10:05
herr marin gehen sie in pension

und belehren sie ihre enkel, ueber das unheil das die neoliberale menem regierung der 90er ueber argentinien brachte.

Erwin Wolfram
18.05.2010 10:00

na sowas, der herr marin hat vergessen zu erwaehnen welche persoenlichkeiten argentiniens den weg ins exil genommen haben und welche davon gut dotiert...

her wig
18.05.2010 08:59
Ja, und? Nicht jeder Staatsbankrott verläuft so wie der in Argentinien.

Ich lasse die anvisierte Ohmeingottstehunsbei-Dramatik erstmal aussen vor und warte darauf, dass Herr Marin die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Argentinien, anderen Staatsbankrotten und Griechenland herausarbeitet. Dann können wir weiter reden.

Ludovico Settembrini
18.05.2010 02:40
irgendwie

les ich da ein bissl begeisterung durch... mir scheints als freut sich herr marin, dass die dummen normalos die nie hoeren wollen eins auf die ruebe bekommen.

die normalos haben aber viel weniger zu verlieren als die oberschicht und die abzocker.

auf fussballplatz getrimmt (fussball ist ja in argentinien auch voll super) koennte man sagen: "die normalos wissen wo eure autos stehen"

Totaler Durchblicksstrudel
 
18.05.2010 10:10

Die "oberschicht" hat ihr Geld ohnedies im sicheren Ausland, bzw. in unbaren Vermögen.
Eine Facette an dieser Art von "Verwerfung"* ist eben, dass die Starken gestärkt aus der Krise hervor gehen! Einhergehen tut damit die Enteignung und Entmachtung besonders der Mittelschicht!

*eben ohne Umsturz, bzw. Revolution

ravenna
18.05.2010 08:31

Das lesen halt Sie, weil Sie es lesen wollen bzw. dem Marin unterstellen. Mein "Leseerlebnis" war komplett konträr zu dem Ihren.

Philipp Gudenus
 
18.05.2010 08:20
Es wird gelesen,

nun man ist begeistert

Graf Gudenus

elDiez
18.05.2010 03:30

chè, warum nicht ein beispiel nehmen?
chicas calientes und tango
statt schotter katzen und schuhplattler.

und das mit dem wetter bekommen wir auch noch hin.. versprochen.

Schäferhund vom Pavillon E
17.05.2010 23:19
Europa steht ganz anders da.

Nicht, weil bei uns die Ökonomie mit anderen Regeln funktioniert, sondern weil wir aufgrund unserer Größe andere Rahmenbedingungen haben.

Argentinien ist mM eher das Beispiel was passiert wenn Griechenland oder vielleicht sogar ein Staat wie Deutschland einen Eigenwährungskredit geht (gegangen wird)

Rumfort
17.05.2010 22:39

Danke, Herr Marin!

Ich hoffe wirklich, Neugebauer, Khol und Blecha lesen dies auch.

Griechenland darf nicht Kärnten werden!
17.05.2010 23:10

Es wird aber nichts an ihrer apokalyptischen Mentalität verändern: après nous le déluge!

Melvin Lasky
17.05.2010 21:15
Ahnungslose Argentinier...

Es ist ja immer ein Vergnügen die luziden und faktengesättigten Abalysen von Marin zu lesen. Was aber die Argentinier betrifft, so sollten sie eher die Standardforen zur Kenntnis nehmen, dann wüßten sie nämlich, dass es ihr Fluchtgeld, US-Dollars, gar nicht mehr gibt ("Walter Bimini"). In den Standardforen vermählen sich aufs trefflichste die profunden Analysen der großen Männer der Vergangenhait: Lenin, Stalin, Hitler etc, mit dem ökonomischen Sachverstand des Polytechnikums und der seligen "Volksstimme" zur Conclusio: Der US-Dollar ist ein Schmäh von gewissen Kreisen der Ostküste! Hallo Argentinier! Aufwachen!

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