"Im Web ist man nicht auf Laufkundschaft angewiesen"

25. Mai 2010, 10:18
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Der Blogger und Autor Holm Friebe stellte sich im derStandard.at-Chat in Kooperation mit der Beratergruppe Neuwaldegg den Fragen der UserInnen zur neuen Arbeitswelt

"Vieles ist an einer Fixanstellung schlecht", meint Holm Friebe im Chat. Besonders störe das zerhackte, stressverseuchte Arbeiten in hierarchischen Systemen, wo die Politik den Anteil wirklich produktiver Arbeit überwiege. Für ihn ist eine neue Art des Unternehmertums, die "Digitale Bohème" die neue Form der Freiheit: Arbeiten im und Leben vom Internet. Friebe favorisiert den Coworking-Trend: "Soloselbstständige teilen sich Räume und Ressourcen und arbeiten gemeinsam, wenn auch nicht wirklich zusammen." Auf die Kritik, dass zuviel Flexibilität prekär sein könnte, meint er ständige Erreichbarkeit sei Definitionsfrage. Er selbst entscheidet in einer Art Schiedsgericht täglich am Morgen, was sein Tag bringt.

ModeratorIn: derStandard.at begrüßt den Blogger und Autor Holm Friebe im Chat zur neuen Arbeitswelt. Wir bitten die UserInnen um Fragen...

Holm Friebe: Hallo, zusammen, allerseits.

UserInnenfrage per Mail: Wieviele Stunden arbeiten Sie durchschnittlich pro Woche? Sind Sie immer für Kunden und Kollegen erreichbar?

Holm Friebe: "Immer erreichbar" ist eine Definitonsfrage. Ich beantworte Mails innerhalb eines Tages und gehe selten ans Telefon. Effektiv arbeite ich vielleicht vier Stunden am Tag. Die dann aber auch effektiv.

UserInnenfrage per Mail: Sie sagen: Etwas Besseres als die Fixanstellung finden wir allemal: Was ist denn so schlecht an der Fixanstellung?

Holm Friebe: O vieles. Das zerhackte, stressverseuchte Arbeiten in hierarchischen Systemen, wo die Politik den Anteil wirklich produktiver Arbeit überwiegt. Die jählichen Gallup-Umfragen zeigen, dass 80-90% der Angestellten entweder Dienst nach Vorschrift machen, oder ihren Job regelrecht hassen. Das ist schon alarmierend.

UserInnenfrage per Mail: In einem Ihrer Bücher sprechen Sie vom hedonistischen arbeitenden Menschen. Ist Arbeit für Sie Lust?

Holm Friebe: Es gibt eine Definition von guter Arbeit in Richard Sennets empfehlenswerten Buch "Handwerk", die Lautet: "Eine Sache um ihrer selbst willen gut machen". Das ist schon, was viele antreibt, die wir als "Digitale Boheme" bezeichnet haben. AUch die Glücksforschung sagt, dass man Flowzustände dann erlebt, wenn man an einer selbstgewählten Aufgabe selbstbestimmt arbeitet.

schick: Sie beschreiben in Ihren Büchern eine neue gesellschaftliche Klasse, die dank Internet dem selbstbestimmtem Arbeitsleben immer näher kommt. Arbeit ist meiner Meinung nach nie selbstbestimmt, es läuft immer auf Gewinnmaximierung hinaus – nicht?

Holm Friebe: Gewinnmaximierung ist, was die Börse verlangt. Nicht, was viele Soloselbständige antreibt. Gut über die Runden kommen ist die notwendige Bedingung, nicht die hinreichende. Paul Graham sagt: "Einen sinnvollen Beitrag zur Welt leisten, und währenddessen nicht verhungern." Darum geht es.

peninsula: Sie sagen mit Hilfe des Internet können immer mehr Menschen von ihren Ideen und Talenten leben. Aber braucht es zum Überleben und speziell zum gut leben nicht mehr als nur Kreativität?

Holm Friebe: Kreativität ist ein Wort, das ich fast kaum noch benutze, weil es so overjazzed ist. Natürlich kommt mandamit allein nicht weiter, wenn man nicht akzeptiert, dass andere Leute der eigenen Idee soviel Wert beimessen müssen, dass sie bereit sind, etwas dafür zu bezahlen. Es geht also darum, im Long-Tail eine Nische zu finden, die den eigenen Neigungen und Begabungen entspricht - und ein ausreichendes Einkommen sichert.

183ff54e-3492-4ff2-98f5-4b82c1a7b555: Viele im Internet (auch Medien) sind verzeifelt auf der Suche nach funktionierenden Geschäftsmodellen: Ist das nicht utopisch, dass hier tausende Einpersonenunternehmen reüssieren können?

Holm Friebe: Ich finde es mittelfristig nicht utopisch. Vielleicht geht es aber erst mal darum, das eigene Portfolio zu erweitern und sich nicht nur auf einen Beruf festzulegen (was historisch gesehen ohnehin ein Betriebsunfall der Industrialisierung ist). Viele Menschen verdienen sich mit eigenen Blogs, auf etsy.com, dawanda.com oder quirky.com ein Zubrot neben dem Brotjob - und wechseln vielleicht irgendwann die Seiten.

183ff54e-3492-4ff2-98f5-4b82c1a7b555: Ist es eine Art Zwangssituation, weil es keine Arbeit gibt, also muss man kreativ und selbstständig werden?

Holm Friebe: Das ist der neoliberale Imperativ, logisch. Aber wenn man der Tatsache ins Auge sieht, dass die Tage des paternalistischen Unternehmens mit Rundum-Sorglos-Paket nicht mehr zurück kommen, kann man darin auch ein gewisses emanzipatorisches Potenzial erkennen.

183ff54e-3492-4ff2-98f5-4b82c1a7b555: Wo sehen Sie am ehesten Nischen, um als Jungunternehmer erfolgreich zu sein?

Holm Friebe: Ich denke, dass sich bei den exotischen Hobbys der Long-Tail am stärksten auswirkt - schauen Sie sich die Hardhacking-Szene an, die mittlerweile U-Boote Marke Eigenabu herstellt -, hier gibt es enormes Potential für Mehrwertdienstleistungen, weil echte Nerds, Fraks und Fans für jeden Quatsch irrsinnige Summen bezahlen.

der große weiche hai: ein einzelner kann produkte oder dienstleistungen auch ohne internet anbieten - liegt im web nicht einfach nur die leichtere Erreichbarkeit der Zielgruppe?

Holm Friebe: Hallo weicher Hai. Schöner Name. Das Web hilft, das Problem der lokalen Suche zu überwinden. Man ist nicht mehr auf Laufkundschaft angewiesen. Antiquariate waren bis vor kurzem reine Liebhaberei. Heute ist es wieder ein Geschäftsmodell, weil jeder einen weltweiten Markt bedient.

UserInnenfrage per Mail: Ich bin Unternehmer im Online Bereich. In „Wir nennen es Arbeit“ wird von Arbeitsmodellen gesprochen, bei denen Mitarbeiter nach erbrachter Leistung und nicht nach abgesessenen Stunden bezahlt werden. Wie können solche Modelle genauer aussehen bzw.

Holm Friebe: Eigentlich geht das nur über Parttnerschaftsmodelle mit Gesellschaftern, nicht mit angestellten. Der einfachste weg ist das Soloselbständigen-Netzwerk: Einer macht den Generalunternehmer und rechnet gegenüber dem Kunden ab. Die anderen stellen ihm Rechnungen. Kein Overhead.

UserInnenfrage per Mail: Geografisch gesehen: Wo können junge Kreative am besten gedeihen? In Weltstädten wie Berlin oder Wien?

Holm Friebe: Ach, ach... theoretisch natürlich von überall. Und ich kenne fälle von Menschen, die aus eine Hütte in der Mecklenburgischen Seenplatte oder im Waldviertel ihr gesamtes Business abwickeln (DSL vorausgesetzt). In der Praxis zeigt sich, dass es schon hilft, an einem Ort mit einer gewissen Infrastruktur und kritischen Masse an Gleichgesinnten zu sein. Was Saskia Sassen "Placeness" nennt. Interessant ist es, sich nach dem vorbild globaler Konzerne räumlich zu differenzieren: Da wohnen und arbeiten, wo die Mieten günstig und die Leute nett sind, die Kunden dort haben, wo das Geld sitzt.

183ff54e-3492-4ff2-98f5-4b82c1a7b555: Sind Extremsituationen oder Wirtschaftskrisen ein Nährboden für Kreativität, die in dieser Form in einer saturierten Gesellschaft nie freiwerden könnte?

Holm Friebe: Ich glaube schon. Die boomenden Märkte für Hand- und Selbstgemachtes haben von der Finanzkrise praktisch nichts zu spüren bekommen. Obwohl die Produkte streng genommen niemand braucht. in Krisenzeiten überdenken die Leute ihr Konsumverhalten und lenken die Geldströme in eine RIchtung, von der sie finden, dass die Welt so aussehen, arbeiten und produzieren sollte. Vorausgesetzt, sie sind nicht am Verhungern oder Erfrieren.

Arno Nym 24: Könnte die "Zentrale Intelligenz Agentur" o.Ä. auch im ländlichen Bereich überleben ?

Holm Friebe: Mit DSL-Anschluss: ja.

Delilah: Warum sträuben sich Ihrer Meinung noch so viele Unternehmen, ihre MitarbeiterInnen nach erbrachter Leistung anstatt abgesessener Stunden zu bezahlen?

Holm Friebe: Das sind ganz archaische Muster, die da am Werk sind: Der Vorgesetzte bracuht das Gefühl von Macht, und die Illusion von Kontrolle. Sein Selbstwertgefühl richtet sich danach, möglichst viele Schutzbefohleneum sich arbeiten zu sehen (egal, was sie in der Zeit tatsächlich machen.) In den USA hat man das schöne Wort "Facetime" dafür: es geht nur darum, das Gesicht in die Firma zu halten. Die Folgen dieses "Präsentismus" sind Frustration, Burnout, Boreout...

Arno Nym 24: Glauben Sie wirklich, dass für alle Platz ist in ihrer Vorstellung der neuen Arbeitswelt ?

Holm Friebe: Nein. Aber das Problem der Insider udn Outsider der neuen Arbeitswelt ist eines, das durch die Globalisierung und die schmerzliche Metamorphose von der Industrie- zur Wissensgesellschaft hereinkommt - also eins, für das ich nicht verantwortlich bin. Die Leute, die wir beschreiben, machen nur das beste darus.

Arno Nym 24: Sie wissen aber schon, dass es zwischen Großraumbüros und der Selbstständigkeit noch sehr viel dazwischen gibt bzw geben muss ? oder Wäre eine "flexible Fixanstellung" nicht eher ein Ideal für die Allgemeintheit ?

Holm Friebe: Weiß ich, und ich denke, dass die Entwicklung dorthin geht. Im Prinzip sind auch die Festangestellten und befristeten heute schon "Selbständig", denn es gibt keine echte Sicherheit mehr. Sie wollen es nur nicht wahrhaben, aber fühlen sich auch irgendwie prekär. Problematisch ist, dass unsere sozialen Sicherungssysteme dann nicht mehr funktionieren. Das ist ein Problem, das man auf der politischen Ebene lösen muss.

Blicknachvorne: Welche Rolle wird internationale Arbeitsteilung durch die Möglichkeiten des Internets spielen? z.B. Auslagerung von Webdesign nach Indien usw. Ist dies eher Gefahr oder Chance für deutsche u. österreichische Freelancer?

Holm Friebe: In "Marke Eigenbau" beschreiben wir einen Möbeldesigner, der vergesseneGewerke in Drittweltländern aufspürt und kombiniert, gegerbte Rochenhaut aus Vietnam mit geplätteltem Messing aus Marokko. Da tun sich Chancen und Nischen auf. Die globalen AUsbeutungsverhältnisse wird man damit freilich nicht beseitigen, aber man kann wenigstens ein bisschen fairer sein als Nike und co.

Blicknachvorne: Was kann die österreichische Web-Szene noch von der deutschen lernen?

Holm Friebe: Gute Frage: Ein jährliches Event als Sammelbecken aller Strömungen, wie es die Re:Publica inzwischen ist, würde noch nach Wien passen. Gut, Ihr habt die Ars Electronica. Was ist eigentlich aus Netznetz geworden? Das fand ich durchaus vorbildlich.

Herbert Lauritz: Haben Sie in Ihrem Umfeld Erfahrungen mit "Boreout" gemacht, also dem Gegenteil von Burn-Out?

Holm Friebe: Ich glaube, sie werden keinen Freiberufler finden, der von Boreout betroffen ist. Das Phänomen kommt tatsächlich nur in Organisationen vor, wo die zu erledigende Arbeit soweit diffundiert, dass sie an einzelnen Personen vollends vorbeifließt. Damit will ich das Problem nicht kleinreden, für die Betroffenen ist das ein Namenloser Schrecken aus Hilflosigkeit und Verlust an Selbstwertgefühl.

Herbert Lauritz: Wie sieht ihr persönlicher Tagesablauf aus?

Holm Friebe: Es gibt keinen typischen Tagesablauf. Der richtet sich brutal nach den familiären und beruflichen Anforderungen, sowie nach Laune und Tagesform. In einem morgendlichen internen Schiedsgericht wird jeweils ausgehandelt, was wann wie und wo zu tun ist.

Herbert Lauritz: Woran arbeiten Sie gerade? Neues Buch in Planung?

Holm Friebe: 100 Euro für eine gute Idee für ein Buch. Ich unterrichte an der Zürcher Hochschule für Gestaltung und kümmere mich ums Kundengeschäft der Zentralen Intelligenz Agentur. Gute Ideen kann man nicht erzwingen, man muss warten, bis sie einen finden.

183ff54e-3492-4ff2-98f5-4b82c1a7b555: Viele haben ein Problem, dass sich Arbeit und Privatleben immer mehr vermischen (Facebook-Generation) und nicht mehr strikt trennen lassen. Wie lautet Ihr Patentrezept?

Holm Friebe: Ich bin ein großer Freund der Amalgamierung von Arbeit und Privatleben. Dadurch passt von beidem mehr in den Tag, und es verursacht weniger Konflikte. Die totale Vermischung (Pasteurisierung, Homogenisierung) finde ich hingegen bedenklich.

183ff54e-3492-4ff2-98f5-4b82c1a7b555: Welche Netzwerke empfehlen Sie für berufliche Kontaktpflege? Reichen Facebook und Xing?

Holm Friebe: Wenn ich wüsste, wie man bei XING wieder rauskommt, wär ich da schon längst weg. Das "Geschaftlhuberische" dort geht mir auf den Keks. Auch Facebook nutze ich eher privat, obwohl (siehe letzte Antwort). Keine Ahnung. Profi-Mailinglisten werden unterschätzt.

ModeratorIn: Können Sie Amalgamierung genauer erklären?

Holm Friebe: Moderatorin: Beides fließt ineinander und bleibt doch unterscheidbar.

183ff54e-3492-4ff2-98f5-4b82c1a7b555: Besteht nicht die Gefahr, dass mit der orts- und zeitunbahängiger Arbeit eine soziale Vereinsamung einhergeht, wenn sich viele nur nich innerhalb der eigenen vier Wände bewegen?

Holm Friebe: Darauf reagiert der Coworking-Trend: Soloselbständige teilen sich Räume und Ressourcen und arbeiten gemeinsam, wenn auch nicht wirklich zusammen. Generell hat sich gezeigt, dass auch online bedeutsame Beziehungen entstehen können, und das Internet alles andere befördert als Vereinsamung. Man muss halt nur mal zwischendurch duschen und einkaufen gehen.

BankRott: Sg. Hr. Friebe, wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Volkswirtschaften insbesondere in der EU?

Holm Friebe: Hammerfrage zum Schluss. Ich finde, dass man ein paar Banken hätte hochgehen lassen sollen und auch Griechenland nicht raushauen. Wenn die Investoren mitbekommen, dass der Risiko-Rendite-Deal nicht mehr stimmt, weil der Staat das Risiko wegpuffert und sie die risikolose Rendite einstreichen können, dann gibt es bald kein halten mehr. All das wäre Wasser auf die Mühlen der Marke Eigenbau.

UserInnenfrage per Mail: hnen wurde auch schon vorgeworfen, dass Sie erst recht das neoliberale Denken unterstützen, wo der arbeitende Mensch verfügbar sein muss, wenig zählt und nur zur Gewinnmaximierung nötig ist. Sie wollten doch ursprünglich genau das Gegenteil oder?

Holm Friebe: Will ich auch immer noch. Aber wir müssen uns überlegen, was wir bis zur Einführung des Sozialismus mit unserer Zeit und unserer Arbeitskraft anfangen. Politisch für den Sozialismus arbeiten und währenddessen nicht verhungern, lautet die Devise.

183ff54e-3492-4ff2-98f5-4b82c1a7b555: Wie soll man als Einpersonenunternehmen jemals auf Urlaub gehen?

Holm Friebe: Was soll ich dazu sagen? Einfach machen. Schock-Marketing, übrigens eine Wiener Erfindung von ubermorgen.com besagt. Wenn man Kunden vor den Kopf stößt, kommen sie garantiert wieder, weil sie die Demütigung nicht ertragen und ungeschehen machen wollen. So in etwa... :)

ModeratorIn: derStandard.at bedankt sich bei Holm Friebe fürs Einfliegen aus Deutschland und bei den UserInnen für die vielen Fragen. Einen schönen Arbeitstag noch!

Holm Friebe: Bye! http://www.youtube.com/watch?v=oHg5SJYRHA0

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